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Serien 2015: Wie konnten wir das verpassen?

Claire Underwood kann einpacken, die Jungs der "Big Bang Theory" sowieso: 2015 hatte an Serien noch einiges mehr zu bieten. Hier fünf Perlen, die uns fast durchgerutscht wären.

"BoJack Horseman": Mediensatire mit Pferd

Sprechende Tiere mit humanoiden Körpern: Vereinsamt und depressiv Zur Großansicht
Netflix

Sprechende Tiere mit humanoiden Körpern: Vereinsamt und depressiv

Seit Tony Soprano vor 16 Jahren schwermütig die Morgenzeitung aufgehoben hat, gehören Depression und Qualitätsfernsehen zusammen. Doch die ehrlichste Erkundung der Krankheit im vergangenen Jahr war kein Kammerspiel in Brauntönen, sondern eine animierte Sitcom über ein Pullover tragendes schauspielerndes Pferd.

Ohne große Erklärung existieren in "BoJack Horseman" sprechende Tiere mit humanoiden Körpern neben normalen Menschen. So wie die Titelfigur, die in den Neunzigern Star einer platten Familiensitcom namens "Horsin' Around" war und jetzt vereinsamt und depressiv ein zielloses Leben in Hollywood voll trauriger Ausschweifungen lebt und nichts mehr fühlt.

Das klingt nach typischem Antiheld, vielleicht sogar nach Mistkerlporno wie "Californication": Ein Pferd lässt die Sau raus, trinkt, kokst und schläft mit jungen Mädchen und darf sich am Ende auch noch als Opfer fühlen. Aber die Autoren um Erfinder Raphael Bob-Waksberg haben BoJack als komplizierte und gebrochene, aber nicht schuldlose Figur konzipiert. Sie haben Mitleid, aber nehmen ihn nicht aus der Verantwortung.

Auch in dieser Erzählhaltung ist die Serie ganz nah bei den "Sopranos". Wie das große Vorbild jongliert "BoJack Horseman" mit Figuren und Handlungssträngen, die sich über die ganze Staffel tragen. Die Sprecher - zum großen Teil Comedians, aber auch Gaststars wie Alan Arkin und Stanley Tucci - verleihen den Cartoon-Figuren eine unerhörte Tiefe. Sie haben berufliche Ambitionen, heimliche Wünsche und vor allem viel Angst davor, verletzt zu werden.

Neben diesem komplizierten emotionalen Ballast stehen die albernsten Tierwitze jenseits von Lolcats. Der Chef des Penguin-Verlags ist ein Pinguin; das schwarze Schaf der Familie ist genau das und ein von Meerestieren betreuter Nachrichtensender heißt MSNBSea. In den besten Momenten bringt die Serie diese beiden Elemente zusammen, wenn zum Beispiel die jüngere Freundin eines Golden Retrievers ihm während eines Gesprächs über ihre vielleicht schon gescheiterte Beziehung sagt, dass er "ein guter Hund" sei.

"BoJack Horseman" ist eine scharfe und aktuelle Mediensatire, die nicht nur als vielleicht erste Serie auf die Enthüllungen über die Verbrechen von Bill Cosby reagierte, sondern auch eine ganze Folge lang tongenau den Stil von Drehbuchautor Aaron Sorkin parodieren kann. Fabian Wolff


"Master of None": Eine New Yorker Clique, so viele Fragen

Aziz Ansari spielt in "Master of None" einen Hipster Anfang 30, der in Brooklyn lebt und über das Leben von Hipstern in Brooklyn reflektiert.

"Master of None" besticht durch seine überaus charmanten Figuren und seine präzise komponierten Geschichten.

Ansaris Figur Dev ist ein Schauspieler, dem lukrative Werbeauftritte eine schöne Wohnung sowie den Besuch interessanter Bars und Restaurants ermöglichen.

Warum es zum Beispiel keine Comedy in den USA gibt, bei der zwei "people of color" die Hauptrollen spielen.

Der Wohlstand hält Dev jedoch nicht davon ab, Fragen an das Leben zu haben. Sehr viele Fragen.

Gleich zwei herausragende Zeitgeist-Comedies kamen in diesem Jahr von Netflix. In "Unbreakable Kimmy Schmidt" spielt Ellie Kemper eine Frau Ende 20, die nach 15 Jahren aus den Händen einer Sekte befreit wird und nun mit dem Blick eines Teenagers aus den Neunzigern auf das New York der Gegenwart schaut. Eine wunderbar durchgeknallte Konstruktion, durch die sich die Serienschöpfer Tina Fey und Robert Carlock ein Alter Ego schufen, das sich über aktuelle Dating-, Kindererziehungs- und Schönheitstrends wundern konnte, ohne die Serie auch nur ansatzweise altbacken wirken zu lassen.

