ARD-Horrorsatire "Sechzehneichen": Meine Frau, der Öko-Roboter

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Für die Herren gibt's Gangbang-Pornos, um die Damen kümmert sich der Heilpraktiker: In der Siedlung "Sechzehneichen" finden Mittdreißiger ihr Glück. Oder doch nicht? Im ARD-Film wirken die Damen gehirnentkernt - der legendäre Anti-Emanzipations-Horror "Die Frauen von Stepford" lässt grüßen.

ARD-Horrorsatire: Schaurig, diese Vorstadt Fotos
HR

Kennen Sie das: Ein Bekannter Mitte 30 erzählt Ihnen, dass er jetzt ja auch vor die Stadt ins Grüne ziehen werde. Den Kindern zuliebe und weil die Frau in der Stadt ja immer Probleme mit ihrer Allergie hätte. Der Mann guckt dann so, als ob er ein Opfer brächte - nur um danach mit umso leuchtenderen Augen von dem neuen Luxuseigenheim zu berichten. Ich bin, was ich mir leisten kann.

Ungefähr so tickt auch Nils Eichhorn (Mark Waschke), Jungunternehmer aus Frankfurt am Main, der mit seiner Frau Laura ( Heike Makatsch) einen schnittigen Neubau in fast naturbelassener Hügellandschaft bezieht. Aus ökologischem Baustoff gebaut, versteht sich. Und von Stromzäunen geschützt.

Als Fotografin liebt Ehefrau Laura eigentlich das kulturell ergiebige Großstadtleben, doch die schlechte Luft setzte ihr zuletzt arg zu. Im betäubend eintönigen Grün der bewachten Siedlung "Sechzehneichen" fängt sie bald wieder das Kiffen an und fotografiert Eichhörnchen. Interessante Gespräche mit neuen Nachbarinnen wie Marlene (Lavinia Wilson) gestalten sich schwierig: Die reden am liebsten über alternative Heilpraktiken und traditionellen Küchenzauber. Gehirnentkernt und aufgeputzt, das ist eigentlich nichts für Laura.

Emanzipation war gestern

Nils hat es da einfacher: Er verschafft sich bald in der Runde der Macher und Machos von "Sechzehneichen" einen sicheren Stand. Die Männer schwadronieren über die Wehwehchen der Frauen und die Sicherheitslücken der bewachten Wohnanlage. Über die gemeinsame Satellitenanlage hat man Zugriff auf Fernsehprogramme aus aller Welt, auch das Angebot an Erotikfilmen ist groß.

Als Ehefrau Laura sich mal wieder selig in den Schlaf gekifft hat, schaut Nils noch einen Porno, in dem eine Horde Männer Geschlechtsverkehr mit einer Frau hat, die aussieht wie Nachbarin Marlene. Vielleicht nur eine Täuschung. Auf jeden Fall findet Nils die Vorstellung, dass die Frauen in "Sechzehneichen" nicht nur am Herd ihrer Pflicht erfüllen, sondern auch im Bett, durchaus reizvoll.

Ihnen kommt die Geschichte mit den adretten Aufziehpüppchen bekannt vor? Gut möglich, über weite Strecken funktioniert die ARD-Produktion "Sechzehneichen" wie ein Remake von Bryan Forbes' "Die Frauen von Stepford" aus dem Jahr 1975. Die legendäre Horrorsatire (die schon einmal 2004 mit Nicole Kidman wiederverfilmt wurde) beschrieb den ersten Emanzipations-Backlash: Katherine Ross spielte damals - die wilden Sechziger hallten nur noch schwach nach - eine Fotografin und Frauenrechtsaktivistin, die in der Vorstadt auf komplett konforme Geschlechtsgenossinnen trifft.

Globuli als Gleichschaltungsbeschleuniger

"Sechzehneichen"-Regisseur Hendrik Handloegten (war für den letzten Münchner "Polizeiruf" verantwortlich) und Autor Achim von Borries (hat den ersten Tukur-"Tatort" inszeniert) haben sich nun an einem Update versucht. Eine Übersetzung in die Gegenwart, die weitgehend schlüssig ist: Wo es in den Siebzigern bei der Stadtflucht gebildeter Besserverdiener auch darum ging, nach Jahren der Hippie-Experimente bürgerliche Werte zurückzugewinnen, da sollen heute eben Gated Communitys bei jungen, liberalen und umweltbewussten Dreißigjährigen für neue Geborgenheit sorgen. Motto: Wir bauen uns ein Hochsicherheitsnest.

So schafft die "Stepford"-Neuauflage (in den Credits verzichtet man auf die Nennung von Original-Autor Ira Levin, obwohl die Story fast identisch ist) den Transfer über die fast vier Jahrzehnte. Reflektierte "Die Frauen von Stepford" damals die allgemeine hippieske Naturverbundenheit, spiegelt "Sechzehneichen" ein neues breites ökologisches Mainstream-Bewusstsein wider. Gibt es im Original Softporno-Anspielungen, sieht man im Quasi-Remake angedeutete Gangbang-Szenen.

