"Seinfeld"-Schöpfer Larry David "Anderer Leute Begeisterung macht mich krank"

Er ist einer der großen Miesepeter des US-Fernsehens, jetzt läuft seine Kult-Serie "Curb Your Enthusiasm - Lass es, Larry!" auch in Deutschland. Mit SPIEGEL ONLINE sprach Larry David über Komik, Konventionen, Verstöße gegen die Höflichkeit - und die Wiederbelebung seines Projekts "Seinfeld".

HBO

SPIEGEL ONLINE: Mr. David, Sie haben mit "Seinfeld" und "Curb Your Enthusiasm" höchst erfolgreiche Sitcoms geschrieben. Was braucht gute Comedy?

David: Keine Ahnung. Wenn man jemanden zum Lachen bringt, das ist Comedy. Das ist alles.

SPIEGEL ONLINE: Worüber lachen Sie?

David: Das können Sie in "Seinfeld" und "Curb" sehen.

SPIEGEL ONLINE: Sie schreiben mit einem sehr speziellen Humor. Muss man New Yorker sein, um ihn richtig zu verstehen?

David: Manche kapieren den Humor sofort, manche müssen ihn sich erst erschließen, und andere kommen nie auf den Geschmack.

SPIEGEL ONLINE: In "Curb Your Enthusiasm" spielen Sie einen ehemaligen New Yorker Comedyautoren, der sich in Los Angeles mit satter Misanthropie bei seinen Mitmenschen unbeliebt macht. Offenbar sind nicht nur die Umstände, sondern auch der Charakter der Figur sehr eng an den echten Larry David angelehnt…

David: Ja, ich wäre gern so wie er.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

David: Er ist ehrlich, er lässt sich nicht von diesen lächerlichen gesellschaftlichen Konventionen in Fesseln legen. Ich finde auch nicht, dass er ein Miesepeter ist, wie viele Leute behaupten. Nur weil ich - Show-Larry - mir eine Meinung zu etwas erlaube, weil ich sehe, dass die Dinge schief liegen, oder weil mir zufällig etwas nicht passt, bin ich doch kein Misanthrop! In der neuen Staffel treffe ich meinen Arzt, der in Gesellschaft eines anderen Mannes ist, und ich sage überrascht: "Ich wusste ja gar nicht, dass Sie schwul sind." Na und? Natürlich ist er beleidigt. Ich würde das im wahren Leben nie wagen. Aber was ist daran schlimm? Ist mir doch egal, ob er schwul ist, ich bin ja bloß überrascht!

SPIEGEL ONLINE: Vielleicht wirkten sie etwas taktlos. Was ist gegen Höflichkeit einzuwenden?

David: Es geht doch nicht um Höflichkeit! Es geht darum, über die offensichtlichen Dinge verschämt zu schweigen. Es ist wie die Sache mit der Dinnerparty. Ich sage: Wer kommt denn? Aber ich darf das nicht fragen! Warum sollte ich sechs Stunden meiner Zeit damit verbringen, neben jemandem zu sitzen, den ich nicht kenne, oder, wenn ich ihn kenne, womöglich nicht leiden kann? Das ist doch vollkommen hirnrissig!

SPIEGEL ONLINE: Hat die Figur Sie im Laufe der Jahre verändert?

David: Ja, sie verändert mich. Ich verschmelze mit der Zeit immer mehr mit ihr.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind seit über zwanzig Jahren im TV-Geschäft. Wie hat sich Comedy zwischen "Seinfeld" und "Curb Your Enthusiasm" gewandelt?

David: Es gibt nicht mehr dieses Theatergefühl, das Gelächter vom Band und dergleichen. Aber die größte Veränderung hat wahrscheinlich das amerikanische Kabelfernsehen bewirkt. Man kann sich mit Themen befassen, die bei den großen Networks unmöglich wären - und das in einer Sprache, die Mainstream-Fernsehen absolut tabu ist.

SPIEGEL ONLINE: Inzwischen gibt es auch einen Boom weiblicher Comedy-Macher: von Tina Fey bis Sarah Silverman.

David: Ich glaube, das ist nur Ihre Wahrnehmung.

SPIEGEL ONLINE: Wie viele erfolgreiche Komikerinnen der letzten Jahre können Sie aufzählen?

David: Ich kann Lucille Ball aus den Fünfzigern nennen!

SPIEGEL ONLINE: Schauen Sie sich Ihre Kollegen im Fernsehen an?

David: Ich habe zwei Töchter im Alter von zwölf und fünfzehn. Ich sehe mir Sendungen an, die meine Töchter schauen, um Zeit mit ihnen zu verbringen. Also gucke ich "Gossip Girl".

