Sean Spicer bei den Emmys Die unwillkommene Erinnerung

Was Trumps Ex-Pressesprecher Sean Spicer bei den Emmys zu suchen hatte? Sein Auftritt war fürchterlich - aber notwendig. Denn er erinnerte daran, dass die TV-Branche mitverantwortlich für Donald Trumps Aufstieg ist.

Ein Kommentar von


An einem Abend, an dem so viele würdige Siegerinnen und Sieger gekürt wurden, lag es an Moderator Stephen Colbert, keine Selbstzufriedenheit aufkommen zu lassen. Zu Beginn der 69. Emmys las er die Liste der Nominierten vor und merkte an, dass dies die diverseste Liste aller Zeiten sei. Großer Applaus seitens der anwesenden TV-Prominenz. Dann aber sagte Colbert: "Ich wusste gar nicht, dass man gleichzeitig klatschen und sich selbst auf die Schulter klopfen kann."

Mit der Stichelei gab der Late-Night-Talker dem Abend in Los Angeles genau den passenden Rahmen: Die Emmys repräsentieren nicht so sehr die TV-Branche, sondern vielmehr das Bild, das diese Branche von sich abgeben möchte. Wo es passt, wird jeder Gewinn einer Frau, einer Person of Color oder eines Transgender-Menschen als "historisch" bejubelt - in diesem Jahr etwa Lena Waithe als erste schwarze Comedy-Drehbuchautorin (für "Master of None") oder Donald Glover als erster schwarzer Comedy-Regisseur (für "Atlanta").

Ob die Personen mehr von ihrem Sieg als eine goldene Statue und ein Gruppenbild mit Alec Baldwin haben? Egal, den vermeintlichen Fortschritt, für den der Sieg steht, haben andere zu besorgen.

Alle profitieren

Wirklich den Spiegel vorgehalten bekommen will diese Branche nicht. Und genau deshalb war der Auftritt von Sean Spicer, Donald Trumps ehemaligem Pressesprecher, so ein fürchterlicher, aber auch notwendiger Moment. Spicer wurde von Colbert auf die Bühne gerufen, um einen Witz über die Größe des Publikums der Emmys zu machen - eine Anspielung auf die Vereidigung Trumps, bei der es erschlagende Fotobeweise gab, dass deutlich weniger Menschen als bei der ersten Vereidigung Obamas in Washington erschienen waren. Laut Spicer hatte Trump trotzdem "the largest audience ever".

Nun durfte Spicer einen Witz über seine eigenen Lügen machen und während er beglückt über die außergewöhnliche Möglichkeit strahlte, legte sich Schrecken über die Gesichter der Promis im Publikum (lesen Sie hier, wie Prominente und Zuschauer auf den Auftritt reagierten). Für wenige Momente war auf der Emmy-Bühne ein Gespenst erschienen - eines, das die vermeintlich progressive Unterhaltungsindustrie hoffentlich noch lange um den Schlaf bringen wird.

Fotostrecke

17  Bilder
Emmys 2017: Ein Award für den Präsidenten

Comedy lebt zurzeit buchstäblich vom Trubel in Washington: Allein drei Schauspieler aus "Saturday Night Live" wurden für ihre Darstellung politischer Schlüsselfiguren ausgezeichnet, Alec Baldwin als Donald Trump, Kate McKinnon als Hillary Clinton und natürlich Melissa McCarthy als Sean Spicer.

Aber darüber hinaus noch hat der derselbe Sender, der nun für seine Satire Preise einstreicht und sich über die besten Einschaltquoten seit Jahren freuen kann, das Monster selbst groß gemacht. NBC war es, der Trump seine Reality-Shows "The Apprentice" und "The Celebrity Apprentice" gab. Jeff Zucker, der NBC-Programmer, der Trump die Shows gab, ist nun übrigens Chef von CNN - und kann sich über die neue Relevanz des angeschlagenen Nachrichtenkanals in Zeiten des Twitter-Präsidenten freuen.

Verstrickt in die Misere

Nicht wenige Experten geben außerdem CBS eine Mitschuld daran, dass Trump den Wahlkampf, der zu seinem Einzug ins Weiße Haus führte, so dominieren konnte: Als das liberal-leaning network merkte, welche Einschaltquoten sich mit den aufrührerischen Wahlkampfauftritten des Kandidaten machen ließen, hob der Sender sie regelmäßig ins Programm und vergrößerte so Trumps Wirkungsbereich weit über seine rechtskonservative Stammklientel hinaus.

Den abgrundtiefen Zynismus, der hinter so viel Geschäftstüchtigkeit steckt, brachte der CBS-Vorsitzende Leslie Moonves schließlich selbst auf den Punkt: Trumps Aufstieg "mag womöglich nicht gut für Amerika sein, aber er ist verdammt gut für CBS."