Komplett geradlinig dagegen ist der Ansatz von Alan Yangs und Aziz Ansaris "Master of None": Ansari spielt einen Hipster Anfang 30, der in Brooklyn lebt und über das Leben von Hipstern in Brooklyn reflektiert. Sobald Ansari und sein On-Screen-Freundeskreis aus Eric Wareheim, Lena Waithe und Noel Wells zu sehen sind, vermisst man jedoch keine irre Ausgangssituation: "Master of None" besticht einfach durch seine überaus charmanten Figuren und seine präzise komponierten Geschichten.

Ansaris Figur Dev ist ein Schauspieler, dem lukrative Werbeauftritte eine schöne Wohnung sowie den Besuch interessanter Bars und Restaurants ermöglichen. Der Wohlstand hält Dev jedoch nicht davon ab, Fragen an das Leben zu haben. Sehr viele Fragen. Manchmal sind es hübsch alberne - zum Beispiel, wo es die besten Tacos in New York gibt. Eine zweistündige Yelp-Recherche führt schließlich zu einem Ergebnis. Nur sind die Tacos in der Zeit, in der sich Dev endlich auf den Weg macht, längst ausverkauft.

Manchmal sind es aber auch deutlich tiefer gehende: Warum es zum Beispiel keine Comedy in den USA gibt, bei der zwei people of color die Hauptrollen spielen. In der zweiten Folge ("Parents") hat "Master of None" bereits gezeigt, dass eben dies wunderbar funktioniert. Der indisch-amerikanische Ansari und der taiwanisch-amerikanische Kelvin Yu (als Alter Ego für Co-Serienschöpfer Alan Yang) unterhalten sich über ihre Eltern und kommen zu dem Schluss, dass sie deren Lebensleistung viel zu wenig würdigen. Ein bezauberndes Familiendinner, bei dem Ansaris echter Vater allen die Show stiehlt, ist der Höhepunkt einer der bemerkenswertesten Serien-Episoden 2015.

In der späteren Folge "Indians on TV" spitzt Ansari die Fragen um race nochmals zu: Wie mit dem mächtigen TV-Produzenten umgehen, der rassistische Witze macht? Wie die Schauspielkollegen kritisieren, die bereitwillig mit klischiert breitem indischem Akzent sprechen, wenn es die Rolle verlangt? "Master of None" erfindet nicht die TV-Comedy neu, sondern welche Themen innerhalb des Formats verhandelt werden können. Hannah Pilarczyk


"Mr. Robot": Hacker-Drama mit Occupy-Ambitionen

"Mr. Robot" ist ein tiefsinniger Psychothriller und eine Liebeserklärung an David Fincher.

Protagonist ist der Einzelgänger Elliot (Rami Malek), der bei Tag in einer Cybersecurity-Firma arbeitet.

Abends findet er Zugang zu einer geheimnisvollen Hacker-Gruppe, deren Anführer Mr. Robot (Christian Slater, re.) die Bankdaten und damit die Schulden sämtlicher Menschen löschen will.

Das hat aber auch seine dunklen Seiten, und überhaupt muss man sich bald nicht nur nach dem Wesen von Gut und Böse fragen.

Das erstaunlichste an "Mr. Robot" ist, wie leicht es war, diese vielleicht beste Serie des Fernsehjahres zu übersehen. Nicht auf HBO, AMC oder Netflix, sondern auf dem kleinen Kabelsender USA Network, der bisher mit Wrestlingprogrammen und Serien wie "Royal Pains" und "Suits" lockte, debütierte im Juni das Stück, das zunächst wie ein idealistisches Hacker-Drama mit Occupy-Ambitionen anmutet. Aber dann entpuppt sich "Mr. Robot" als tiefsinniger Psychothriller, als Liebeserklärung an David Fincher und als Verneigung vor den großen Geschichten und komplizierten Figuren, die das amerikanische Fernsehen prägen.

Protagonist ist ein hohläugiger junger Einzelgänger namens Elliot (wunderbar wütend und verletzlich zugleich: Rami Malek), der bei Tag in einer Cybersecurity-Firma arbeitet und sich nachts in die digitalen Identitäten anderer Menschen hackt - mal, um neue Bekanntschaften auszuchecken, mal um fiese Gestalten zu exponieren: einen Kinderpornohändler zum Beispiel oder den verlogenen Lover seiner Psychiaterin Krista (Gloria Reuben), die ihn wegen Angstzuständen und Depressionen behandelt. Elliot verachtet die Gesellschaft und ihre falschen Helden (Steve Jobs und Lance Armstrong kommen zur Sprache), und aus dem Off raunt er seine Wut auf eine Welt, in der "Bullshit als Tiefblick auftritt und die sozialen Medien Innigkeit vortäuschen".