Wild und frei will man leben, aber auch gesund und abgesichert. Handloegten und Borries versuchen diesen Widerspruch in zum Teil krassen Bildern zu illustrieren. Dem bedrohlichen Naturalismus des Originals setzen sie streckenweise einen geballten Surrealismus entgegen, der Vorstadtterror kippt aber leider gelegentlich ins Maskenhafte. Auch die männlichen Darsteller laufen zuweilen wie Aufziehpuppen durchs Bild.

Und was könnte denn nun der Grund für die Willenlosigkeit der Frauen von "Sechzehneichen" sein? Wie werden gebildete, selbstbewusste Frauen zu unterwürfigen Öko-Robotern? Alle Bewohnerinnen schlucken Globuli, die ihnen der örtliche Heilpraktiker verschreibt. Zuckerkügelchen als möglicher Anpassungsbeschleuniger - ein perfider Gag in diesem keineswegs in homöopathischen Dosen daherkommenden Gleichschaltungshorror.


"Sechzehneichen", Mittwoch, 20.15 Uhr, ARD

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insgesamt 47 Beiträge
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1. "Sechzehneichen" - überzeichnetes Bild normaler Vorstadt
neue_mitte 27.11.2012
Zitat von sysopFür die Herren gibt's Gangbang-Pornos, um die Damen kümmert sich der Heilpraktiker: In der Siedlung "Sechzehneichen" finden Mittdreißiger ihr Glück. Oder doch nicht? Im ARD-Film wirken die Damen gehirnentkernt - der legendäre Anti-Emanzipations-Horror "Die Frauen von Stepford" lässt grüßen. "Sechzehneichen" mit Makatsch und Waschke: Meine Frau, der Öko-Roboter - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/tv/sechzehneichen-mit-makatsch-und-waschke-meine-frau-der-oeko-roboter-a-868585.html)
Ist es evtl. doch so, dass entgegen aller schreierischer Ideologie, viele Frauen doch so sind, wie im Film? Dass eine Minderheit von Emanzipations-Verfechtern eben doch nur eine Minderheit ist, egal wie besser es sie für die anderen meinen? Wieviel wird denn über Öko, CO2-Footprint und E-Autos geschrieben? Trotzdem ist es allgemein nur eine Randerscheinung, egal wie laut auch hier eine Minderheit schreit und es für alle anderen besser meint. Dieses Sechzehneichen ist doch eine überzogene Darstellung einer normalen Vorstadt mit eben den Vorstadt-Muttis. Im SUV zum Kindergarten und erst recht zum Bio-Markt, kein Problem. Evtl. wollen eine Vielzahl von Frauen so leben. Mit mehr Rechten kommen normalerweise mehr Pflichten. Das Prinzip ist Dank der allgemeinen Rosinenpickerei etwas aufgeweicht, aber dennoch. Evtl. wollen einige nicht mehr Pflichten.
2.
h.hass 27.11.2012
"... in den Credits verzichtet man auf die Nennung von Original-Autor Ira Levin..." - Das hört sich aber seltsam an. Wenn die Produzenten Verfilmungsrechte erworben haben, müsste der Autor doch angegeben werden. Oder hat man sich hier einfach mal eben bei Levin bedient, ohne nachzufragen? Letzteres wäre recht dreist, denn dass wir es hier mit einer Stepford-Variante zu tun haben, merkt ja ein Blinder.
3. Mein Alltag
ae1 27.11.2012
wird in den ersten Sätzen beschrieben. Weitgehend detailliert wahr.
4. Passt doch ....
Tungay 27.11.2012
...perfekt und wie zufällig, in die offiziöse Arbeit macht frei Propaganda. Frauen in den Arbeitsprozess, Säuglinge in die Kita. Zur Erreichung dieses Ziels ist jede Diffamierung recht. Was für ein Glück, dass die ARD so herrlich unpolitisch ist und keinerlei Indoktrination gestaltet. Der Mann, das sexuelle Dreckschwein auch gleich mit abgewatscht. Zwischenmenschliche Beziehung als amoralische Straftat, dass konnten schon die abrahamitischen Religionen und hielten so ihre Schafe unter Kontrolle.
5. ARD on fire
spon-facebook-10000172069 27.11.2012
Am Sonntag Subversiv-Klamauk mit Monsterquote, am Mittwoch ein anderes Qualitätsprodukt. fernsehstrom.de hat Pause: Zur Prime Time liefert die ARD Unterhaltung ab, ohne dass man sich dafür schämen muss. Meinen Glückwunsch (mit der süßen Hoffnung, dass das kein Strohfeuer ist).
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