Serienschöpfer Alan Ball: "Vampire sind Sex"

Mit seinen Serien "Six Feet Under" und "True Blood" hat er das Fernsehen verändert: Oscar-Preisträger Alan Ball ist einer der einflussreichsten Männer der US-Unterhaltungsindustrie. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview erklärt er, wie er seine Projekte auswählt und spricht über die Libido von Blutsaugern.

"True Blood"-Schöpfer Alan Ball: "Wir sind primitive Kreaturen" Fotos
Warner Bros.

SPIEGEL ONLINE: Mr. Ball, mit der Fernsehserie "Six Feet Under" haben Sie von 2001 bis 2005 die Ära großer, erwachsener Fernsehserien in Amerika mitbegründet. Vermissen Sie die Bestatter-Familie Fisher manchmal?

Ball: Nein. Ich habe sechs Jahre meines Lebens damit verbracht, in existentielle Abgründe zu starren und mich damit auseinanderzusetzen, was es bedeutet, sterblich zu sein und eines Tages dahinscheiden zu müssen. Aber damit bin ich fertig - im Moment zumindest.

SPIEGEL ONLINE: Dafür sind Sie jetzt mit den Untoten von "True Blood" zugange...

Ball: Was mich an "True Blood" so reizt, ist, dass es so anders ist und solchen Spaß macht. Wenn "Six Feet Under" ein russischer Roman war, ist "True Blood" ein Comic.

SPIEGEL ONLINE: Was fasziniert Sie so am Spiel mit dem Tod?

Ball: Ja, der Tod ist offensichtlich schon wieder da. Aber "Six Feet Under" drehte sich um die reelle Beziehung zum Tod, die wir alle haben. "True Blood" dagegen ist mit Leuten bevölkert, die dem Tod von der Schippe springen. Und neben denen gibt es hier derart viele Leichen, dass ein humorvolleres Verhältnis zum Tod erlaubt ist. Man darf den Tod auslachen.

SPIEGEL ONLINE: Mit "The Vampire Diaries" und "Being Human" gibt es im amerikanischen Fernsehen zwei weitere Vampirserien, auch im Kino und der Belletristik treiben zahlreiche Blutsauger ihr Unwesen. Worin wurzelt die offenbar ebenfalls unsterbliche Faszination mit Vampirgeschichten?

Ball: Wir sind in unserem Innern primitive Kreaturen, und wir leben in einer Welt, in der wir diese Urtriebe auszubügeln versuchen. Aber sie existieren in unserer Psyche und in unserer Seele weiter. Deswegen haben wir Träume, deswegen kreieren wir diese übernatürlichen Figuren und Kräfte in unseren Mythologien: Wir sind beseelt von dem Verlangen, uns in einer tieferen, abenteuerlicheren und aufregenderen Weise zu erfahren als bloß aufzustehen, zu duschen, zur Arbeit zu gehen und die Rechnungen zu bezahlen.

SPIEGEL ONLINE: Aber Ihre übernatürlichen Figuren sind in einer Kleinstadt im amerikanischen Süden beheimatet. Nicht gerade eine grandiose Kulisse.

Ball: Ich versuche, mit "True Blood" das Übernatürliche nicht als etwas darzustellen, das außerhalb oder überhalb der Natur existiert, auch wenn der Begriff es nahelegt. Ich sehe es eher als eine tiefgründige Manifestation der Natur. Und ich habe das ungute Gefühl, dass wir uns als Kultur auf eine Weise von der Natur distanziert haben, die fürs menschliche Gemüt nicht gesund ist.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind selbst in einem Vorort von Atlanta, also in einer Kleinstadt im amerikanischen Süden, aufgewachsen...

Ball: Ja, aber all dies war ja schon in den Büchern von Charlaine Harris angelegt, auf denen die Serie fußt. Immerhin hat mich der Aspekt einer Kleinstadt im Süden an meine Kindheit erinnert, und ich bin wohl auch deshalb darauf angesprungen. Allerdings glaube ich meine eigene Jugend eher in "Six Feet Under" als in "True Blood" erforscht zu haben.

SPIEGEL ONLINE: Dank dieser beiden Serien und dem Film "American Beauty", zu dem sie das Drehbuch schrieben, gehören Sie zu den gefragtesten Leuten in Hollywood. Müssen Sie der Versuchung widerstehen, Dutzende Projekte auf einmal zu dirigieren?

