Pop-Historie Dancing Queens und Kings

Pop als Politik in Pink: Ein herrlicher Arte-Film zeigt, wie Gloria Gaynor, die Village People oder Frankie Goes To Hollywood das schwule Leben aus dem Underground zu befreien halfen.

Corbis

Pop kann auch in diesem Jahrtausend noch Freiheitsversprechen bieten - daran erinnerte uns Conchita Wursts Triumph beim Eurovision Song Contest (ESC) in Kopenhagen. Es war ein verblüffendes Statement, dass ein transsexueller Künstler aus Österreich in Zeiten immer offener ausgelebter Homophobie europaweit bei einer kreuzbiederen Veranstaltung mit so viel Punkten bedacht wurde.

Österreichs anderer Song-Contest-Held Udo Jürgens, der 1966 mit "Merci Cherie" abgeräumt hatte, lobte den Siegertitel dann auch höflich als "gut komponiert". Aber dass sogar Sir Elton John und sein Partner David Furnish Conchita Wurst mit einem Blumenstrauß gratulierten, belegt, dass es bei diesem Sieg um mehr ging als um schöne Melodien.

Mit Conchita Wurst beginnt dann auch der feine Dokumentarfilm "Somewhere Over The Rainbow" der Regisseurin Birgit Herdlitschke, der am Samstag im Rahmen des "Pink Weekend" auf Arte läuft.

Ausgehend vom ESC-Hit "Rise like a Phoenix" forscht die Berliner Filmemacherin 90 Minuten lang sogenannten "Schwulen-Hymnen" nach. Also dem geheimnisvollen Etwas, das Songs wie Judy Garlands "Over The Rainbow", Abbas "Dancing Queen" oder Gloria Gaynors "I Will Survive" für ein schwules Publikum zu etwas Besonderem macht. Herausgekommen ist dabei ein Film, der als exzellent recherchierte Pop-Geschichtsstunde funktioniert - der aber auch gesellschaftliche Brüche der vergangenen Jahrzehnte illustriert.

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Conchita Wurst: Siegeszug mit Grazie und Bart
Ihren Anfang nimmt diese Geschichte mit der Geburt der modernen Schwulenbewegung Ende der Sechziger; genau genommen am 28. Juni 1969, als Polizisten die Gäste eines New Yorker Clubs für Schwule in der Christopher Street so drangsalierten, dass diese sich zur Wehr setzten. Unruhen waren die Folge, woran bis heute der "Christopher Street Day" erinnert. Motto: "Come out of the closet!" Raus aus dem Schrank.

Denn nachdem Schwule sich ewig im Geheimen vergnügen mussten, begann damals ein kontinuierlicher Prozess der Entspannung, der mit den "Schwulen-Hymnen" auch einen eigenen Soundtrack hatte; Songs wie "Er gehört zu mir" (Marianne Rosenberg), "I Am What I Am" (Gloria Gaynor), "It's Raining Men" (Weather Girls), "Hung Up" (Madonna), "Believe" (Cher) oder "Dancing Queen" (Abba) verbindet, dass ein schwules Publikum die Texte anders dekodiert als heterosexuelle Hörer. So wie die Vorstellung von einer tanzenden "Queen" bei schwulen und anderen Hörern auseinander driften.

Auch wie unterschiedlich man die Worte zum aufgekratzten Village-People-Disco-Renner "YMCA" deuten kann, lehrt der Film "Somewhere Over The Rainbow". Letztlich ist der namensgebende Judy-Garland-Song von 1939, "Over The "Rainbow", die Mutter aller Schwulen-Hymnen, mit seinem Versprechen von einem besseren, freieren Leben jenseits des Regenbogens.

Irgendwo hinter dem Regenbogen

Herdlitschkes Film leuchtet die großen Momente der Schwulen-Pop-Historie aus: David Bowies legendärer Glamour-Auftritt mit "Starman" bei der britischen TV-Show "Top Of The Pops", die große, hedonistische Disco-Sause der Siebziger mit Giorgio Moroder, Donna Summer und Sylvester, die britischen Paradiesvögel der Achtzigerjahre wie Boy George, Frankie Goes To Hollywood oder Pet Shop Boys, den House-Titan Frankie Knuckles bis hin zu Lady Gaga und Conchita Wurst.

Vor der Kamera erinnern sich Prominente wie Hape Kerkeling oder Ex-MTV-Mann Steve Blame an Momente von Glück, Euphorie und Offenbarung, die sie mit Songs von Amanda Lear, Tom Robinson und Marianne Rosenberg verbinden.

Für Pop-Regentinnen wie Madonna, Cher und Kylie Minogue ist ihr schwules Publikum längst unverzichtbar, was auch daran liegt, dass es außergewöhnlich treu ist. Diesem Umstand trug in den vergangenen Jahren vor allem Kylie Minogue Rechnung, die ihre Tourneen zuletzt gerne mal wie große, schrille Tuntenbälle inszenierte. Cher hingegen, die ihr getreues homosexuelles Publikum auch ins Herz geschlossen hat und auch einen transsexuellen Sohn hat, sagte im vergangenen Jahr einen Auftritt bei den Feierlichkeiten zu den Olympischen Spielen in Sotschi wegen Putins repressiver Schwulenpolitik ab.

"Somewhere Over The Rainbow" ist somit auch eine traurige Geschichte von Tarnung und Ächtung. Warum versteckte sich Rex Gildo? Warum musste George Michael erst von einem Undercover-Polizisten geoutet werden? Eine traurige Wahrheit ist obendrein, dass Musiker, die sich zur Homosexualität bekennen, mit Umsatzeinbrüchen rechnen müssen, was einer der Gründe gewesen sein dürfte, dass Queen-Sänger Freddie Mercury Fragen nach seiner Sexualität ausgewichen ist.

Letztlich macht der Film klar, dass die Welt zwar toleranter geworden ist, aber noch lange nicht tolerant genug. Und der Sieg von Conchita Wurst ist eben auch eine Erinnerung daran, dass Schwule-Pop-Hymnen eine Geschichte um Respekt und Anerkennung begleiten, die noch lange nicht zu Ende ist.


"Somewhere Over The Rainbow", Samstag, 22.00 Uhr, Arte



insgesamt 2 Beiträge
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friedenspfeife 04.07.2014
1. Mal eine kurze Frage
Wie kann man die Pet Shop Boys als Paradiesvoegel bezeichnen? Dann ist Queen wohl auch nur PopRock Ramsch und OMD sowieso unter aller Kanone? Der Schreiber sollte sich mal besser informieren bevor er solche Texte absondert.
avada~kedavra 04.07.2014
2. Eigentlich
Zitat von sysopCorbisPop als Politik in Pink: Ein herrlicher Arte-Film zeigt, wie Gloria Gaynor, die Village People oder Frankie Goes To Hollywood das schwule Leben aus dem Underground zu befreien halfen. http://www.spiegel.de/kultur/tv/schwulen-hymnen-arte-doku-somewhere-over-the-rainbow-a-978767.html
ist es ein gerüttelt Maß an Unverschämtheit, den Link des Artikels mit "Schwulen-Hymnen" zu beginnen. Auch die Frage, welche im Text auftaucht, *"Warum versteckte sich Rex Gildo?"* Ein Schwarm vieler Frauen dieser Zeit in der er top war, konnte sich ebensowenig outen, wie es einem Roy Black möglich war seinen heißgeliebten Rock'n'Roll zu verwirklichen. Beiden hätte man dies nicht abgenommen bzw. sie in die Hölle geschickt. Aber das ist eben ein "echter Dallach". ^^
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