SPIEGEL ONLINE: Fühlen Sie sich davon unterhalten?

David: Nein, nicht besonders. Ich gucke "Hannah Montana" oder "That's so Raven"...

SPIEGEL ONLINE: ...eine bei Teenagern beliebte Serie über ein Mädchen, das hellsehen kann.

David: Sie ahnen ja gar nicht, was ich mir schon alles anschauen musste! Ich habe neulich zu meiner Tochter gesagt: Weißt du eigentlich, was ich dir zuliebe tue? Ich habe mir "Rugrats in Europa" angeschaut! Ich liebe dich so sehr, dass ich mir das angetan habe!

SPIEGEL ONLINE: Schauen sich Ihre Kinder Ihre Serien an?

David: Ich habe das lange nicht erlaubt, weil ich es unangemessen fand. Jetzt dürfen sie es gucken, aber es interessiert sie nicht. Sie gucken nicht "Seinfeld". Sie waren noch nie Fans der Serien, und ebenso wenig sind sie Fans ihres Vaters.

SPIEGEL ONLINE: Kürzlich haben Sie mit Woody Allen den Film "Whatever Works" gedreht. Haben Sie Kritik gewagt? So nach dem Motto: Diese Stelle ist einfach nicht komisch, Woody?

David: Ich habe ihm gesagt, er soll mich nicht besetzen.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

David: Weil ich dachte, dass ich das nicht hinkriege. Meine Serie ist improvisiert! Und hier galt es plötzlich eine ganze Tonne an Material auswendig zu lernen und zu spielen. Ich sagte: "Du solltest dir jemand anderen holen." Ich wollte ihn nicht damit schockieren, wie schlecht ich bin. Er sagte, du wirst dich ein bisschen strecken müssen, aber es ist nichts, was du nicht schaffen kannst. Es war nicht allzu schlimm. Ich mag den Film sehr.

SPIEGEL ONLINE: Sehen Sie sich gern selbst?

David: Ich verbringe jeden Tag sechs Stunden im Schneideraum mit mir. Es ist brutal, kann ich Ihnen sagen. Ich kann immer noch nicht glauben dass die Leute mir zuschauen. Es ist grotesk. Ich kann nicht mal darüber lachen. Es ist zu schrecklich.

SPIEGEL ONLINE: Warum sind Ihre Serien dann solche Erfolge?

David: Sie sind komisch. Finde ich zumindest. "Curb" hat eine Spontaneität, die man sonst nirgends sieht, weil wir improvisieren. Und offenbar können sich die Leute mit mir identifizieren. Sie glauben gar nicht, wie viele Menschen auf mich zukommen und sagen: Ich bin wie Sie! Mein Mann ist wie Sie! Ich wäre gern wie Sie!

SPIEGEL ONLINE: Es gibt in "Curb Your Enthusiasm" eine Episode über die Entstehung von "Seinfeld", in der George ausruft: "Nein! Das ist nicht die Show!" Sie selbst sollen das bei der Präsentation von "Seinfeld" einst gesagt haben. Ist "Curb" jetzt die Sendung, die Sie damals eigentlich machen wollten?

David: Ja, schon. Damals bei "Seinfeld" ging meine Idee, die Serie mit einer einzigen Kamera zu drehen, total baden. Ich saß da und schrie: "Das ist nicht die Show! Das ist nicht meine Show!" Ich weiß noch, wie der Typ von Castle Rock Entertainment aussah, als wenn er dachte: Was ist denn mit dem los? Wer zum Teufel ist das? Na ja, ich war halt ein Komiker aus New York...

SPIEGEL ONLINE: Finden Sie die Inspiration zu Ihren Geschichten oft im wahren Leben?

David: Ich schaue zum Beispiel die Puppe meiner Tochter an und denke mir: Die braucht echt einen Haarschnitt. Was würde passieren, wenn ich das täte? Jungejunge, meine Tochter wäre wahnsinnig sauer. Und ich stelle mir vor, wie komisch das sein könnte.

SPIEGEL ONLINE: "Curb Your Enthusiasm" bedeutet so viel wie "Zügeln Sie Ihre Begeisterung". Das klingt sehr unamerikanisch …

David: Ja. Aber wer mag schon Begeisterung? Es macht einen doch krank, anderer Leute Enthusiasmus ertragen zu müssen, während man selbst sich miserabel fühlt. Niemand will als Antwort auf die Frage, wie die Dinge stehen, hören: "Fabelhaft! Fühle mich großartig!" Nein. Man möchte hören: "Ach - na ja, weißt du."