Ball: Ich weiß nicht, wie man in Hollywood ohne pharmazeutische Hilfsmittel der Showrunner für mehrere Serien zugleich sein kann. Und Erfolg als Selbstzweck ist für mich nicht attraktiv. Ich bin gern kreativ, ich liebe meinen Job, nur deswegen tue ich ihn. Ich habe das Glück, tun zu können, was ich möchte. Wenn also ein Projekt auftaucht, das mich reizt, mache ich es. Aber mir liegt nicht im entferntesten daran, ein großer Hollywood-Player zu sein.

SPIEGEL ONLINE: Wie lange kann man sich das in Hollywood leisten, bevor man genügend Leute verärgert hat und aus dem Spiel ist?

Ball: Nun, in dem Fall könnte ich mich auf ein recht bequemes Altenteil zurückziehen. Aber ich liebe meine Arbeit. Nur: Wenn's nicht das richtige Projekt ist, wenn nicht die richtigen Leute dabei sind, wenn's keinen Spaß macht, dann lasse ich die Finger davon. Das Leben ist zu kurz.

SPIEGEL ONLINE: "True Blood" ist sexy, und Sex ist hier allgegenwärtig und ganz schön anschaulich. Noch vor ein paar Jahren hätte das vermutlich als Pornografie gegolten. Fühlen Sie sich berufen, Grenzen einzureißen?

Ball: Amerika ist immer noch entsetzlich puritanisch im Hinblick auf Sex, und ich finde das lächerlich. Charlaine Harris' Sookie-Stackhouse-Bücher, auf denen unsere Serie basiert, sind sehr sexy. Sie sind voller Romantik, Liebe und Sex - Lady-Pornografie eben. Sich in der Serie davor zu scheuen, erschien mir albern. Glücklicherweise haben wir lauter Schauspieler, die keine Amerikaner und damit weit weniger verklemmt sind. Diese Serie dreht sich um Urtriebe, und Vampire sind Sex - sie sind ja aus einer unterdrückten Sexualität entstanden. Ich will hier keine Parade nackter Körper abfeiern, aber wenn sich zwei Hauptfiguren ineinander verlieben, möchte man die sexuelle Anziehung zwischen den beiden und ihre Erfüllung sehen.

SPIEGEL ONLINE: Glücklicherweise sind Ihre Schauspieler auch noch phantastisch gebaut.

Ball: Manchmal staune ich darüber, wie freimütig die Schauspieler eine Sex-Szene durchziehen - und dann denke ich mir: Vielleicht wollen sie ja nur endlich ihre Körper zur Schau stellen. Die stecken da nämlich unheimlich viel Arbeit rein. Ich habe schon Dinge zu hören bekommen wie: "Unterwäsche? Meine Figur trägt doch keine Unterwäsche! Ich finde, wir sollten das nackt spielen!" Okay.

SPIEGEL ONLINE: Wirklich? Ausgerechnet die Männer sind so eitel?

Ball: Unglaublich eitel. Einmal sagte Alcide-Darsteller Joe Manganiello nach einer Szene: "Jetzt kann ich endlich ein Stück Käsekuchen essen." So etwas hört man normalerweise von Frauen am Set. Es ist ziemlich amüsant mitanzusehen, wie die Kerle dankend einen Keks ablehnen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben mal beklagt, dass Kritiker die Vampire aus "True Blood" als Metapher für die schwul-lesbische Gemeinde interpretierten - das sei zu eng gefasst. Was meinen Sie damit?

Ball: Ich möchte den sozialen Kommentar dieser Serie gern vage genug halten, so dass man ihn auf verschiedenen Ebenen interpretieren kann. Ich bin selbst schwul, und ich möchte auf keinen Fall behaupten, dass Vampire eine Metapher für Homosexualität sind - viele von ihnen sind schließlich blutrünstige Psychopathen. Wenn man allerdings den Kampf der Vampire um ihre Assimilation in die Mainstream-Gesellschaft zeigt, gibt es bestimmt Parallelen zu den derzeitigen Bestrebungen von Schwulen und Lesben. Und zu denen der schwarzen Bevölkerung vor 50 Jahren. Und zu denen der Frauen vor 100 Jahren.

SPIEGEL ONLINE: Bei der "Gemeinschaft der Sonne", die gegen Vampire hetzt, fühlen wir uns aber nicht zu Unrecht an gewisse Kirchen-Strömungen erinnert, oder?

Ball: Nein, aber sie ist keine Metapher für Religion im Allgemeinen, sondern für bestimmte Religionsformen, die von kontrollsüchtigen Kirchenmuttchen dominiert werden. Denn wir haben ja auch die Figur von Hoyt, der wirklich ein guter Mensch und ein echter Christ ist.

SPIEGEL ONLINE: Bisher haben wir es mit Vampiren, Werwölfen, Formwandlern, Feen und Hexen zu tun. Wird sich die Magie noch vertiefen?

