Schweiz Öffentlicher Rundfunk will jetzt 100 Millionen Franken sparen

Die Schweizer haben mit großer Mehrheit eine Abschaffung der Rundfunkgebühren abgelehnt. Die Schweizerische Radio- und Fernsehgesellschaft kündigt nun ein großes Reformpaket an.

Kameramann der SRG
AFP

Kameramann der SRG


Der Abstimmungskampf war leidenschaftlich, das Ergebnis eindeutig: Die Schweizer halten an den Rundfunkgebühren fest. Gut 70 Prozent der Wähler sprachen sich dafür aus. Aber der Druck auf die öffentlich-rechtlichen Sender bleibt - und die Schweizerische Radio- und Fernsehgesellschaft (SRG) hat nur wenige Stunden nach dem Ergebnis des Volksentscheids umfassende Reformen angekündigt:

  • Die SRG will insgesamt 100 Millionen Franken sparen. Das sind 50 Millionen Franken mehr, als nach einer Entscheidung des Schweizer Bundesrats nötig wären: Dieser hatte im Oktober beschlossen, die Rundfunkgebühren ab 2019 von rund 450 Franken (389 Euro) auf 365 Franken (316 Euro) pro Jahr zu senken. Gespart werden soll "bei der Infrastruktur, in der Verwaltung, in der Technik, bei den Immobilien, bei den Produktionsprozessen und in der Distribution", heißt es in einer Pressemitteilung der SRG.

  • Abendliche Spielfilme sollen nicht mehr durch Werbung unterbrochen werden. Auf regionale, zielgruppenspezifische Werbung wird komplett verzichtet, "um die Konkurrenz zu regionalen Medien nicht zu verschärfen".

  • Auf den Webseiten der öffentlich-rechtlichen Sender sollen nur noch Artikel erscheinen, die einen direkten Bezug zum Fernseh- oder Radioprogramm haben.

  • Private Medienanbieter der Schweiz dürfen künftig das Archiv der öffentlich-rechtlichen Sender kostenlos nutzen.

  • Künftig sollen 50 Prozent der Gebühren für Informationssendungen verwendet werden. Zudem sollen einheimische Kulturproduktionen, vor allem Filme und Serien, stärker gefördert werden.

"Dieser 4. März geht als Wendepunkt in die Geschichte der SRG ein", sagte Gilles Marchand, Generaldirektor der SRG. Er freue sich über das Resultat des Volksentscheids, sei sich aber bewusst, dass es die SRG dazu verpflichte, sich zu verändern.

Bei einem Erfolg des Volksentscheids hätte dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk in der Schweiz das Aus gedroht. Die SRG mit ihren 6000 Angestellten wird zu 75 Prozent durch die Abgaben finanziert. Auch 21 regionale Radio- und Fernsehsender erhalten einen Teil der Gebühren. Insgesamt hängen 13.500 Arbeitsplätze direkt oder indirekt an der Abgabe.

vet/dpa



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smokyfields 04.03.2018
1. Gut so!
Na, da können wir im "Großen Kanton" von Ausübung und Meinungsbildung in direkter Demokratie wieder mal etwas von den südlichen Nachbarn lernen. Marktgenerierte Meinung und Unterhaltung und Neue Medien allein sind einfach zu wenig.
polyeder 04.03.2018
2.
Vielleicht wäre so ein Warnschuss bei uns auch angebracht. Am Wochenende weniger Volksmusik & Schlager, weniger dusselige und teure Abendshows, mehr Spielfilme. Und unter der Woche mehr Dokumentationen vor 22:45 Uhr.
goodcharlotte 04.03.2018
3. ÖR Rundfunk mit DDR Staatsfunk verwechselt
Traurig, wie viele Menschen noch immer nicht begreifen, dass öffentlich rechtliche Sender das Gegenteil von Staatsfunk a la DDR, Nordkorea etc sind. Ein Blick nach Russland oder in die Türke und jeder mit dem IQ einer Maus müsste eigentlich begreifen, was unsere kritischen Sender für die freie Gesellschaft tun.
so-oder-so 04.03.2018
4. Schade
Ich vermute hierzulande werden die ÖRs dieses Votum als Bestätigung sehen und nicht als Warnschuss vor den Bug. Gerade in Deutschland wäre eine Straffung des gesamten Apparats dringend notwendig. 20+ Fernsehsender + geförderte Youtubekanäle und DRadio, die haufenweise schlichtweg Schrott produzieren, werden nicht gebraucht - Natürlich nicht alle, manche Youtube-Kanäle haben bspw. mehr Qualität als die Fernsehsendungen. Aber alles fünffach bis zehnfach? Dazu kommt noch das ca. 40% aller Kosten für fette Pensionsrückstellungen verbraten werden, da die Pensionen quasi dem Gehalt entsprechen. Selbstbedienungsmentalität vom Feinsten. Konnte man auch prima am Buhrow bei Maischberger sehen. Allein die aktuellen Intendaten kosten übrigens ca. 10 Millionen/a...
Le Commissaire 04.03.2018
5. genau umgekehrt
Zitat von goodcharlotteTraurig, wie viele Menschen noch immer nicht begreifen, dass öffentlich rechtliche Sender das Gegenteil von Staatsfunk a la DDR, Nordkorea etc sind. Ein Blick nach Russland oder in die Türke und jeder mit dem IQ einer Maus müsste eigentlich begreifen, was unsere kritischen Sender für die freie Gesellschaft tun.
Kritisch? Habe ich noch gar nicht bemerkt. Die Talkshows sind (praktisch immer) seicht, und die Merkelsche Flüchtlingspolitik, die ein ganzes Land gespalten hat, wurde seinerzeit durchgewunken. Die meisten Skandale und Affären hat "Der Spiegel" aufgedeckt. Ein privates Magazin also, dass als Unternehmen Geld verdienen muss. Gerade _weil_ es Geld verdienen muss. Öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten sind so unnötig wie öffentlich-rechtliche Zeitungen. Und wenn ein Land autoritär wird, sind die Öffentlich-Rechtlichen immer die ersten, die gleichgeschaltet werden. In Russland bieten nur kleine private Medien noch kritische Berichte.
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