SPIEGEL ONLINE: Kürzlich haben Sie eine Art "Seinfeld"-Wiedervereinigungsepisode gedreht. Haben Sie das nicht immer kategorisch abgelehnt?

David: Ich habe dazu stets nein gesagt, weil es eine lahme Idee ist. Aber dann dachte ich, es könnte sehr komisch sein, wenn wir das im Rahmen von "Curb Your Enthusiasm" inszenieren. Ich rief Jerry an, und er war dabei, ebenso wie die anderen, und wir haben's gemacht.

SPIEGEL ONLINE: Wie war's?

David: Sie waren alle toll. Es war eine wunderbare Zusammenarbeit, die Leute werden es lieben.

SPIEGEL ONLINE: Jetzt klingen Sie aber gefährlich begeistert…

David: Wissen Sie was? Ich bin begeistert! Ich strafe den Titel meiner Sendung Lügen!

Das Interview führte Nina Rehfeld

Curb Your Enthusiasm - Lass es, Larry!" , Samstags, 17.15 Uhr, Fox


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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 32 Beiträge
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Seite 1
kuchenbob, 20.08.2009
1. .
are you my caucasian? bin mir gar nicht sicher ob man sich curb auf deutsch antun sollte. Freue mich sehr auf die nächste Staffel. http://www.youtube.com/watch?v=hLRBYSHihog bei 2:21 bin ich vom Stuhl gefallen.
dieganzewelt 20.08.2009
2. Wow
Schwellenland Deutschland wieder schwer dem Trend auf der Spur. Die Serie gibt ja erst seit neun Jahren....
marypastor 20.08.2009
3. Seinfeld
Zitat von sysopEr ist einer der großen Miesepeter des US-Fernsehens, jetzt läuft seine Kult-Serie "Curb Your Enthusiasm - Lass es, Larry!" auch in Deutschland. Mit SPIEGEL ONLINE sprach Larry David über Komik, Konventionen, Verstöße gegen die Höflichkeit - und die Wiederbelebung seines Projekts "Seinfeld". http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,643907,00.html
Es sind immer dieselben Interviews mit diesen arroganten Commedy writern. Es kommt nichts Vernuenftiges dabei raus. Ausserdem erlauben sich Herren auch noch, in herablassendem Ton zu antworten, so als ob der Interviewer ohnehin nichts versteht. Deren Produkte sind nur fuer das amerikanische Publikum gemacht und gehen auch nur auf Englisch. In Deutschland und evtl. auf Deutsch geraten die Shows in die Naehe mittleren Schwachsinns. Genauso wie Everybody loves Raymond, Friends oder Seinfeld. Wenn man eine Show gesehen hat, hat man alle gesehen. Auf der anderen Seite werden die beteiligten Schauspieler, Commedy-writer, Direktoren usw. steinreich dabei. Dank dem bekloppten US-Publikum.
timboe, 20.08.2009
4. Wir hatten nichtmals Badeschlappen!
Die beste Serie ever. Schade das man sich für die deutsche TV-Landschaft bei der Verspätung in Grund und Boden schämen muss. German TV is such a hitler...
coolcalmcollected 20.08.2009
5. Curb ist imho ziemlich einzigartig!
Zitat von marypastorEs sind immer dieselben Interviews mit diesen arroganten Commedy writern. Es kommt nichts Vernuenftiges dabei raus. Ausserdem erlauben sich Herren auch noch, in herablassendem Ton zu antworten, so als ob der Interviewer ohnehin nichts versteht. Deren Produkte sind nur fuer das amerikanische Publikum gemacht und gehen auch nur auf Englisch. In Deutschland und evtl. auf Deutsch geraten die Shows in die Naehe mittleren Schwachsinns. Genauso wie Everybody loves Raymond, Friends oder Seinfeld. Wenn man eine Show gesehen hat, hat man alle gesehen. Auf der anderen Seite werden die beteiligten Schauspieler, Commedy-writer, Direktoren usw. steinreich dabei. Dank dem bekloppten US-Publikum.
Sorry, aber Curb Your Enthusiasm ist nun wirklich anders. Wenn man diese Art von Humor mag, findet man kaum eine andere Serie, die besser ist. Ich hatte bei einem Aufenthalt in den Staaten eine Folge gesehen, in der die Hauptfigur in einen exklusiven Club aufgenommen werden wollte. Und getreu dem (offenbar der Sendung zugrundeliegenden) Schmetterlings-Flügelschlag-Prinzip führten winzige Fehlentscheidungen der Hauptfigur dazu, dass er den Vorsitzenden des Clubs in einer Sportarena begegnete - mit einer aufgetakelten Prostituierten an seiner Seite. Ich hab' selten so gelacht!
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