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TV-Experiment "Altersglühen": Mario Adorf sucht 'ne neue Alte

Von Peter Luley

Liebe ohne Script: Am Set von "Altersglühen" Fotos
Getty Images

Senioren auf Speed: Der TV-Film "Altersglühen" zeigt, wie alte Menschen weit jenseits der Rentengrenze mittels Power-Flirting neue Partner suchen. Kniffliges Thema, kaum Geld und gar kein Drehbuch. Aber dafür 13 Stars, die spielen dürfen, wie sie wollen.

"Ick habe mir natürlich 'ne Figur ausgesucht, die 'n bisschen beschränkt ist", sagt Michael Gwisdek. "Schule 8. Klasse abjegangen, Sätze kriegt er nicht so richtig zu Ende, aber er kann sich irgendwie mit Händen und Füßen ausdrücken - kann man gar nich uffschreiben, aber ick kann so 'ne Figur spielen. Dit war für mich der Reiz." Gwisdek ist am Set des ARD-Films "Altersglühen", der von Senioren beim Speed-Dating erzählt - ohne vorgefertigte Dialoge, mit Schauspielern, die sich nur auf Charakterprofile stützen können.

Improvisation ist seit Jahren das Spezialgebiet des Autors und Regisseurs Jan Georg Schütte. Bereits in "Die Glücklichen" (2008) und "Swinger Club" (2006) versuchte er sich an der Methode, Schauspieler nur mit Rollenbeschreibungen auszustatten und sie an einem Schauplatz unter einer bestimmten Prämisse interagieren zu lassen. In beiden Fällen brachte das erfrischend kurzweilige Ergebnisse, die zu kleinen Programmkino-Hits wurden; nicht ganz so geglückt war "Koffie to go", ein TV-Serial um Begegnungen in einem Stehcafé, das 2009 denn auch im Nachtprogramm versenkt wurde.

Wie die Babys

Schüttes neue Arbeit "Altersglühen", die gerade in Hamburg entsteht, folgt einem noch zugespitzteren Konzept: In der WDR-NDR-Co-Produktion bittet er 13 gestandene Schauspieler zur Beziehungsanbahnung beim Speed-Dating. Als Basis dienen grobe Charakterprofile, die Regisseur und Darsteller gemeinsam entwickelt haben.

Bemerkenswert an dem Projekt, dessen Idee auf einem Hörspiel Schüttes von 2011 fußt, sind aber nicht nur Form und Thema. Auch die Besetzung ist spektakulär: Zum Cast gehören Stars wie Mario Adorf (82) und Senta Berger (72), Matthias Habich (73), Angela Winkler (69) und eben Michael Gwisdek (71). Die 82-jährige Ilse Strambowski spielt in einer Art Gastrolle die Mutter des Speed-Dating-Veranstalters, den Schütte selbst verkörpert. Der Nestor des Ensembles ist Jochen Stern - ein hellwacher kleiner Herr mit Fliege, Jahrgang 1928.

Um das Wesen des Experiments erlebbar zu machen, lud der WDR kürzlich zum Setbesuch ins Herrenhaus Höltigbaum in Hamburg-Rahlstedt. Journalisten bekamen Gelegenheit zu "Speed-Interviews" mit allen Darstellern - 13 mal drei Minuten (im Film werden sieben Minuten pro Dating veranschlagt), quasi ein Marathon aus Kurzstrecken mit Anklängen an "Die Reise nach Jerusalem", denn immer wenn per Glocke das Ende der Gesprächszeit angezeigt wurde, mussten die Fragesteller einen Tisch weiterziehen.

Dabei wurde vor allem eines deutlich: wie unterschiedlich die Sichtweisen auf das Projekt sind. Während Matthias Habich anfängliche Skepsis einräumt ("Ich bin ja als Schauspieler glücklich, dass mir normalerweise größere Geister die Texte in den Mund legen"), beschreibt Hildegard Schmahl eindringlich, wie ihr das Thema Zärtlichkeit im Alter nahegeht: "Wenn man Babys nicht berührt, sterben sie. Ich glaube, das ist bei uns alten Leuten auch so." Angela Winkler ist begeistert vom Verlauf des Drehs: "Es macht so was von Spaß! Und was toll ist: Das ist jetzt nicht Mario Adorf, der Große. Das ist ein Mensch, und man sitzt ihm gegenüber, und da ist man, wie man ist."