Aber Elliot ist kein Zyniker, er will eigentlich Gutes, und seine Einsamkeit macht ihm schwer zu schaffen. Und als er Zugang zu einer geheimnisvollen Hacker-Gruppe namens fsociety findet, deren seltsamer Anführer Mr. Robot (Christian Slater als eklektischer Anarchist) die Bankdaten und damit die Schulden sämtlicher Menschen löschen will, scheint endlich möglich zu werden, wovon Elliot träumt: die Welt zu retten. Leider hat auch das seine dunklen Seiten, und überhaupt muss man sich bald nicht nur nach dem Wesen von Gut und Böse fragen, sondern auch nach den Grenzen von Realität und Illusion.

"Mr. Robot" ist vielfach für seine realistische Darstellung der Hacker-Community gelobt worden, aber was der Erstlingsautor Sam Esmail hier aus der Taufe gehoben hat, geht weit über den Anspruch an Authentizität hinaus. Esmails Story besticht mit faszinierenden Gedankenspielen über persönliche Integrität in einer moralisch bankrotten Welt, und sie ist so berückend bebildert wie das zuletzt vielleicht "Breaking Bad" zustande brachte. Rami Malek zieht mit seinem schwierigen Helden die Zuschauer immer tiefer in eine Geschichte voller schwarzem Sarkasmus und leidenschaftlichem Ernst. Wer schon mal von einer besseren Welt geträumt hat und irgendwie ahnte, dass das eine ziemlich komplizierte Angelegenheit sein könnte, der kann hier seinen düstersten Utopien nachhängen. Nina Rehfeld


"Rita": Kompliziert und trotzdem perfekt

Rita ohne Jutebeutel, dafür mit Karohemd: Macht alles richtig Zur Großansicht
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Rita ohne Jutebeutel, dafür mit Karohemd: Macht alles richtig

Rita und ihr Jutebeutel. Es ist der von Kaisers. Mit dem Frosch und der Schildkröte, die sich küssen. Drum herum ein bunter Kreis und der Schriftzug: "Schützt unsere Umwelt". Dabei schert sie sich nicht um Umwelt - ist auch egal. Sie ist Lehrerin, und die Hefte passen einfach in den Jutebeutel. Rita ist eben pragmatisch.

Rita ist die Hauptfigur der dänischen gleichnamigen Serie, die ganz still und leise auf Netflix dieses Jahr in Deutschland Premiere feierte. Dabei lief "Rita" im Jahr 2012 in allen drei Staffeln schon bei TV 2 in Dänemark.

Rita hat drei Kinder. Rita säuft. Rita raucht. Rita hat Sex. Rita schimpft. Rita hat Humor. Rita sagt, was sie denkt. Rita trägt Lederjacke und enge Jeans. Rita ist destruktiv. Rita kümmert sich. Rita ist zickig. Rita macht viele Fehler.

Trotzdem macht sie alles richtig. In ihrem Beruf nimmt sie die Schülerinnen und Schüler ernst. Ihre eigenen Kinder behandelt sie meistens wie Erwachsene. Sie macht sich von ihren Männern nicht abhängig, und belügt sie nie, also fast nie.

In der ersten Staffel hat sie eine Affäre mit dem Schuldirektor Rasmus (Carsten Bjørnlund), sie muss die neue, naive Lehrerin Hjørdis (Lise Baastrup) einarbeiten und sich vor der Schulberaterin Helle (Ellen Hillingsø) verstecken, die ihr auf die Nerven geht.

Drehbuchautor Christian Torpe kreierte mit Rita Madsen eine der Fernsehfiguren, die bei einem bleiben, die nicht perfekt sind, die Identifikation bieten. Rita kann sich damit locker in die Liste der Claire Underwoods, Stella Gibsons und Olivia Popes einreihen. Und mit Mille Dinesen fand Torpe die passende Schauspielerin. Dinesen spielt Rita so distanziert und nah zugleich, eben perfekt nuanciert.

