Miese DSDS-Quoten: Die Dieter-Dämmerung

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Probleme? Nö, wir doch nicht! Ober-Juror Dieter Bohlen verteidigt wortreich seine schwächelnde Sing-Show "Deutschland sucht den Superstar". Doch die Zuschauerzahlen widersprechen dem Gott des Castingfernsehens.

DSDS: Erfolgsformat in Quotennöten Fotos
RTL

Hamburg/ Köln - Braucht man noch ein deutlicheres Zeichen dafür, dass der Gott seine dauerhafte Vertreibung aus dem Quotenhimmel fürchtet? Vermutlich nicht. Ausgerechnet seine größte Bühne nutzte Deutschlands höchstes Casting-Wesen Dieter Bohlen zu einer Verteidigungsrede in eigener Sache.

"Ich glaub, das Problem, das die Leute mit uns haben, ist einfach, dass wir wirklich über zehn Jahre jetzt einfach erfolgreich sind", sagte der 58-Jährige in der am Samstag ausgestrahlten Ausgabe von "Deutschland sucht den Superstar". Das klingt erst einmal nach einem dieser typischen Sätze aus dem Hause Bohlen, in denen sich unverwüstliches Selbstbewusstsein mit kaum verhohlener Arroganz paart und die im Kern nichts anderes besagen als: Ihr könnt mich mal, denn ihr könnt nichts - und ich kann alles.

Irgendwie mag man ihm das aber dieses Mal nicht recht abnehmen. Denn sonderlich souverän wirkt es ja nicht, wenn Bohlen die Feststellung verschiedener Medien, die mittlerweile neunte Staffel von DSDS habe ein Quotenproblem, direkt in besagter Show zum Thema macht oder, präziser formuliert: zum Thema machen lässt. Es war bizarrerweise DSDS-Moderator Marco Schreyl, der den DSDS-Juror Bohlen in der DSDS-Mottoshow am Samstag fragte, ob DSDS ein Problem habe.

Bohlen holte in seiner Antwort dann ein bisschen weiter aus: "Ich finde, solange uns doppelt so viel Zuschauer angucken, wie, sag ich mal, diese tolle Echo-Verleihung, die da war, ja, ich glaube, solang haben wir kein Problem. Und solange wir die Castingshow sind mit den meisten Zuschauern, sehe ich - ehrlich gesagt - kein Problem."

Schlechter als Carmen Nebel

Kein Problem? Sicher: Die Echo-Verleihung, dieser alljährlich zur Glamour-Gala aufgehübschte Geschäftsbericht der deutschen Popindustrie, hatten bei der ARD am Donnerstag nur schlappe 2,58 Millionen Zuschauer geguckt, Bohlens DSDS-Ausgabe vom Samstag erreichte dagegen 4,69 Millionen Zuschauer. Macht im Vergleich also rund zwei Millionen mehr.

Aber sollten die schwächelnde Casting-Konkurrenz oder das schon seit Jahren moribunde Echo-Einerlei wirklich ein Maßstab für den Poptitanen sein? Oder nicht doch eher die eigenen Erfolge von früher? Der studierte Betriebswirt Bohlen kann mit Zahlen umgehen, kein Zweifel. Genau deswegen dürfte ihm nicht entgangen sein, dass seine Show erneut unter die Fünf-Millionen-Marke gerutscht ist. Und er dürfte sich auch daran erinnern, dass die achte Staffel im vorigen Jahr noch durchschnittlich 6,38 Millionen Menschen verfolgt hatten. Macht im Vergleich zur letzten DSDS-Show also ebenfalls fast zwei Millionen - bloß weniger.

Auch der direkte Vergleich fiel für Bohlen nicht gut aus. Der ARD-Krimi "Mordkommission Istanbul - Blutsbande" lockte 5,91 Millionen Zuschauer. Und 4,89 Millionen schalteten die ZDF-Musiksendung "Willkommen bei Carmen Nebel" ein - womit ihn auch die Quotenqueen der Generation 50 plus auf die Plätze verwies. An Zeiten, wo Bohlen "Wetten, dass..?" quotentechnisch auf die Pelle rückte, kann er eh schon lange nicht mehr anknüpfen. Kürzlich landete er beim Gesamtpublikum sogar hinter dem ARD-Ladenhüter "Verstehen Sie Spaß?". Welch Schmach.

Bliebe noch die berühmt-berüchtigte Zielgruppe, mit der bei den Privaten das Geld verdient wird - was Bohlen und RTL ja am meisten interessieren dürfte. Doch auch hier: nichts als schlechte Nachrichten. Von den für den Sender werberelevanten 14- bis 49-Jährigen erreichte die gestrige Ausgabe 2,71 Millionen, was einem Marktanteil von 23,0 Prozent entspricht. Bei der achten DSDS-Staffel waren es dagegen durchschnittlich noch - exzellente! - 32,4 Prozent Marktanteil gewesen.

