Zuwanderungs-Talk bei Anne Will "Machen Sie doch einen Zaun um die Schweiz!"

"Ach, Sie lesen keine Zeitung?" Die Schweiz-Debatte bei Anne Will brachte einige Pöbeleien hervor - und lieferte dennoch bemerkenswerte Erkenntnisse. Nur die Sprecherin der AfD erwies sich als kommunikationstechnischer Totalausfall.

Von

ARD

Es gibt eine bestimmte Art von Lächeln, die wenig Freundliches hat. Christoph Mörgeli, dem Programmchef der rechtspopulistischen Schweizerischen Volkspartei, schien ein solches Lächeln förmlich im Gesicht zu kleben, um nicht zu sagen, dort einbetoniert zu sein. Denn mit dem Betonieren hatte er es ganz besonders.

Zubetoniert werden müsse die schöne Schweiz mit lauter neuem Wohnraum, falls nicht der Zuwanderung Einhalt geboten werde, deklamierte er bei Anne Will ein ums andere Mal und sprach von einer "Last", die sein Land zu bewältigen habe und die den Leuten "ein bisschen Angst" mache. Ähnlich hart wie dieser Baustoff erwies sich auch er selber gegen alles, was an Argumenten und Bedenken gegen die heiklen Konsequenzen aus dem Volksentscheid vorgebracht wurde.

Das waren nicht wenige, einige stammten sogar von einem seiner Landsleute und deckten sich exakt mit jenen derer, die als überzeugte Europäer schwere Zeiten auf die Schweizer zukommen sahen. Ja, die hätten sich mit ihrem Votum selbst geschadet, befand ohne Zögern Markus Spillmann, Chef der "Neuen Zürcher Zeitung", dessen Anwesenheit immerhin ins Bewusstsein rückte, dass es außer der SVP-Schweiz auch noch eine andere gibt. Zwei Sozialdemokraten, der luxemburgische Außenminister Jean Asselborn sowie die Politologin und frühere Bundespräsidentenkandidatin Gesine Schwan, zeigten sich mit denkbar größter Verve bemüht, den Wert der europäischen Freizügigkeit zu beschwören, auf die wechselseitige Abhängigkeit hinzuweisen und vor einer Politik zu warnen, die Ressentiments und fremdenfeindliche Affekte instrumentalisiert.

Die Wissenschaftlerin ging sogar so weit, an die zwanziger Jahre mit dem Aufkommen rassistischer Strömungen zu erinnern und jenseits der aktuellen Konfliktlage grundlegende Aspekte der Sozialpsychologie ins Spiel zu bringen wie etwa den, dass sich die Ablehnung des Fremden oftmals aus der Sorge um den eigenen bröckelnden Wohlstand herleitet. Asselborn wiederum versuchte mit erkennbar schwindender Geduld klarzumachen, dass es bei der Personenfreizügigkeit um ein Essential, ein unverhandelbares Prinzip geht. Jetzt sei es an der Schweiz, sich entsprechend zu bewegen und der EU Lösungen anzubieten.

"Es hat keinen Sinn, mit Ihnen zu diskutieren"

Doch all das vermochte den dauerlächelnden Herrn Mörgeli nicht zu beeindrucken, obschon er letztlich solo auf weiter Flur war. Zwar gab es auch einen Gast von der AfD in Gestalt der Sprecherin Frauke Petry, doch die erwies sich kommunikationstechnisch mehr oder minder als Totalausfall. Konfrontiert mit einer Textpassage aus dem Programmentwurf ihrer Partei, in der die Rückführung von EU-Bürgern gefordert wird, die ihren Lebensunterhalt nicht bestreiten können, verhedderte sie sich hoffnungslos in Widersprüche und bestritt schlichtweg, was jeder per Einspieler lesen konnte.

So musste denn Herr Mörgeli seinen Kampf gegen das böse Europa im Alleingang bestreiten. Das tat er vorzugsweise, indem er einen Textbaustein nach dem anderen lieferte mit stets nur leicht variiertem Inhalt, die Einzigartigkeit der Schweiz betreffend und mit der Floskel beginnend: "Sie wissen doch..." Es kam so weit, dass Asselborn ihm erstens attestierte, es habe "keinen Sinn, mit Ihnen zu diskutieren" und ihm zweitens empfahl: "Machen Sie doch einen Zaun um die Schweiz."

Zu diesem Zeitpunkt befand sich die Sendung atmosphärisch längst in einem Zustand, der kaum noch als freundlich bezeichnet werden konnte. Mörgeli behauptete zum Befremden der Politikprofessorin, ohne Grenzen würde sich jeder Staat "auflösen wie ein Stück Zucker im Tee" - ansonsten aber war bereits eine ganz andere Grenze überschritten worden, und zwar die der Höflichkeit. Der Schweizer Parteifunktionär hatte es nämlich für angebracht gehalten, den frei gewählten Außenminister des Staates Luxemburg als "Funktionär" zu titulieren - eine offenkundig kalkulierte Pöbelei mit entsprechend weiteren negativen Folgen für die Talk-Stimmung.

