"Schulz & Böhmermann" auf ZDFneo "Jesus war der letzte Deutsche mit Glamour"

"Schulz & Böhmermann" wagen ein Experiment: Klischee-Darsteller spielen eine TV-Talkshow - mit allem, was dazugehört. Amüsant ja, Erkenntnisgewinn nein. Wie im echten Leben.

Olli Schulz und Jan Böhmermann
ZDF/ Ben Knabe

Olli Schulz und Jan Böhmermann

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Ein Zündelhansel, der sich als Anti-Feminist bezeichnet und behauptet: "Jesus war der letzte Deutsche mit Glamour." Eine gut abgehangene Schauspielerin, die es jetzt mit Esoterikklimbim versucht, und eine Doku über die erdende Magie des Barfußlaufens. Figuren, die man als idealtypische Talkshow-Gastdarsteller kennt. Mit dem Unterschied, dass sie ihre Rollen in der neuen Folge von "Schulz & Böhmermann" dieses Mal mit Ansage aufführen.

Wir alle spielen Theater. Jau, weiß man spätestens seit 1959, als Erving Goffman seine soziologische Auseinanderklamüserung zur menschlichen Taktik veröffentlichte, in unterschiedlichen Kontexten unterschiedliche Ich-Varianten zu präsentieren. In der sozialen Aufgabenstellung "Ich als Talkshowgast" sind viele Menschen dabei leider ausgesprochen einfallslos, wie diese Sonderausgabe der Talkshow zeigte.

Gespielt werden die falschen Gäste von echten Schauspielern: Lars Eidinger ist Finn Meinholt, der plump provozierende Theatermime, Iris Berben die altblonde Schauspielerin Kathrin Ferrante, die ihren letzten Fernsehauftritt vor zehn Jahren bei "Wetten, dass..?" hatte. Katharina Thalbach gibt die brandenburgische Rentnerin Marita Skwara, und Caroline Herfurth verkörpert die YouTube-Unternehmerin Claudine Landmann (bitte französisch aussprechen). Ihre Charaktere sind festgelegt, die Dialoge improvisieren die Gäste.

Marita Skwara versteht nur Influenza, wenn es um Influencer geht

"Enttäuscht von Deutschland" ist das vorgegebene Motto der Runde, aber das ist egal, weil es den Gästen natürlich niemals um ein Thema, sondern immer nur um sich selbst geht. Die simplen Mechanismen solcher Talkshow sind nun nicht so nebulös, dass sie dringend einer Entlarvung bedürften, zudem hat Olli Dittrich in seinen Vielrollen-Persiflagen das Format schon hinlänglich hoppgenommen. Trotzdem ist es amüsant, dabei zuzuschauen, wenn Eidinger im Performance-Wahn einen echten Totenschädel auspackt und Thalbachs abgehängte Rentnerin an ihrem antiken Klapphandy nestelt (noch schöner wird es, wenn man in der anschließenden Nachbesprechung erfährt, dass es tatsächlich ihr eigenes ist).

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Bei ihr stößt die Idee dann allerdings auch manchmal an ihre dramaturgischen Grenzen, wenn sie zu sehr ins knallchargig Offenmündige abgleitet: Marita Skwara versteht natürlich nur Influenza, wenn es um YouTube-Influencer geht, und wird im Herbst die AfD wählen, die sich im Gegensatz zu den anderen, Unwählbaren, noch um die kleinen Leute kümmert. Es fallen dieselben Schwundsätze, die bei Talkshowauftritten und anderen O-Ton-Äußerungen irgendwie immer gehen, weil sie nichts bedeuten und sie niemand wirklich auf ihren Wahrheitsgehalt überprüfen kann: "In Amerika wird man für Erfolg bewundert, anders als in Deutschland, wo die Menschen nur neidisch sind." Es gibt die sattsam bekannten inhaltlichen Schwarzen Löcher wie "Die Weite Malibus gibt mir ein Gefühl von Weite". Und wenn einem partout keine nichtssagende Höflichkeit einfällt, mit der man eine schauspielerische Leistung bedenken könnte, bleibt immer noch der Allzweck-Stopfer: "Beeindruckend, dass man sich so viel Text merken kann. Alles auswendig!"

