Schweiger als "Tatort"-Ermittler Mach uns den Schimanski, Til!

Til Schweiger soll womöglich den Hamburger "Tatort"-Kommissar spielen. Was erschreckend klingt, könnte eine ziemlich gute Idee sein - vor allem für ihn selbst. Im Fernsehen könnte sich Schweiger zum Action-Star entwickeln und eine Figur erschaffen, die auch auf der Leinwand Bestand hätte.

Warner Bros.

Von Lars-Olav Beier


Wenn deutsche Schauspieler ihre Karriere beim Fernsehen begonnen haben und eines Tages im Kino erfolgreich sind, kehren sie von der Leinwand eher ungern zum Bildschirm zurück. Man ist ja froh, das Viertel, in dem man aufgewachsen ist, endlich hinter sich gelassen zu haben, es zu etwas gebracht zu haben. Und natürlich ist es viel befriedigender, wenn Millionen von Menschen ihre Hintern aus dem Fernsehsessel hieven, ihre Wohnung verlassen, in ihr Auto steigen, einmal quer durch die Stadt gurken und acht Euro an der Kinokasse lassen, um einen sehen zu wollen.

Das Problem in Deutschland ist nur: Der einzige Kino-Schauspieler, für den Millionen Zuschauer das tun, ist Til Schweiger. Das ist allerdings eher ein Problem für das deutsche Kino und weniger für Til Schweiger. Erste Meriten verdiente er sich in der Lindenstraße, dann gab er den Assi von Hannelore Elsners Vorabend-"Kommissarin". Und nun scheint sich der seit vielen Jahren einzige deutsche Kinostar ernsthaft Gedanken zu machen, im Hamburger "Tatort" die Nachfolge von Mehmet Kurtulus anzutreten. Schon vor einigen Wochen meldete der SPIEGEL diese Personalie.

Schweiger, der Quotenmäzen?

Zur Zeit halten sich alle bedeckt, der verantwortliche Sender NDR ebenso wie Schweigers Management, aber die Hartnäckigkeit, mit der nicht dementiert wird, ist interessant. So interessant, dass die "Bild"-Zeitung, die beim angeblichen Schweiger-Deal schon Vollzug meldete, nun bereits über mögliche Regisseure spekuliert (Bully Herbig!). Die eigentlich spannende Frage lautet aber: Wieso sollte Schweiger, dessen letzte drei Eigenproduktionen "Keinohrhasen", "Zweiohrküken" und "Kokowääh" zusammen über 100 Millionen Euro eingespielt haben, das Fernsehen an seinem Erfolg teilhaben lassen? Eine mildtätige Gabe, eine "Aktion Mensch" kurz vor Weihnachten?

Das Risiko ist nicht klein: Wenn die Leute sich erst mal dran gewöhnen, dass Schweiger zu ihnen nach Hause kommt, fahren sie dann noch für ihn durch die halbe Stadt? Ein Star macht sich rar, verknappt sich zur Mangelware, damit alle losrennen, um auch nur ein bisschen von seinem Glanz abzukriegen. Nicht jeder kann das. Jürgen Vogel, der mit "Die Welle" großen Erfolg im Kino hatte, war danach überall zu sehen, kalauerte sich durch die Schillerstraße, jamesbondete sich durch TV-Spots. Nach einem durchschnittlichen Fernsehabend schaute man sicherheitshalber unter dem Bett nach, ob da nicht Jürgen Vogel drunter lag. Natürlich ist Vogel eigentlich super, keine Frage, aber zuletzt freute man sich, wenn man wenigstens im Kino von ihm verschont wurde.

Was hätte Schweiger also eigentlich zu gewinnen bei diesem Deal? Einige vermuten, er wolle nun endlich Anerkennung beim Feuilleton finden, das ihm traditionell wenig abgewinnen kann. Doch vermutlich ist ihm das Feuilleton inzwischen egal, so wie einem auch die Jungs egal sind, die einen früher auf dem Schulhof vermöbelt haben. Vielleicht grübelt er vielmehr über seine Fans nach, über das, was sie von ihm wollen, und über das, was sie von ihm nicht wollen. Er hat mit einem Kino Erfolg, das niemand in Deutschland so beherrscht wie er, mit viel Komik und ein wenig Romantik, aber er träumt womöglich noch von einem ganz anderen Kino, vom Thriller und vom Actionfilm.

Blutige Nase mit harter Action

Er hat es ja schon mehrfach versucht, in eigenen Filmen ("One Way") und in fremden ("Far Cry"), und er hat sich dabei immer eine blutige Nase geholt. "Far Cry" hat nicht mal ein Hundertstel des "Keinohrhasen"-Box-Office eingespielt - man könnte also von einem gewissen Missverhältnis sprechen. Klar, er war bei Tarantino dabei, bei "Inglourious Basterds", aber ehrlich gesagt stand er da als Hugo Stiglitz eher in der zweiten Reihe - und in der ersten standen ziemlich viele. Jetzt kommen zwar ein paar Filme mit ihm, die richtig männlich klingen, "This Means War" von Terminator-Regisseur McG etwa, aber natürlich will Schweiger mehr sein als die deutsche Beigabe in Hollywood-Krachern. Und er kann auch mehr.

Schweiger-Komödien leben davon, dass die von ihm gespielten Helden, oft zu Recht, von einem Missgeschick übermannt werden, dass ihnen die Dinge entgleiten. Man kann sehr gut verstehen, dass er Männer spielen will, die die Dinge im Griff haben oder in den Griff bekommen, die nicht immer nur den Mist beseitigen müssen, den sie sich selbst eingebrockt haben, sondern die sich an richtigen, großen, starken, bösen Gegnern messen können. Statt dass sich seine Zuschauer immer nur auf die Schenkel hauen, könnten sie sich zur Abwechslung ja auch mal in den Sitz krallen. Die "Tatort"-Rolle könnte ein schlauer Schritt auf dem Weg zum Imagewechsel sein.