Eine Million Euro für 90 Minuten

Adorf wiederum, der mit Winkler schon 1975 für die Böll-Verfilmung "Die verlorene Ehre der Katharina Blum" vor der Kamera stand, betont die ernste Seite des Sujets: "Ich würde davon ausgehen, dass diese Leute, gerade weil sie älter sind, das nicht aus Jux und Dollerei machen. Ich zum Beispiel habe in meiner Rolle meine Frau durch eine Krankheit verloren und ihr auf dem Sterbebett das Versprechen gegeben, bald wieder eine Frau zu finden. Das ist eine Vorgabe, die weder Komödie zulässt noch Leichtfertigkeit." Und der Russe Victor Choulman wirft einfach nur die Arme hoch und ruft seinen liebsten Schauspieltheoretiker an: "Danke, Stanislawski, dass ich das gehabt habe!"

Den Regisseur Jan Georg Schütte, Jahrgang 1962, darf man zwischendurch auch ohne Drei-Minuten-Glöckchen sprechen. Er gibt als Inspirationsquellen das Buch "Die vergessene Generation" und Andreas Dresens Kinodrama "Wolke 9" an. Er sagt aber auch, dass es ihm nicht so sehr um ein gesellschaftspolitisches Statement gehe: "Das Thema ist eher über die Verfahrensweise auf mich gekommen. Mich locken diese wahrhaftigen Momente, die man da erwischt."

Um die herauszufiltern, nimmt er in Kauf, viel Zeit mit Materialsichten zu verbringen: Allein 420 Minuten Speed-Dating hat er in Hamburg aufgenommen; im Herbst soll es noch einen Nachdreh für Vor- und Folgegeschichten geben. Dabei werden allerdings nur die zwei "spannendsten" Paare weiterverfolgt. Die Ausstrahlung des mit rund einer Million Euro budgetierten 90-Minüters ist für Frühjahr 2014 vorgesehen.

Komödie, Drama, was dazwischen - nach all den Einlassungen ist schwierig einzuschätzen, was der Dreh ergeben wird. Beeindruckend sind Risikofreude, Begeisterung und Fitness der Altstars. Über Gelingen oder Scheitern von "Altersglühen" aber wird bei diesem Experiment wohl noch mehr als sonst im Schneideraum entschieden.

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insgesamt 5 Beiträge
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1. Interessanter Gedanke
Hääää? 28.06.2013
".... beschreibt Hildegard Schmahl eindringlich, wie ihr das Thema Zärtlichkeit im Alter nahegeht: "Wenn man Babys nicht berührt, sterben sie. Ich glaube, das ist bei uns alten Leuten auch so." und irgendwie gar nicht abwegig!
2. Eine hochinteressante Idee,
olaf m. 28.06.2013
diese Geschichte, dieses Thema mit diesen Leuten. Ich bin sehr gespannt darauf. SPON: Bitte noch einmal rechtzeitig darauf hinweisen.
3. Mario Adorf...
RA_Schwartmann 28.06.2013
... und Senta Berger? Originell. Hatten wir noch nie.
4. mario adorf war einer der
ichweiswas 04.07.2013
Zitat von sysopGetty ImagesSenioren auf Speed: Der TV-Film "Altersglühen" zeigt, wie alte Menschen weit jenseits der Rentengrenze mittels Power-Flirting neue Partner suchen. Kniffliges Thema, kaum Geld und gar kein Drehbuch. Aber dafür 13 Stars, die spielen dürfen, wie sie wollen. http://www.spiegel.de/kultur/tv/setbesuch-bei-altersgluehen-von-jan-georg-schuette-a-907248.html
besten Schauspieler DIE WIR HATTEN: er sollte aber besser aufhören bevor er sich mit solchen Sendungen immer mehr blamiert Mittlerweilen nimmt er rollen an die hätte er vor 20 Jahren noch strikt abgelehnt
5. Und die Senta ...
un-Diplomat 06.07.2013
Zitat von ichweiswasbesten Schauspieler DIE WIR HATTEN: er sollte aber besser aufhören bevor er sich mit solchen Sendungen immer mehr blamiert Mittlerweilen nimmt er rollen an die hätte er vor 20 Jahren noch strikt abgelehnt
... hätte nie anfangen sollen bevor sie jetzt nicht aufhört.
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