ZDFneo-Talk "Schulz & Böhmermann" Unfair? Unbedingt!

Keine Redezeit, keine Gnade: Der ZDFneo-Talk "Schulz & Böhmermann" legt höchst amüsant offen, wie Fernsehen funktioniert: als Ego-Wettkampf.

ZDF/ Ben Knabe

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Zum Schluss ihrer neuen Talksendung benutzen Olli Schulz und Jan Böhmermann einen alten Trick. Man kennt ihn aus dem Film "8 Mile", in dem der Rapper Eminem zu einem Hip-Hop-Battle antritt. Statt seinen Gegner möglichst pointiert zu beleidigen, rappt er über seine eigenen Fehler - und nimmt damit jede Kritik vorweg.

Auch Schulz und Böhmermann nutzen die letzten Minuten bei der Aufzeichnung ihrer Sendung clever wie ein weißer Vorstadtrapper. Im abgedunkelten Fernsehstudio halten sie eine kritische Nachbesprechung: Wie haben wir das gemacht? Wie waren die Gäste? In wenigen Worten bringen sie dabei die vergangenen 60 Minuten auf den Punkt und erledigen damit fast schon den Job der Fernsehkritiker. Beide sind sich einig: Es war eine gute erste Sendung. "Aber halten wir fest: Es ist noch Luft nach oben", so Böhmermann. Treffer.

Mit der Gesprächssendung "Schulz & Böhmermann" kehrt an diesem Sonntag ein Talk-Format zurück, das mit seinem unbedingten Willen zur Anarchie bereits vor vier Jahren die gediegenen Plauderrunden vorführte. Damals moderierte noch Autorin Charlotte Roche an der Seite von Jan Böhmermann, wegen persönlicher Differenzen war nach zwei Staffeln allerdings Schluss. Jetzt gibt es einen neuen Versuch mit dem Musiker Olli Schulz.

Sibylle Berg als Deus ex machina

Das Setting der Sendung ist geblieben: Düstere "Dr. Seltsam"-Atmosphäre, ein runder Tisch mit alten Stabmikrofonen, eine Flasche Whiskey, ein paar Aschenbecher. Lediglich die Zahl der Gäste wurde auf vier reduziert und für den Pullunder-Ansager William Cohn darf nun die Schriftstellerin Sibylle Berg als Deus ex machina die sprachverliebten Einspieler sprechen.

Die Moderatoren, so wird es angekündigt, "sind nicht vermittelnd, sondern Partei ergreifend". Vor allem haben sie kein Interesse, die Sendung in einer abgeklärten Jörgpilawahaftigkeit wegzumoderieren. Das erklärte Ziel ist es, eine wirkliche Gesprächsrunde entstehen zu lassen. Mit allen Risiken. Auch das Scheitern der Sendung wird dabei in Kauf genommen. Es gibt pro Gast keine festgelegte Redezeit, keine Gnade. Die Dynamik entsteht durch die Konstellation der Gäste.

"Die Sendung funktioniert in dem Moment", sagt Böhmermann. Wer sich nicht einbringt, muss schweigen. Es ist wie eine nie enden wollende Improvisationsübung. Für öffentlich-rechtliche Sicherheitsfanatiker muss das die Hölle sein, weshalb der Talk auch nur im Spielzimmer von ZDFneo gezeigt wird. "Schulz & Böhmermann", das ist ein Gesprächslabor, ein Ego-Wettkampf, wo jeder schauen muss, wo er bleibt.

Gleich in der ersten Sendung wird das ziemlich deutlich: Bis die Drehbuchautorin Anika Decker ("Keinohrhasen") zum ersten Mal etwas sagt, vergehen ganze 26 Minuten. Auch danach beschränkt sich ihr Auftritt auf wenige dürre Sätze. Die übrigen Gäste - Rapper Kollegah ("Du bist Boss"), Wettermoderator Jörg Kachelmann und der verurteilte Hochstapler Gert Postel - amüsieren sich dagegen königlich. Unfair? Unbedingt!

Besonders Kollegah, bürgerlich: Felix Antoine Blume, hat schnell verstanden, wie es funktioniert. Mit einer kühnen Mischung aus Gangster-Darsteller und Zigarren-Posen schafft er es, teilweise sogar noch smarter aufzutreten als die beiden Moderatoren ("Gangster-Rapper zu sein, hat viele Nachteile, beim Hauskauf etwa").

