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Sex-Doku "Unter fremden Decken": Immer brav aufs Vorspiel achten

Von Daniela Zinser

ProSieben glotzt durchs Schlüsselloch: Auf der Suche nach dem "besten Sex der Welt" findet die Doku "Unter fremden Decken" dauerscharfe Schweden, gut gebaute Afrikaner und heiße Latinos. Ungeile Themen wie HIV werden dabei munter wegmoderiert.

Sex-Doku "Unter fremden Decken": Andere Länder, andere Lüste Fotos
ProSieben

Jetzt, in dieser Sekunde, haben weltweit 2778 Paare Sex. Richtigen Sex, mit Anfassen und so. Wahnsinn. 200 Millionen Menschen am Tag. Sagt die Stimme aus dem Off. Und die muss es ja wissen. Was die Stimme nicht weiß: Wie gut ist der Sex?

Das will man natürlich unbedingt wissen, so samstagabends vor dem Fernseher, damit man sich schön schlecht, gehemmt und benachteiligt fühlen kann. Weil man nicht zu den 2778 Paaren gehört. Oder wenn doch, beim Sex nebenbei ProSieben guckt, was ja nicht für besonders guten Sex spricht.

Immerhin: Der freundliche Unterhaltungssender hilft seinen Zuschauern mit der 130 Minuten langen Reportage "Unter fremden Decken - Auf der Suche nach dem besten Sex der Welt" weiter. Zumindest, was die Einschätzung des eigenen Liebeslebens anbelangt. Für den ultimativen internationalen Sexvergleich hat ProSieben seine beiden einschlägig erfahrenen Reporter Paula Lambert und Thilo Mischke losgeschickt.

Die beiden, die sich als Autoren (sie: "Eine Frau mit Penetrationshintergrund", er: "In 80 Frauen um die Welt") dafür qualifiziert haben, recherchieren knallhart in fünf Ländern: in Schweden, Frankreich, Kenia, Japan und Brasilien. Also immer schön den Klischees nach. Zu den dauergeilen blonden Schwedinnen. Den begnadeten französischen Verführern. Den gutbestückten Afrikanern. Den fesselfreudigen Manga-Japanern. Und den heißblütigen, OP-verschönten Brasilianern.

Zuerst reist Thilo Mischke nach Schweden. Seine Erkenntnisse, mit Betroffenheitsgesicht einfühlsam recherchiert: Schon ab Klasse drei werden Kinder mit "Safer Sex und Selbstbefriedigung vertraut gemacht". Gleichgeschlechtliche Liebe ist voll akzeptiert, und "die jungen Studentinnen scheinen besonders lustvoll zu sein". 11,8 Sexpartner hat jede Frau in Schweden, sagt die Statistik. Das sind doppelt so viele wie hierzulande.

Davon ist Mischke so berauscht, dass er unbedingt noch mal sagen muss, dass die Schwedinnen "schöne Biester im Bett sind". Einen Blogger, mit dem er durch die Nacht zieht, fragt er investigativ-suggestiv: "Alle wollen ficken, weil sie alle geil sind?" Tja, so läuft das in Schweden.

Hauptsache, HIV vermiest den Spaß nicht

Immerzu stellt die Dokumentation die Anzahl der Sexpartner aus, Qualität und Quantität, das wird einfach mal gleichgesetzt. Und natürlich hat auch das befragte Durchschnittsehepaar in Schweden quasi täglich Sex, tollen Sex, dank Vorspiel und Wein, "aber nicht flaschenweise". Auch Reden hilft. Das können die Franzosen sogar noch besser, findet Paula Lambert heraus, die bei ZDFKultur schon bei "Im Bett mit Paula" zum Pillow Talk lädt.

In Frankreich machen sie es, hihi, gerne französisch ("Blasen ist ein Muss"), kommen sich stilvoll im Swingerclubs näher und die Frauen treffen sich zur Dildo- statt zur Tupperparty. Für Franzosen ist es "das größte Vergnügen, die Frau zum Höhepunkt zu bringen", weiß die befragte Soziologin. Und Poledance ist der neue Trendsport. Untreue wird in Frankreich großzügig toleriert.

Aber das ist gar nichts im Vergleich zu Kenia. Da dürfen die Männer in der Dokumentation mit Untreue protzen und unwidersprochen sagen, beim Sex in der Ehe gehe es um die Befriedigung des Mannes. Wäre ja ein bisschen problematisch mit der heiteren, "Bester Sex der Welt"-These, wenn Themen wie HIV und Genitalverstümmelung den Spaß verdürben. Lieber schnell weiter zum Geschmackstest einer Wurzel, die die Potenz steigern soll. Und zur lustigen TV-Sexberaterin, die dem Reporter erklärt, was man mit den Brüsten machen soll.

Richtig ärgerlich wird es, als Mischke ein Massai-Paar zum Sex befragt. Der Mann erzählt, dass sie es nicht mag, da unten berührt zu werden, weil es ihr weh tut. Sie ist beschnitten. "Macht dich das unglücklich?", fragt Mischke. Den Mann. Die Frau steht daneben. Und zurück zur Sex-Talkerin.

Nachhaken? Lieber ins Schaum-Bordell

Ähnlich schräg die Recherche in Japan. Da gibt es, wieder ein paar Statistiken, zwar eine beeindruckende Vielfalt an sexuellen Spielereien - Schulmädchenlook, Bondage, Sexpuppen mit echten Schamhaaren. Dummerweise aber hat ein Viertel der verheirateten Japaner nur einmal im Jahr Sex. Selbst bei bester Qualität geht das wohl nicht als "bester Sex der Welt" durch. Alle Frauen, erzählt ein japanischer Journalist, sind für Japaner Lustobjekte. Nur die eigene Ehefrau nicht. Zwei Drittel der Japanerinnen wurden in der Bahn schon sexuell belästigt.

Statt das mal zu hinterfragen, lässt Mischke sich lieber fesseln, besucht ein "Soapland", eine Art Schaum-Bordell, und fragt die jungen Japaner, bei denen das langsam alles besser wird. Behauptet er. Seine Kollegin Paula darf dann noch auf den Spuren von Sonne, Samba und Schönheits-OPs durch Brasilien wandeln.

Zwischen den Interviews gibt es Sexszenen - mit Barbie, Ken oder Akteuren, die aus weniger Plastik bestehen. Alles schön weichgezeichnet und mit Popmusikschlunz drüber. Dazu Statistiken, bei denen Deutschland immer schlecht abschneidet. Deprimierend für den Zuschauer auf dem Sofa, wenn er nicht schon eingenickt ist bei all den Klischees. Vielleicht wäre eine Dokumentation aus Indien spannend? Die Inder landen bei fast allen Statistiken auf dem letzten Platz.

Mehr als ein paar nette Interviews bietet "Unter fremden Decken" also nicht. Höchstens noch ein paar Anregungen zum Selbermachen: Reden hilft, trinken auch. Kerzen und Poledance schaden nicht. Immer brav aufs Vorspiel achten. Und sollte eine Frau dabei sein, wäre es schön, wenn es ihr auch gefiele.


Unter fremden Decken - Auf der Suche nach dem besten Sex der Welt, Samstag, 28. Juli, 20.15 Uhr, ProSieben

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