Neue Serien-Strategie von Netflix: Schluss mit Lagerfeuer-TV

Von Denis Krick

Nicht mehr warten, sondern starten. Der Web-Dienst Netflix bietet Serien wie "House of Cards" überall und zu jeder Zeit. Fans müssen nicht mehr auf den allwöchentlichen Sendetermin warten. Das Konzept funktioniert beim Publikum - und setzt die etablierten TV-Stationen unter Druck.

Netflix: Neue Serien, neue Sitten Fotos
Sony Pictures Television

Hamburg - Reed Hastings hat keine Lust mehr zu warten. Und er ist sich sicher, dass es den meisten TV-Zuschauern auch so geht. Keiner möchte mehr eine Woche oder noch länger ausharren, ehe es eine neue Folge der Lieblingsserie zu sehen gibt. Davon ist Hastings überzeugt. Sonst hätte der Vorstandsvorsitzende von Netflix wohl kaum 100 Millionen Dollar für David Finchers Seriendebüt "House of Cards" ausgegeben - und damit den klassischen TV-Sendern mit ihrer festgefahrenen Programmstruktur den Kampf angesagt. Denn bei Hastings Streaming-Dienst muss keiner mehr warten.

"House of Cards" gibt es nicht häppchenweise zu sehen, sondern am Stück. Alle 13 Episoden wurden auf einmal ins Netz gestellt. On Demand - zu deutsch: auf Abruf - lautet Hastings' Zauberformel. Wer möchte, der kann sich die Serie in einem Rutsch anschauen. "Die erste Staffel ist eigentlich als 13-stündiger Film angelegt", sagt auch Hauptautor Beau Willimon SPIEGEL ONLINE. Die Zeiten, in denen TV-Sender ihren Zuschauern vorschreiben konnten, wann es was zu sehen gibt, seien jetzt endgültig vorbei. Das sei wie eine kleine Revolution.

Ende der neunziger Jahre startete Netflix als DVD-Verleihversand im Netz, dann kam das Streamen von Filmen und TV-Serien als Geschäftszweig hinzu. Netflix verlangt dafür von seinen Kunden knapp acht Dollar pro Monat. Diese dürfen dafür so viele Videos im Internet gucken wie sie möchten. 2012 zählte das Unternehmen 33,3 Millionen Kunden. Den Löwenanteil davon in den USA, Tendenz steigend. In Deutschland kann man Netflix bislang nicht abonnieren.

"House of Cards" ist die erste selbstproduzierte Serie von Netflix. Zuvor diente die Firma aus Los Gatos, Kalifornien, nur als Abspielstation für Kabelsender wie AMC oder Showtime sowie für Material von Filmstudios wie Disney oder Lionsgate. Doch damit will man sich künftig nicht mehr begnügen. Das Ziel sei, dass Netflix sich schneller in den Kabelsender und Branchenprimus HBO verwandelt als HBO in Netflix, sagte Hastings in einem Interview mit dem US-Magazin "GQ". Denn auch klassische Kabelsender wie HBO setzen vermehrt auf das Streamen ihrer Inhalte im Internet - und arbeiten deshalb nicht mehr mit Netflix zusammen.

Ganze Staffeln statt einzelner Folgen

Eigene Serien sollen nun bei Netflix mehr Abonnenten locken und dem Kabelfernsehen Konkurrenz machen. Finchers "House of Cards" ist nur der Anfang. Für seine Content-Offensive sicherte sich Hastings für den US-Markt exklusiv die Ausstrahlungsrechte weiterer Produktionen und setzt auf bekannte Namen. Die Gangster-Dramedy "Lilyhammer" mit Steven Van Zandt ("The Sopranos"), die Mystery-Show "Hemlock Grove" von Eli Roth ("Hostel") und "Orange Is the New Black" von "Weeds"-Schöpferin Jenji Kohan wurden unter anderem eingekauft. Weiterhin lässt man die 2006 von Fox abgesetzte Sitcom "Arrested Development" in der Originalbesetzung wieder auferstehen.

Die Staffeln der neuen Serien werden genau wie bei "House of Cards" komplett veröffentlicht. Damit reagiert Netflix auf die veränderten Sehgewohnheiten der Zuschauer. Diese sind es längst gewohnt, Shows am Stück zu konsumieren - und zwar wann und wo sie wollen. Auch in Deutschland.

Die hiesigen DVD-Verkaufscharts sprechen Bände. In den Top-10 finden sich Serienhits wie "Downton Abbey" oder "The Big Bang Theory". Die Online-Archive deutscher Fernsehanstalten werden immer beliebter und bei iTunes werden TV-Shows in Staffelgröße heruntergeladen.