Kachelmann hingegen hat nach seinem aufsehenerregenden Prozess, bei dem er vom Vorwurf der Vergewaltigung freigesprochen wurde, eine Mission. Was ihm deutlich anzumerken ist ("Unschuldig im Knast zu sein, ist eine der größten Furchtbarkeiten"). Und auch Postel, der jahrelang als Arzt ohne Zulassung arbeitete, redet sich im Laufe der Sendung um Kopf und Kragen. Das alles ist ziemlich irre, aber immerhin nicht langweilig.

Vertrauen darf man beiden natürlich nicht

Im Vorfeld war die Frage spannend, wie Schulz und Böhmermann sich als gemeinsames Moderatoren-Duo im Fernsehen schlagen würden. Dafür proben die beiden immerhin schon seit 2012 in ihrer Radiosendung "Sanft und Sorgfältig".

Genau wie im Hörfunk beanspruchen beide auch in der Sendung einen überproportional großen Redeanteil. Ihre Fragen sind wie Pappmaché, aus denen sich jeder basteln kann, was er will. Dennoch funktioniert die bewährte Rollenverteilung auch im TV: Während Schulz den lebensechten Charlie Brown gibt, der Fragen aus dem Bauch stellt, spielt Böhmermann weiter tapfer den Journalisten. Das ist sehr unterhaltsam. Vertrauen darf man beiden natürlich nicht.

Produziert wird "Schulz & Böhmermann" übrigens wieder von der Bild- und Tonfabrik, jener ehemaligen Studenten-Firma, die schon "Roche & Böhmermann" machte und auch für das "Neo Magazin Royal" verantwortlich ist. Vielleicht muss man es bei aller Heldenverehrung von Böhmermann und Schulz deshalb einmal aufschreiben: Ohne dieses Kreativteam wäre die Sendung sicher auch lustig, aber eine andere.

Bereits jetzt sind alle Folgen der ersten Staffel abgedreht und man kann nur hoffen, dass sich in den Talkrunden mit "Bild"-Journalist Paul Ronzheimer, Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckardt oder Schauspielerin Nora Tschirner Gespräche und Fragen ergeben haben, mit denen vorher nicht zu rechnen war. Einfach, weil man "Schulz & Böhmermann" so gerne glauben möchte, dass in dieser Sendung alles möglich ist.


"Schulz & Böhmermann", ab Sonntag, 20.15 in der Mediathek; 22.45 Uhr, ZDFneo

Zum Autor
Christian O. Bruch
Jonas Leppin schreibt für den SPIEGEL über Kultur, davor war er Redakteur des Manager Magazins und besuchte die Henri-Nannen-Journalistenschule.

E-Mail: Jonas_Leppin@spiegel.de

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insgesamt 59 Beiträge
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Seite 1
pmeierspiegel 08.01.2016
1.
das zeigt er in der tat, aber sicher unbeabsichtigt: ich muß für dieses quatsch zwangsweise gez abdrücken . so funktioniert dieses öffentliche rechtliche fernsehsystem darum: max 1 hauptsender und 3 spartenprogramme - das reicht locker und dann kommt man auch mit einem bruchteil des geldes aus.
dirkozoid 08.01.2016
2. @pmeierspiegel
Für Sie ist es Quatsch, andere möchten es vielleicht gerne sehen. Zum Glück legen Sie nicht fest, wie "dieses öffentliche rechtliche fernsehsystem" funktioniert.
01099 08.01.2016
3.
Krass, da ist die Sendung noch nicht einmal ausgestrahlt und schon kommt der erste Rohrspatz um die Ecke und schimpft über die Rundfunkabgabe. Es ist zum Schießen. Im übertragenden Sinne natürlich.
brooklyner 08.01.2016
4.
Zitat von pmeierspiegeldas zeigt er in der tat, aber sicher unbeabsichtigt: ich muß für dieses quatsch zwangsweise gez abdrücken . so funktioniert dieses öffentliche rechtliche fernsehsystem darum: max 1 hauptsender und 3 spartenprogramme - das reicht locker und dann kommt man auch mit einem bruchteil des geldes aus.
Also ich bin ganz dankbar dafür, dass "dieses Quatsch" gezeigt wird, so bekomme ich wenigstens auch Mal etwas serviert, das mir schmeckt. Ich fühle mich beispielsweise durch schaurige Machwerke wie Tatort oder die Rentnerbespassung nicht angesprochen. Aber dass die Senderzahl der ÖR ausgedünnt gehört, da stimme ich Ihnen durchaus zu.
hansa54 08.01.2016
5. Zu Kommentar 1.
1 Hauptsender und 3 Spartenprogramme sind evtl. ein wenig zu wenig, aber die Richtung würde stimmen. Nur wer finanziert dann den ganzen Wasserkopf mit den abgehalfterten Politikern?
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