Wenn sich Fernsehen gerade so brisant und politisch anfühlt, dann eben auch deshalb, weil es so tief in die Misere verstrickt ist. "Ich dachte, ihr liebt moralisch kompromittierte Antihelden", bohrte Stephen Colbert, in Anspielung an die großen Serienhits wie "Breaking Bad", bei den Emmys tiefer in der Wunde. "Ihr mögt Walter White - [Trump] ist wie Walter, nur viel weißer."

Der Auftritt von Sean Spicer wird wahrscheinlich bald in Vergessenheit geraten - so schnell wird der grotesk inkompetente und politisch haltlose "Spicey" nicht mehr im Rampenlicht stehen. Doch vielleicht hinterlässt sein Auftritt einen kleinen, nagenden Gedanken in Hollywoods Hinterkopf: dass das goldene Zeitalter des Fernsehens in Wahrheit das orangefarbene Zeitalter des Fernsehens ist - und es mindestens genauso viel zu bedauern wie zu feiern gibt.

insgesamt 8 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
murksdoc 18.09.2017
1. Zero-News
Und was genau hat Spicer gesagt?
Palisander 18.09.2017
2. Warum fürchterlich?
Er hatte nur einen Satz zu sagen und es zeigt doch wie eine gute Demokratie funktioniert. Sich selber nicht zu ernst nehmen und Menschen auch ein Chance zu geben. Es ist wirklich nervig wie sich hier eine Gesellschaft anmasst der Hüter von richtig und falsch zu sein. Woher nimmt besonders die deutsche Gesellschaft im Augenblick dieses stoische Selbstbewusstsein welches die Fakten so auslegt wie es ihrem Weltbild passt? Es ist eine neue Form des Linksfaschismus der eine Sprache und eine Aufforderung pflegt die nichts mehr mit Freiheit und freiem Denken zu tun hat. Hier werden Meinungen vorab klar manifestiert mit der Unterschrift: "So ist es richtig, und solltest du auch nur ansatzweise diese Haltung hinterfragen bist du ein Nazi". Wie arm ist das denn? Und wohin bringt das die Gesellschaft? Ist euch das eigentlich klar? Egal ob in sozialen Netzwerken oder in den Medien, es herrscht eine Stimmung der Angst. Die Vernunft und das Nachdenken wurden wohl komplett abgeschalten.
Papazaca 18.09.2017
3. Die Sender, die Trump hochgejubelt haben sind NBC und CBS. Nur die?
So, so, die schuldigen Sender an Trumps Erfolg sind NBC wegen Trumps Serien "The Apprentice" und "The Celebrity Apprentice" und CBS wegen der Berichte über Trumps Wahlkampf. Und natürlich CNN wegen Dauerberichterstattung über Trump. Das stimmt. Aber nur zum Teil. Ein wichtiger Punkt sind natürlich die konservativen Medien wie Fox News, Breitbart etc. Aber der für mich wichtigste Punkt sind auch alle Medien, die Trump in tiefer Feinschaft verbunden sind. Trump und die liberalen Medien (wie New York Times, Washington Post, Guardian, SZ, SPON etc) sind doch das Superbeispiel, wie Medien von ihrem erklärten Feind Trump in einem geradezu symbiotischen Verhältnis voneinander profitieren. Trump garantiert eben hohe Auflagen. Die New York Times hat Abos und Auflage deutlich gesteigert. Die Wahrheit ist also komplexer.
NewYork76 18.09.2017
4. Schrecklich
Der Auftritt von Spicer gestern war einfach nur schrecklich. Dieser Mann hat fuer seine Karriere seine Seele verkauft. Wer die Luegen eines Menschen wie Trump verbreitet und auch noch verteidigt, der kann sich doch jetzt nicht hinstellen und mit ein paar Witzchen die ganze Geschichte weg lachen! Natuerlich ist fuer die Medien und die TV-Branche ein Donald Trump eine Goldgrube. Und das kann man durchaus kritisieren. Trotzdem war Spicer's Auftritt einfach nur widerlich. (genauso uebrigens wie seine Auftritte bei diversen Late Night Talkern)...
whitewisent 18.09.2017
5.
Zur Erinnerung, das war dort Gestern ein Showevent über die Preisverleihung für Unterhaltungskünstler und Unterhaltungssendungen! Dort tagte nicht der inoffizielle Rat der Fünften Gewalt im Staat, wo sich Spicer eingeschmuggelt hat. Er tat das einzig richtige nach US-Verständnis, was diesen Tiefschlägen von SNL und McCarthy gerecht wurde, aufstehen, weitermachen, und je mehr man in den Schlamm haut, umso mehr Menschen werden einem den Respekt zollen, der nötig ist. Hat nur noch gefehlt, daß er "I will survive" sang. Denn es ist auch Mobbing, wenn es von linksliberalen Künstlern kommt, und nicht die Freiheit der Kunst, andere Menschen fertig zu machen. Denn wenn man die ernst nimmt, muß man auch seinen Auftritt als Teil dieser Kunstfreiheit betrachten und tolerieren.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.