Große Kaliber wechseln ins Seriengeschäft

Netflix läutet das Ende des Lagerfeuer-TV ein - der Zeit, in der man sich zusammen mit Gleichgesinnten vor dem Fernseher versammelte und der Ausstrahlung der Lieblingsserie nach der "Tagesschau" entgegenfieberte. Oder am Tag danach mit den Kollegen die neuesten Abenteuer seiner TV-Helden diskutierte. Beim Streaming-Dienst schaut man nicht mehr gleichzeitig, zu einem festen Termin, sondern jeder wie er kann.

Die Vorfreude auf ein wöchentliches TV-Highlight entfällt - und die Spannung, die die Cliffhanger am Ende jeder Folge erzeugen, droht zukünftig zu verpuffen. Schließlich kann man sofort erfahren, wie es weitergeht. Ein ungeduldiges Warten auf die Fortsetzung gibt es nicht mehr.

Die Arbeit der Produktionsfirmen beeinflusst Netflix mit seiner Strategie erheblich. Von "House of Cards" und "Lilyhammer" wurden nicht eine, sondern jeweils gleich zwei Staffeln geordert. "Das gibt uns jede Menge Planungssicherheit", sagt Autor Willimon. "Und jede Menge kreative Freiheit." Man könne jetzt in Ruhe seine Geschichten entwickeln. Solch ein Arbeiten sei extrem attraktiv. Bleibe dies so, dann würden bald mehr große Namen des Kalibers David Fincher und Kevin Spacey vom Kino- ins Seriengeschäft wechseln.

Die Investition in eigene Produktionen scheint für Netflix aufzugehen. Laut einer US-Analyse benötigt das Unternehmen nur rund 520.000 neue Abonnenten, die dem Streaming-Dienst zwei Jahre treu bleiben, um die 100 Millionen Dollar für "House of Cards" einzuspielen. Und das sei eine realistische Wachstumsrate.

Dass das "On Demand"-Prinzip die Zukunft ist, ist kaum zu leugnen. In Deutschland wird dies selbst den jüngsten Serienfreunden schon beigebracht. Die "Unser Sandmännchen"-App für iPhone und iPad des Kinderkanals erfreut sich großer Beliebtheit. Die Kleinen können damit auf Abruf die aktuelle Folge des Abendgrußes zu jeder Zeit sehen. Wenn gewünscht, auch mehrere Episoden am Stück.

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1.
flaw83 26.02.2013
Umso ernüchternder, dass man mit SKy-Anytime trotzdem für jede Folge eine Woche warten muss...
2.
hxk 26.02.2013
Zitat von flaw83Umso ernüchternder, dass man mit SKy-Anytime trotzdem für jede Folge eine Woche warten muss...
Aber nicht, wenn man Englisch versteht, dann hat man ohne Verzug Zugang zu den Produkten von zwangsgebührenfreien Qualitätsmedien.
3. Hurra!
G.Weiter 26.02.2013
Der Abgesang auf RTL & Co. nimmt damit Formen an. Dämliche Abdudelstationen, die dem Zuschauer vorschreiben wollen, was er wann sehen darf, dazu noch Restriktionen a la CI können sie dann künftig für Dschungel-KZ und Supertalent exklusiv verwenden. Der Zuschauer ist auf dem Weg zum nonlinearen Konsumieren, da helfen auch Krücken, wie RTLNow nicht weiter....
4. Scharchnasen-TV in Germany
joschitura 26.02.2013
Alles Entwicklungen, die von den Schnarchnasen hierzulande wieder verschlafen werden. Und Netflix ist ja in Deutschland nicht zu buchen. Die wirklich sehenswerte Staffel Eins von "Lilyhammer" ist ja nun an die Pro7-Sat1-UnterschichtTV-Gruppe verkauft worden, d.h. sie wird wahrscheinlich frühestens nach Fertigstellung von Stuttgart 21 und weit nach Mitternacht in wie üblich beschissener Synchro gesendet. Also haben wir die ersten acht Folgen in UK geordert und längst gesehen.
5. Optional
rumpyho 26.02.2013
Zum Glück bieten Sky Atlantic und TNT oft auch Serien Marathons an, bei denen eine ganze Staffel direkt hintereinander gezeigt werden - zB Game of Thrones und Walking Dead. Dann ganze Serie auf einmal aufnehmen und danach in Ruhe anschauen. Wenn es nur etwas billiger wäre ... :(
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