Mediensatire "Labaule & Erben" Der Journalismus ist tot. Es lebe der Journalismus!

Sein oder nicht sein? Die satirische Serie "Labaule & Erben" erzählt von der existenziellen Zitterpartie eines badischen Zeitungshauses - mit prophetischen Parallelen.

SWR/ Maor Waisbur

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Kleiner Tipp fürs neue Jahr: Wenn Sie noch irgendwo Anteile an so was wie Medien besitzen, stoßen Sie sie ab! Denn wie sagt die Verlegerwitwe, die es ja wissen muss, in dieser Zeitungshaus-Satire zu ihrem geradezu unverantwortlich idealistischen Sohn: "Der Journalismus ist so tot wie dein Vater und dein Bruder. Wenn man noch irgendwas für dieses sinkende Schiff bekommen will, sollte man tunlichst schnell verkaufen."

Doch Wolfram (Uwe Ochsenknecht), der zweitgeborene Sohn des gerade tragisch verstorbenen Freiburger Verlagspatriarchen Labaule, entdeckt sein Herz fürs Zeitungsmachen. Oder was er dafür hält. Labaule senior ist zuvor gemeinsam mit seinem Erstgeborenen beim Segway-Rennen ums Leben gekommen, die beiden surrten im Angeber-Modus zu nah an einen Felsvorsprung im Schwarzwald.

Testosteron als Antriebskraft der vierten Gewalt: Es ist wahrscheinlich einfach nur zeitgemäß, dass das Regiment der Labaule-Macker im heroischen Segway-Tod endet. Mit Wolfram hat nun der Feingeist der Familie das Sagen, er ist Vorsitzender von 23 Literatur-Jurys und ein Zauderer von Hamlet'schen Ausmaßen - also eher kein adäquater Frontmann für eine Branche, in der sich sowieso jeder, vom Chefredakteur bis zum Praktikanten, die Sein-oder-nicht-sein-Frage stellt.

Der ganz normale Umbruchswahnsinn

Denn im Verlagshaus Labaule, das eine Reihe von Tageszeitungen in Südwestdeutschland herausbringt, tobt gerade der Krieg zwischen Bewahrern und Erneuerern. Das Geld geht langsam aus. Die einen tragen ihre Ideale wie Wunden aus längst verlorenen Schlachten vor sich her, die anderen schwärmen von "Lateral diversification" und "Disruption". Externe Berater legen als neue Einnahmemodelle "Sponsored Content" und "Adverticals" nahe, ein Innovationsmanager fordert ein "Creative Lab", weil: "Die Leute wollen ja createn." Ein Bällebad wird auch angedacht. Der ganz normale Umbruchswahnsinn. Der Journalismus ist tot! Es lebe der Journalismus!

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SWR-Serie: Auf dem Journalistenfriedhof

Die Idee zu der sechsteiligen Serie stammt von Harald Schmidt, Video-Kolumnist bei SPIEGEL +. In einem Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" fasste er die Idee in drei Worten zusammen: "'Guldenburgs' mit Internet." Tatsächlich erinnert das fiktive Unternehmen Labaule - gesprochen "Labóhl", gegründet 1888 - an reale, dynastisch geprägte Unternehmen der Branche, an Zeitungshäuser wie DuMont ("Kölner Stadtanzeiger", "Berliner Zeitung"), die nach dem Abgang der alten Patriarchen drastische Transformationsprozesse durchmachen.

Doch die Figuren, die diese Transformationsprozesse in "Labaule & Erben" hervorbringen, sind von allgemeingültiger Wahrheit. Das Drehbuchteam (Richard Kropf, Christoph Bob Konrad, Hanno Hackfort, Anneke Janssen, Elena Senft) setzt sich zum Großteil aus Autoren der Gangster-Serie "4 Blocks" zusammen. Auch für "Labaule & Erben" haben sie Charaktere entwickelt, die in wenigen Worten ihre Existenz auf den Punkt bringen. Als Journalist muss man nicht mal vor die Tür seines Büros gehen, um einem der Charaktere in "Labaule & Erben" zu begegnen, möglicherweise ist man selber einer von ihnen.

Feuilleton-Schrate und Journalistenschulstreber

Da ist zum Beispiel der selbstgerechte Feuilleton-Schrat, der sich alle kommerziellen Fragen verbittet und zu dialektischer Hochform aufläuft, als nach einem meinungsstarken Stück die lebenswichtigen Annoncen wegbleiben: "Wir haben einen Anzeigenkunden verloren, aber Raum gewonnen. Raum für Inhalte." Da sind die jungen Journalistenschulstreber, die die Selbstauflösungsprozesse ihrer Branche automatenhaft mit ethischen Selbstbeschwörungen aufzuhalten versuchen: "Wir legen besonders viel Wert auf konstruktive Lösungsansätze im kritischen Journalismus."

Und da sind, am Spielfeldrand, die Mediatoren, die mit dem in herzlicher Feindseligkeit verknoteten Personal bei gruppendynamischen Spielen im Schwarzwald Teambuilding betreiben sollen. "Rattikal haaaaaaaaaaaanesty!" gibt die Mediatorin im alemannisch-angelsächsischen Idiom die Devise aus. Nach fünf Minuten verzweifelter Vermittlungsbemühungen rennt sie schreiend aus dem Wald.

In der zweiten Hälfte kippt die Serie in den üblichen Schmidt-Schnickschnack ab, Regietheater, Heiner Müller, Frank Castorf, der ganze ironisierte Bildungskanon, da durfte der Schöpfer seine privaten Obsessionen ein bisschen zu sehr von der Leine lassen. Aber bei der Darstellung einer Branche, die beständig die selbstgewählten Verständigungsrituale unterwandert, beweisen Schmidt und seine Kollegen bei aller Albernheit eine untrügliche Sensorik. Und eine fast prophetische Gabe.