Denn eigentlich ist der "Tatort" eine Schmiede für markige Helden. Schon Hansjörg Felmy in den siebziger Jahren hatte als Kommissar eine bezwingende Lässigkeit und Härte. Einer wie Felmy in Frankreich - und er hätte sich locker eingereiht in die coolen Kinokommissare, die von Lino Ventura oder Alain Delon gespielt wurden, die auch mal über Leichen gingen, wenn's der Sache diente. Doch das deutsche Kino der Siebziger hatte keine Verwendung für Kommissare und für Coolness schon gar nicht. Felmy lieh seine Stimme dann den härtesten der Harten, er synchronisierte Steve McQueen oder auch Jack Nicholson, das war seine Kinopräsenz. Es erfüllt einen mit Wehmut.

Wo bleibt der coole Held?

In den achtziger Jahren kam dann die Wende, mit Götz George und seinem Schimanski-"Tatort". George, strahlender Held in Karl-May-Filmen der Sechziger, war in den Siebzigern etwas in der Versenkung verschwunden, spielte viel Theater, tauchte ab und zu in TV-Serien wie "Derrick" oder "Der Alte" auf, war aber weit davon entfernt, ein Star zu sein. Das änderte sich, nachdem im Juni 1981 die erste "Tatort"-Folge mit dem abgeranzten Kommissar Schimanski ausgestrahlt worden war, einem sympathischen Rüpel, für den der Spaß immer da anfing, wo der Dienstweg aufhörte. George drehte zwei, drei Tatorte im Jahr, seine Popularität wuchs mit jeder Folge.

1985 drehte Hajo Gies den ersten Schimanski-Kinofilm, "Zahn um Zahn", zwei Jahre später folgte der zweite, "Zabou", beides Millionenerfolge. Ein Jahr später wechselte George in Dominik Grafs Action-Thriller "Die Katze" dann sogar die Seiten und spielte einen Verbrecher. Der Film fand 1,3 Millionen Zuschauer. Das ist die gute Nachricht. Die schlechte ist, und die ist richtig schlecht: Seither, also seit fast einen Vierteljahrhundert, hat kein deutscher Action-Thriller mehr diese Qualität erreicht - und vor allen nicht diesen Erfolg. Das Genre ist tot, und wer es schaffen sollte, es wiederzubeleben, bekäme wohl sofort den Lifetime-Award der Filmakademie.

Schweiger könnte also versuchen, im "Tatort" eine Figur zu entwickeln, die stark genug ist, um auf der Leinwand zu bestehen. Er könnte sie nach und nach, von Folge zu Folge, modellieren, das Publikum an sie binden. Er könnte versuchen, dieser Figur etwas zu geben, was die "Tatort"-Kommissare, die zwischen Sozialtristesse, Psycho-Macken und launigen Kalauern herumfuhrwerken, eher nicht haben: eine mythische Qualität. Womöglich ahnen die Verantwortlichen beim NDR noch gar nicht, was auf sie zukommt. Denn was Schweiger anpackt, das packt er an, und wenn er entscheidet, dass der Hamburger "Tatort" vom Boden abhebt - dann werden sie wohl mitfliegen müssen.



insgesamt 184 Beiträge
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Seite 1
keppler 19.11.2011
1. Schade
Zitat von sysopTil Schweiger soll womöglich den Hamburger "Tatort"-Kommissar spielen. Was erschreckend klingt, könnte eine ziemlich gute Idee sein - vor allem für ihn selbst. Im Fernsehen könnte sich*Schweiger*zum Action-Star entwickeln und eine Figur erschaffen, die auch auf der Leinwand Bestand hätte. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,798614,00.html
dass der sich total selbst überschätzende Mann jetzt auch noch im Tatort präsent sein muss. Aber egal, die Serie ist sowieso auf dem absteigenden Ast. Ein Totengräber mehr.
Reqonquista 19.11.2011
2. Bitte nicht!
Zitat von sysopTil Schweiger soll womöglich den Hamburger "Tatort"-Kommissar spielen. Was erschreckend klingt, könnte eine ziemlich gute Idee sein - vor allem für ihn selbst. Im Fernsehen könnte sich*Schweiger*zum Action-Star entwickeln und eine Figur erschaffen, die auch auf der Leinwand Bestand hätte. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,798614,00.html
Nee, bei Facebook hat sich schon eine Gruppe gegen TS als Tatort Kommissar gebildet. Kein Hase als Kommissar bitte. Die Stimme ist einfach schrecklich.
eulenspiegel 47 19.11.2011
3. ***
Versaut mir nicht auch noch den Sonntag Abend!
janne2109 19.11.2011
4. :::::::::
Till - mach uns mal nix, schon gar nicht den Schimanski. Es gibt schon genug Prolls im täglichen Leben und vor allem wer sich's nicht allein machen kann soll schlafen gehen. Gib der Rolle einfach ein Gesicht, sprich ein bisschen artikulierter damit wir Dich alle verstehen und lass ab und an den Hasen aus dem Mäntelchen zwinkern.
vogelskipper 19.11.2011
5. Titel
Einer der überbewertetsten Schauspieler in Deutschland. Untertitel wären dann auch hilfreich, wenn er spricht, damit man die Story nicht verpasst.
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