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27. August 2018, 17:36 Uhr

München-Serie "Servus Baby"

Wohnungsnot und Spermaraub

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Auf dem Wohnungsmarkt gescheitert, mit der Familiengründung im Rückstand: Die Miniserie "Servus Baby" erzählt von Emanzipationsversuchen im Münchner Edelprekariat. Mit krasser Komik - aber zu kurzem Atem.

Niemand hat gesagt, dass das mit dem Schwangerwerden ein Spaziergang ist. Der Typ mit der Ledermaske auf dem Gesicht, neben dem Tati eines Morgens aufwacht, ist dann aber doch ein bisschen viel. Erst musste sie sich von ihm besoffen auf dem Oktoberfest abknutschen lassen, dann forderte er sie auf, ihm den Hintern zu versohlen, schließlich schnarchte er da wie eine aufgedunsene Batman-Version in SM-Montur neben ihr. Und nach Erwachen dieser Ledermumie wird Tati von dieser auch noch aus dem Bett geschmissen. Aber das gehört nun mal zu dem Arrangement, das sie mit sich selbst geschlossen hat: Du musst das Sperma nehmen, wie es kommt.

"Servus Baby" ist eine Serie, die ihren Heldinnen nichts schenkt. Tati ist eine von vier Münchner Frauen um die 30, denen es allen ähnlich geht - vom anderen Geschlecht betrogen, auf dem Wohnungsmarkt glücklos, mit der Familiengründung im Rückstand. Nach Frauenzeitschriftenmaßgaben: gescheitert.

Vier Folgen ist "Servus Baby" kurz, in jeder stellen die Filmemacher eine der Frauen ins Zentrum der Erzählung. Jede von ihnen kämpft auf ihre Art um Liebe, Wohnung, Job, Nachwuchs. Das Publikum schaut den Vieren (gespielt von Josephine Ehlert, Genija Rykova, Teresa Rizos und Xenia Tilling) dabei zu, wie sie diese Ziele in waghalsigen, oft alkoholisierten Stunts erreichen wollen.

Der Humor ist krass, die Stimmung schwankt zwischen Absturz und Ekstase, zwischen Agonie und Erkenntnis. In ihren besseren Momenten erinnert die Serie an "Girls", in ihren schlechteren an eine Art "Sex and the City" aus dem Münchner Edelprekariat.

Gefängnis der Ideale

Die Vier-Frauen-vier-Folgen-Struktur scheint auf den ersten Blick eine tolle Idee, greift aber bei den Erzählambitionen der Verantwortlichen zu kurz. Regisseurin und Autorin Natalie Spinell und Autor Felix Hellmann nehmen ihre Figuren nämlich durchaus ernst, sie zeigen sie anteilnehmend im Gefängnis ihrer Ideale, in den Ketten der Selbstoptimierung, um sie durch zum Teil wirklich lustige Entfesselungsakte in angedeutete neue Freiheiten zu führen. Die 30-minütigen Folgen sind zum Teil souverän komponiert, doch um die Frauen wirklich zu verstehen, um ihren Wandel nachvollziehen zu können, müsste das Publikum mehr Zeit mit ihnen verbringen.

"Servus Baby" ist für den Bayerischen Rundfunk eine Art Nachfolge-Projekt zu "Hindafing". Bei beiden geht es darum, pointiertes Serienerzählen nach US-Vorbild mit deutscher Gegenwart oder sagen wir ruhig: bayerischer Gegenwart zu füllen. Wie "Hindafing", die Serienüberraschung mit dem koksenden Provinzbürgermeister, wird auch "Servus Baby", die Serie mit den kampftrinkenden Großstadtfrauen, zuerst komplett in der Mediathek abzurufen sein. Weshalb der BR trotz des "Hindafing"-Erfolgs so knauserig bei der Produktion war, leuchtet nicht ein. Warum hat man nicht acht Folgen in Auftrag gegeben oder vier doppelt so lange?

So bleiben die lustvollen emanzipativen Entfesselungsakte streckenweise doch unglaubwürdig. Mit "Servus Baby" wird unterhaltsam an den Gittern des Selbstoptimierungsgefängnisses gerissen, die Befreiung bleibt vorerst aber aus.


"Servus Baby", ab Montag, 27. August in der BR-Mediathek. Ausstrahlung: Ab 13. September, donnerstags, jeweils 22.45 Uhr, BR

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