Da war auch Anne Will mit ihrer Weisheit am Ende

Die Moderatorin unternahm zwar immer wieder Entschärfungsversuche, brachte den etwas sonderbaren Begriff eines "unausgefüllten Resonanzraums" ins Spiel, womit wohl gemeint war, dass bei den Bürgern ungedeckter Gesprächsbedarf bestehe. Doch zugleich war ihr auch anzumerken, dass ihr der Job an diesem Abend nicht sonderlich viel Vergnügen bereitete. Die Luft war aufgeladen mit negativen Vokabeln wie "feindselig", "destruktiv" (bezogen auf die Haltung der Schweiz), "Folterwerkzeuge" (mit Blick auf Druck der EU), und auch von Demagogie war die Rede. Die warf Frau Schwan Frau Petry vor, nachdem diese eine Frage von Frau Will als "nicht richtig" zurückgewiesen hatte, woraufhin Frau Petry Frau Schwan demagogisch nannte und diese ihrerseits noch eins drauf setzte und totalitäres Denken witterte.

Jede Menge Zoff also. Doch das heißt keineswegs, dass es dieser Talkshow an aufklärerischem Gewinn gemangelt hätte - ganz im Gegenteil. Auf ihre Weise war sie vermutlich entlarvender als manche andere einschlägige Runde mit, sagen wir mal, dem irgendwie doch zumindest halbnetten und bis dato vermeintlich unvermeidlichen notorischen Schweiz-Erklärer und SVP-Freund Roger Köppel.

Wie diese Partei im O-Ton klingt, war zum unguten Schluss noch einmal zu hören, als es um den möglichen Auftrieb für die anderen rechtspopulistischen Parteien in Europa aufgrund des Schweizer Votums ging und die Namen Le Pen, Wilder und Strache fielen. Herrn Mörgelis verblüffender Kommentar hierzu lautete, er kenne diese Parteien gar nicht.

Da war auch Anne Will mit ihrer Weisheit am Ende und murmelte nur noch matt: "Ach, Sie lesen keine Zeitung?"



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 276 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
markus gross 13.02.2014
1. Danke.
Danke, liebe ARD. Was laden Sie auch den grössten Polithonk der Schweiz ein. Das wäre, als würde Deutschland von Holger Apfel repräsentiert. Mörgeli einzuladen, kann fast schon als feindsehliger Akt interpretiert werden. :-)
elvezia 13.02.2014
2. Hilferuf
Bevor die EU der Schweiz Vorhaltungen macht soll sie ihre Abschottung im Mittelmeer in den Griff kriegen. Die längste Abschottung der Welt findet an der EU-Grenze im Mittelmeer statt! An der Türkisch-Griechischen Grenze toleriert die EU einen Stacheldrahtzaun und KZ-ähnliche Internierungslager. Vor Lampedusa kreuzen mit EU Geldern finanzierte paramilitärische Patrouillenboote, Ertrunkene werden an Land gespült, Malta kracht aus allen Nähten, Spanien schottet sich ab. Die die es trotzdem schaffen landen im Kirchenasyl in Hamburg oder in Lagern im Bayrischen Wald. Vom Begrüssungsgeld vergangener Tage ist nicht mehr die Rede. In 10 Jahren wird in der EU dieselbe Situation herrschen wie heute in der Schweiz. Zuviel Zuwanderung, egal welcher Couleur. Auch Fachkräfte können zu viel sein. Das Abstimmungsergebnis der Schweizer ist eine Notbremse und darf von der EU als Signal gedeutet werden. Als Hilferuf korrigierend eingreifen zu dürfen.
staubtuch 13.02.2014
3. Rechtspopulismus
Rechtspopulismus hat noch nie zu etwas Gutem geführt. Dem "verdanken" wir die schlimmsten Ereignisse im letzten Jahrhundert. Das wird hier mal wieder deutlich und Frau Schwans Hinweis auf die 1920er Jahre ist -leider- richtig. Warum sich die Schweiz mit Blick auf diese rechtspopulistische Partei der weitestgehenden Demokratie in Europa brüstet, bleibt einem verschlossen, da Rechtspopulismus die Demokratie weder erfunden hat noch diese als eines der höchsten Ziele verfolgt. Ganz im Gegenteil.
horribilicribrifax 13.02.2014
4. Leider hat Mörgeli recht
Ich selber lebe in einer boomenden Region der Schweiz - in der seinerzeit Goethe Ferien verbrachte, weil sie wirklich schön war -, und wie die heute zubetoniert wird, ist eine Schande. Auch wenn Sie's nicht wahrhaben wollen: Mörgeli hat in dieser Sache recht.
kiltbear 13.02.2014
5. Mörgeli
Zitat von sysopDPA"Machen Sie doch einen Zaun um die Schweiz!" Die Zuwanderungsdebatte bei Anne Will brachte einige Pöbeleien hervor - und lieferte dennoch bemerkenswerte Erkenntnisse. Nur die Sprecherin der AfD erwies sich als kommunikationstechnischer Totalausfall. http://www.spiegel.de/kultur/tv/schweiz-talk-bei-anne-will-streit-ueber-zuwanderungsregeln-a-953157.html
Schön zu sehen, dass in Deutschland Mörglei genau gleich nervt, wie hier. Mit seinem Grinsen und seinen Textbausteinen, die er bis zu, Abwinken wiederholt. Denken und spontante Diskussionbeiträge sind erkennbar nicht seins. Demagogie und Propaganda schonn eher. Kein Wunder vergleicht man Ihn in der Schweiz ab und zu mit einem Gewissen Minister aus dem Deutschland der 1930 Jahre. Er würde übrigens erst kürzlich von der Unversität Zürich, wo er das medizinhistorische Museum vergammeln liess, wegen Unfähigkeit geschasst.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.