Auch mit dem Argument, dass die ja nun eher jungen DSDS-Gucker den schönen Frühlingsabend lieber außerhäusig und damit nicht vor dem Fernseher verbracht haben, können sich Bohlen und RTL kaum herausreden. "Elton vs. Simon" zum Beispiel, die Abschiedsausgabe der ProSieben-Show mit den beiden Knallchargen vom Dienst, zielte auf ein ähnliches Publikum - und kam auf stattliche 1,7 Millionen Zuschauer aus eben dieser Zielgruppe (Marktanteil 16,0 Prozent). Besonders bitter für Bohlen auch folgendes Detail: Die Entscheidung, wer bei DSDS rausfliegt, stieß laut Branchendienst DWDL gegen 23 Uhr mit nur noch 19,0 Prozent Marktanteil auf sehr wenig Interesse.

Dieter Bohlen wird für DSDS kämpfen, natürlich. So ist die Ankündigung zu verstehen, dass RTL demnächst mit "DSDS Kids" auf Sendung gehen wird, einer Kinderversion, mit der der Sender Zuschauernachwuchs für das Hauptformat heranziehen will. Und darum demütigte Bohlen am Samstagabend den Kandidaten Joey Heindle, indem er aus dem Saal flüchtete, als der Möchtegern-Star zu singen begann; ein Versuch mit mehr Krawall auch mehr Schlagzeilen zu bekommen - und damit Zuschauer. Vielleicht war die Saalflucht aber auch ein unfreiwilliges Symbol für den baldigen Abgang Bohlens und des ehemaligen Erfolgsformats DSDS. Der Eindruck drängt sich auf: Die Dieter-Dämmerung hat begonnen.

mit Material von dpa

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insgesamt 79 Beiträge
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1. halleluja
ziegenzuechter 25.03.2012
Zitat von sysopProbleme? Nö, wir doch nicht! Ober-Juror Dieter Bohlen verteidigt wortreich seine schwächelnde Sing-Show "Deutschland sucht den Superstar". Doch die Zuschauerzahlen widersprechen dem Gott des Castingfernsehens. Miese DSDS-Quoten: Die Dieter-Dämmerung - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Kultur (http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,823597,00.html)
die zuschauerzahlen bei dsds sinken! und ich hatte schon am verstand der tv zuschauer gezweifelt. willkommen auf fdp niveau herr bohlen!
2. Bohlen verprellt seine DSDS-Fans!
ana_lyse 25.03.2012
Dass die Zuschauerzahlen bei DSDS sinken, ist kein Wunder. Bohlen ist dabei, seine Fans zu verprellen. Jüngstes Beispiel: Während Kandidat Joey sang, verließ Bohlen das Studio und weigerte sich zunächst, eine Beurteilung abzugeben. Unfair und respektlos! Zudem unglaubwürdig. Schließlich hat Bohlen diesen jungen Mann in die Gruppe der Top 15-Sänger genommen - so schlecht kann der also nicht sein. Bohlen hat sich wieder mal äußerst schlecht benommen und damit am eigenen Ast gesägt.
3. Leider...
semper-idem 25.03.2012
...kann ich zum Zuschauerschwund bei dieser zur Volksverdummung und Zeitverschwendung konzipierten Sendung nichts mehr beitragen. Habe vor Jahren mal für ein paar Minuten reingezappt - seitdem nie mehr.
4. Blamage
pepito_sbazzeguti 25.03.2012
Zitat von ziegenzuechterdie zuschauerzahlen bei dsds sinken!
Ja klar, weil es da nie Überraschungen gibt. Es bewerben sich etwa 30.000 mehr oder weniger begabte Geräuschquellen und am Ende gewinnt (im Regelfall) der BRAVO-Boy.
5. Bohlen verprellt seine DSDS-Fans!
ana_lyse 25.03.2012
Dass die Zuschauerzahlen bei DSDS sinken, ist kein Wunder. Bohlen ist dabei, seine Fans zu verprellen. Jüngstes Beispiel: Während Kandidat Joey sang, verließ Bohlen das Studio und weigerte sich zunächst, eine Beurteilung abzugeben. Unfair und respektlos! Zudem unglaubwürdig. Schließlich hat Bohlen diesen jungen Mann in die Gruppe der Top 15-Sänger genommen - so schlecht kann der also nicht sein. Bohlen hat sich wieder mal äußerst schlecht benommen und damit am eigenen Ast gesägt.
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