Ball: Ja. Vor allem aber werden wir noch viel tiefer in die Vampir-Bürokratie eindringen. Es gibt nämlich eine Schattenregierung, die wirklich die Zügel in die Hand hat - die Könige und Königinnen sind bloß Sprachrohre.

SPIEGEL ONLINE: Der Sender HBO hat für den kommenden Sommer eine fünfte Staffel von "True Blood" angekündigt. Bei "Six Feet Under" war nach der fünften Schluss. Wann machen Sie den Schnitt?

Ball: Ich glaube, ich erkenne den Moment, wenn ich ihn erreiche. Ich habe das bei "Six Feet Under" verbalisiert, und sie sagten: Okay, bringen wir die Serie zu ihrem Ende. Wenn ich diesen Punkt hier erreiche, werden sie vermutlich sagen: Okay, lass uns einen anderen Autoren dafür finden.

SPIEGEL ONLINE: Man würde Sie ersetzen?

Ball: Ja, beim derzeitigen Erfolg dieser Serie werden sie sie kaum einfach gehen lassen. Aber was, wenn "True Blood" zehn Jahre läuft? Ich kann das nicht zehn Jahre lang machen - ich altere in Hundejahren! Und ich glaube kaum, dass es gesund für mich ist, mich zu lange mit ein und derselben Sache zu beschäftigen.

Das Interview führte Nina Rehfeld.


Die vierte Staffel von "True Blood" läuft in deutscher Erstausstrahlung ab Frühjahr 2012 auf syfy

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insgesamt 32 Beiträge
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1. albern
hannespiefke 18.09.2011
Six feet under ist einfach nur peinlich und der Vampire Hype ist es auch. Das dieser Mann überhaupt einen Oskar bekam zeugt schon von der Idiotie des ganzen Systems.
2. Wenn man keine Ahnung hat...
rleidl 18.09.2011
Zitat von hannespiefkeSix feet under ist einfach nur peinlich und der Vampire Hype ist es auch. Das dieser Mann überhaupt einen Oskar bekam zeugt schon von der Idiotie des ganzen Systems.
dann hilft es einfach wenn man sich zurückhält.
3. .
takeo_ischi 18.09.2011
Zitat von hannespiefkeSix feet under ist einfach nur peinlich und der Vampire Hype ist es auch. Das dieser Mann überhaupt einen Oskar bekam zeugt schon von der Idiotie des ganzen Systems.
Erklären Sie sich bitte. So ein pauschaler Diss ist doch eher etwas peinlich? Den Oscar für American Beauty gab es völlig zurecht. Wobei auch die begnadete Umsetzung durch Spacey, Suvari, Benning etc. in einem tollen Set dazu begetragen haben mögen. SFU als peinlich zu bezeichnen, zeugt nur davon sich nicht auf das Thema einlassen zu wollen oder zu können. Die Gesichte hat viel Tiefgang. Dass das nix für jedes Lindenstrasse/Tatort-Victim ist, ist aber verständlich. Einen Vampirhype sehe ich auch nicht unbedingt. Sie sind für viele zeitlos faszinierend. Spätestens seit Murnaus Nosferatu. Und wurden konstant in Buch, Serie und Film behandelt. Es gab einen Hype um die prüden Glitzerteenvampire von Twilight. Dass aber gute Serien wie TB oder TVD darauf aufgesprungen seien ist nicht haltbar. Dazu sind sie einfach zu erwachsen und zu wenig trashig. Ich meine aber aus Ihrem Post einen latenten Antiamerikanismus ('krankes System') herauslesen zu können. Erwarte daher auch keine konstruktive Einlassung mehr. Das Interview ist übrigends sehr sympathisch.
4. idiotisch?
irma-die-zweite 18.09.2011
Zitat von hannespiefkeSix feet under ist einfach nur peinlich und der Vampire Hype ist es auch. Das dieser Mann überhaupt einen Oskar bekam zeugt schon von der Idiotie des ganzen Systems.
Wer "dass" nicht von "das" unterscheiden kann, sollte sich vielleicht nicht über andere Idiotien ereifern.
5. re
dent42 18.09.2011
Zitat von hannespiefkeSix feet under ist einfach nur peinlich und der Vampire Hype ist es auch. Das dieser Mann überhaupt einen Oskar bekam zeugt schon von der Idiotie des ganzen Systems.
Ich habe beide Serien nur teilweise gesehen, aber Ihr Beitrag zeugt von ihrer eigenen Idiotie und ehrlich gesagt nicht nur dieser.
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