Der Erkenntnisgewinn der schönen Stilübung ist freilich überschaubar: Man kennt sie halt schon aus den echten Talkshows, die leicht dimmlich beleuchteten Schauspielerinnen, die machmal auch mit zwielichtigen Unternehmern verheiratet sind und mehr durch ihre sensationell ichichich-kreischigen Instagram-Posts als durch cinematische Arbeiten auffallen - wenn man sehr scharf nachdenkt, fällt einem vielleicht sogar eine konkrete ein. Und Eidingers motzig-rotziger Theaterfatzke trägt nicht umsonst Fassbinder-Gedächtnis-Pony und -Brille. Sein schönster Moment (und vielleicht auch die beste Stelle der ganzen Sendung): als es um die Rolle der 1,80 Meter großen Ferrante geht, in der sie eine Kleinwüchsige spielt, und er sofort halb beleidigt in den Gesprächsfluss pampt: "Mein Vater war kleinwüchsig!", um die Aufmerksamkeit wieder an sich zu raffen. Dabei hatte er kurz vorher noch behauptet, sein Vater sei Bertolt Brecht.

Schade, dass Schulz und Böhmermann nicht die Rollen wechseln

"Sind das nicht die Naomis in Neuseeland?", fragt irgendwann Olli Schulz, als es darum geht, dass manche Naturvölker glauben, durch das Fotografiertwerden ihre Seele zu verlieren, und lenkt die träge Aufmerksamkeit des Zuschauers damit auf einen Nebenaspekt: Die Gäste spielen andere, die beiden Moderatoren wie immer sich selbst. Olli Schulz klaubt festgetretene Kalauer auf, Jan Böhmermann wirft sich ins Zeug, um die trudelnde Schaluppe wieder auf Kurs zu bringen. Schade, dass nicht auch sie fremde Moderationskostüme anzogen: Man hätte gern Schulzens Lanz oder Böhmermanns Will gesehen.

Schulz & Böhmermann, Sonntag, 6.8., 23.15 Uhr auf ZDFneo. Ab 20.15 Uhr in der Mediathek verfügbar.



insgesamt 10 Beiträge
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Little_Nemo 06.08.2017
1. Die Retter der Schwafelrunde
Naja, ich vermute Frau Rützel meckert hier auf hohem Niveau. "Schulz & Böhmermann" war ja von Anfang an immer ein Experiment, das jedesmal irgendwie scheiterte, das aber auch jedesmal eine seltene und willkommene Alternative zum fassadenhaften Einheitsquark war. Schon weil hier auch mal die anderen eingeladen werden. Kein ewiger Wolfgang Bosbach, der in divenhafter Attitüde und mit wehendem Gewand schon mal theatralisch das Studio verlässt, weil es jemand gewagt hat konservative Autorität infrage zu stellen. Stattdessen z.B. Doro Pesch, die auf immer wieder verblüffende Weise ganz sie selbst ist, völlig ungekünstelt und bescheiden, wie sie es mit 17 schon war und es wohl auch mit 97 noch sein wird. So ist "S & B" immer wieder frisch, überraschend und authentisch wie eine leicht angesäuselte, aber inspirierte Kneipenunterhaltung und nicht die übliche Mischung aus Wahlkampfsendung und Promi-PR-Veranstaltung. Mir gibt das irgendwie mehr. Und der Erkenntniszuwachs muss ja auch nicht mit dem Vorschlaghammer kommen. Ein Stück weit sind wir dafür auch selbst verantwortlich.
upalatus 07.08.2017
2.
Erkenntnisgewinne im überbordenden Geschäftsmodell 'Provokantes Herumwerfen mit komischen Sätzen und Kraftausdrücken'? Je doppel/dreifach/vierfach/endlosbödiger Aussage umso gehaltvoller? Es geht in dem Wortformuliergeschäft (welches auch Böhmermanns schlichtes Auskommen und Broterwerb darstellt) ständig um Generierung ganz neuer LachGrinsBetrofffffffenheitSchenkelklopfauslöser auf Teufel komm raus, einfach auch um damit im Gespräch zu bleiben. Diese Produkte werden verkonsumiert wie Masseneier aus dem Discounter.
observerlbg 07.08.2017
3. Klasse, Anja Rützel....
....Liebe Foristen, bitte nicht als Fundamentalkritik verstehen. Frau Rützel meint es doch nur lieb. Bitte hier im Forum nicht wieder beweisen, dass wir Deutsche keinen Humor haben. Und bitte Frau Rützel, mehr davon auch ohne Junglecamp ;-)
ludna 07.08.2017
4. So ein Format gab es vor Jahren schon mal,
mehrere Talksschows sogar.
Mertrager 07.08.2017
5. Die Grenze zwischen Kunst, Genialität und Schwachsinn
... ist nicht immer leicht auszulosten. Manchmal liegt das alles sehr nah beieinander. Ich entscheide mich hier für die Beurteilung als Schwachsinn. Mögen jene glücklich sein, die es anders sehen.
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