"Rita" steckt irgendwo zwischen Drama und Comedy, verhandelt dabei aber alle wichtigen Themen der vergangenen Jahre: Homosexualität, Rassismus, Armut, Dyslexie, ADHS, Erziehungssystem. Nie plump, nie moralisierend, nie banalisierend. Die Serie ist wie ihre Hauptfigur eben kompliziert, nicht in der Narration, nicht in ihren filmischen Mitteln, sondern in ihrem Umgang mit Themen und den Figuren. Weder Rita noch die Serienmacher entschuldigen sich, niemals. Auch nicht für den Jutebeutel. Enrico Ippolito


"Unreal": Feministische Bachelor-Persiflage

Rachel (rechts) bei der Arbeit: "This is how a feminist looks like" Zur Großansicht
Lifetime

Rachel (rechts) bei der Arbeit: "This is how a feminist looks like"

"Unreal" ist nicht nur eine bittere Satire auf Reality TV, sondern auf die gesamte Romantikindustrie, auf eine von monetären Interessen gesteuerte Vorstellung von Romantik, also auf alles, was als romantisch gilt.

In "Unreal" geht es um die Produktion der Reality-TV-Show "Everlasting", in der ein junger Mann mit 20 Frauen auf einem Schloss wohnt und eine nach der anderen rauswirft, bis seine wahre Liebe übrig bleibt. Und es geht um das Team hinter den Kameras, das aus dem Rohmaterial, aus den Kandidatinnen und dem Bachelor, Szenen der Eskalation herauskneten muss: Es gibt Cash-Bonus für Nackte, Notrufe und Zickenkrieg. Es geht um Ekel und Integrität, um Kaltschnäuzigkeit, darum, wie Fernsehen funktioniert und diese verrückte Gesellschaft, die auch nach der Hochphase von Reality-TV noch immer diejenige ist, die solche Formate überhaupt hervorgebracht hat.

Es gibt keine Längen in dieser Serie, es geht so schnell, wie es im Fernsehen eben gehen muss, damit niemand abschaltet. Und so startet "Unreal": Die Kameras der Show Everlasting sind auf Adam Cromwell, den Bachelor-Kandidaten, gerichtet. Er steht vor einem Schloss, eine Kutsche fährt vor, die erste Kandidatin steigt aus, Geigenspiel. "Stopp, stopp", schreit plötzlich aus dem Hintergrund Produktionsleiterin Quinn: Was für Trottel ihre Produzenten eigentlich seien? "Sie ist schwarz", obwohl doch klar sei, dass die erste Bewerberin "wifey" sein müsse, und die Auserwählte am Ende nie schwarz sei. Einer der Produzenten, ein schwuler Schwarzer, widerspricht, Quinn unterbricht ihn: "Ist nicht meine Schuld, dass Amerika rassistisch ist!"

Die Quote ist die Entschuldigung für alles, was die Produzenten den Kandidatinnen antun. Und so wirkt es nur höhnisch, dass Rachel, die erste Produzentin unter der Produktionsleiterin Quinn, ein T-Shirt trägt mit dem Spruch "This is how a feminist looks like". Dabei liegt sie rücklings auf dem Boden einer Limousine, um die Konkurrentinnen, die dort auf ihren Auftritt warten, bei Laune zu halten mit Geschichten über ihren potenziellen Prinzen.

Und doch ist die Show feministisch. Nicht nur, weil sie von zwei Frauen gemacht ist, sondern auch weil sie es schafft, alle Figuren heranzuzoomen und subtile Ausbeutung und Diskriminierung vorzuführen. Weil die Hauptcharaktere zwei Frauen sind und jede einzeln genau wie deren Verhältnis widersprüchlich, dabei eben auch instrumentell und doch am Ende irgendwie solidarisch ist. Carolin Wiedemann

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insgesamt 21 Beiträge
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1. Und wo sind nun ...
mamuesp 30.12.2015
... die versprochenen Perlen? ... Und "Mr.Robot" ist für Nerds kaum auszuhalten vor Langeweilige und ausgelutschter IT-Klischees ... Sorry. Dann lieber Jessica Jones auf Netflix ...
2. rita
dolledern 30.12.2015
bei ihr habe ich Tränen gelacht....so schön, wenn sie sagt: ich bin lehrerin geworden um die Kinder vor ihren Eltern zu schützen
3. Ohne Fargo macht die Liste keinen Sinn
diospam 30.12.2015
Die zweite Staffel von Fargo war mit Abstand die beste Serie von 2015. Und da es sich um komplett neue Darsteller im Vergeleich zur ersten Staffel handelt, kann man durchaus von einer neuen Serie sprechen.
4. Wo bleiben die
hwdtrier 30.12.2015
Perlen von 2015?
5. Und ...?
heisenberg18, 30.12.2015
Better call Saul?
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