Gleich in der ersten Folge betritt ein preisgekrönter Kriegsreporter das Zeitungshaus. Von seiner letzten Reise hat er, der nur "Reporterlegende" genannt wird, bewegende Fotos aus Aleppo mitgebracht. Leider sind sie nicht in Syrien, sondern offenbar im Urlaub in Tunis entstanden. Die Parallelen zum Fall Claas Relotius, der den SPIEGEL und den deutschsprachigen Journalismus insgesamt zur Zeit erschüttert, liegen auf der Hand.

Regisseur Boris Kunz, der zuvor den Überraschungshit "Hindafing" um einen koksenden Provinzbürgermeister inszeniert hat und ein Händchen für das Tragische im Komischen besitzt, nimmt an dieser Stelle gekonnt das Tempo raus. Es gibt einen Dialog zwischen Neuverleger und Reporterlegende, der gespenstisch in den Relotius-Kater hallt:

Verleger: "Die Fotos, die sie uns aus Syrien geschickt haben, sehr beeindruckende Fotos, es gibt Zweifel an der Echtheit. Begründete Zweifel."

Reporter: "Was ist echt?"

Verleger: "Echt ist, was wahr ist."

Reporter: "Die Bilder sind wahr, weil sie ein Ereignis darstellen, das die Wahrheit repräsentiert. Kriegsgräuel in Aleppo."

Verleger: "Das Ereignis hat nur so niemals stattgefunden."

Reporter: "Das wissen wir beide nicht."

Verleger: "Das muss ich aber wissen, wenn ich die Fotos in meiner Zeitung drucke."

Reporter: "Sie sind ein Mann der Bücher, nicht des Lebens, ich verstehe."

Verleger: "Ich muss Sie an dieser Stelle entlassen."

Die Bilder werden dann doch veröffentlicht, es soll sogar den wichtigsten Journalistenpreis des Landes dafür geben. "Labaule & Erben" ist eine sehr lustige Serie, die an den richtigen Stellen sehr weh tut.


"Labaule & Erben": Alle sechs Folgen sind in der ARD-Mediathek abrufbar. Außerdem ab 10. Januar, 22 Uhr, im SWR.

In eigener Sache
Der Redakteur Claas Relotius hat die Leser und die Redaktion des SPIEGEL mit gefälschten Artikeln getäuscht und das Haus in eine Krise gestürzt. Alle Artikel zu diesem Fall im Überblick.


insgesamt 4 Beiträge
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Sonia 04.01.2019
1. Sehr gute Filmidee
Un der Mediathek des Ersten konnte ich schon 3 Teile sehen. Es geht toll los, Spaß zu einer ernsten Thematik garantiert, bedauerlicherweise wird es ab Teil 3 so zäh, dass ich nicht mehr das Bedürfnis habe, den Rest zu sehen.
Lobhudel 04.01.2019
2. Keine Satire - nur flache Comedy!
Wie stark muss die Verbundenheit mit dem seine letzte Originalität langsam aushauchenden Hauskolumnisten H. Schmidt und dem latent dynastischen Spiegel-Verlagshaus sein, um diesem Machwerk irgendeinen satirischen Geist abzugewinnen? Habe die ersten - und für mich letzten - beiden Folgen in der Mediathek ertragen. Fazit: Auch durch ihre Anhäufung werden Plattitüden und Klischees nicht witziger. Als Journalist saufe ich dann lieber vier Flaschen Rotwein und schaue die nächste provinzielle Winzerfamilien-Serie in der ARD. Dann weiß ich wenigstens, warum ich lache.
Knossos 04.01.2019
3.
Zitat: "'Labaule & Erben' ist eine sehr lustige Serie, die an den richtigen Stellen sehr weh tut." Haben Sie deshalb an dieser Stelle das eigene Haus ausgelassen:"Tatsächlich erinnert das fiktive Unternehmen Labaule - gesprochen "Labóhl", gegründet 1888 - an reale, dynastisch geprägte Unternehmen der Branche, an Zeitungshäuser wie DuMont ("Kölner Stadtanzeiger", "Berliner Zeitung"), die nach dem Abgang der alten Patriarchen drastische Transformationsprozesse durchmachen", oder eventuell wegen der Feinheit, daß diese Prozesse beim SPIEGEL bereits einsetzten, als Rudolf Augstein noch unter uns weilte, und weil sein Haus nicht als "dynastisch" bezeichnet werden kann? Wie dem auch sei: Die Umschreibung der schmidtschen Komödie klingt nach gutem Witz und vor allem Sinnhaftigkeit, während Entwicklung oberflächlichen und gleichgeschalteten Journalismus und Medienprogramms wegen seiner Tragweite für Meinungsbildung und nominelle Demokratie nicht genug thematisiert werden kann. Bestenfalls auch auf ernsthafte Weise, die hoffentlich mündiger Öffentlichkeit zugemutet werden könnte.
MeckiP 05.01.2019
4. Mir gefällt's
Habe die ersten beiden Folgen gesehen und es ist was es ist: eine sehr gut gemachte satirische Komödie die unterhalten will und keinen weltverbessernden philosophischen Anspruch hat. Uwe Ochsenknecht ist glänzend besetzt, vom genialen Fälscher in "Schtonk" bis zum leicht tumben Verleger Laubaule in dieser Serie. Irm Hermann als seine Mutter und skrupellose Anteilseignerin spielt wie immer phantastisch.
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