Sex-Show in der ARD Und ewig lockt das Blondchen

Wie wird eine große Show zum Thema Sex jugendfrei? Wenn Ranga Yogeshwar sie moderiert: Der Chef-Biolehrer der ARD harmonierte perfekt mit den biederen Filmchen, Spielchen und Promi-Anekdoten seiner Sendung "Wie liebt Deutschland?". Danach ging garantiert nichts mehr in deutschen Betten.

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WDR

Niemand kann so sorgenvoll-schräg die Augenbrauen hochziehen und den Kopf in Telefonhörerklemmhaltung legen wie Ranga Yogeshwar. Wie ein mitleidiger Arzt, der einem gerade vorsichtig eine schlechte Nachricht beibiegt: Sie haben noch drei Monate zu leben. Oder wie ein Biolehrer, der genau weiß, dass das mangelnde Engagement im Leistungskurs...so im Hinblick auf die Abiturnote...oha. Stattdessen überbringt der "Wissenschaftsjournalist" Yogeshwar neuerdings zur besten Sendezeit Hiobsbotschaften in Sachen Sex. Zum Beispiel diese: Verliebtsein ähnelt einer Zwangsneurose! Nun ja, das haben die meisten Menschen tatsächlich schon selbst erlebt. Oder: Sex ist das Hauptbindemittel einer Partnerschaft. Ebenfalls ein alter Hut, doch er mag Recht haben. Außer bei Zwangshochzeiten natürlich!

Aber solche brisanten Themen kommen der ARD bei einer Abendshow um 20.15 Uhr natürlich nicht ins Haus: "Wie liebt Deutschland?" hieß die am Donnerstagabend ausgestrahlte, freundlich-konservative Sendung zum Thema deutsche Bettdecke. "Wen fickt Deutschland?" wäre vermutlich zu spezifisch, "Wer liebt Deutschland?" zu frustrierend gewesen. An 400 Publikumsgästen hatte man vorher die Fragen zum Thema getestet, die Antworten gesammelt und ausgewertet. Und da nach alter deutscher (und öffentlich-rechtlicher) Sitte Homo- oder irgendwie anders gelagerte Sexualität komplett totgeschwiegen wurde, kann man annehmen, dass die Ergebnisse ziemlich genau eine ganz bestimmte, keineswegs repräsentative Gruppe an Menschen abbilden: die Gemütlichen, Fernsehinteressierten.

Geschätzte 22 Minuten Spaß

Die zum Beispiel, die die zeitliche Länge ihrer sexuellen Aktivitäten einschätzen sollten, und zwar "vom Anfang der Penetration bis zum Orgasmus des Mannes", mit dem ja auch selbstverständlich alles zu Ende ist, nicht wahr, oder war da etwa noch was, nach dem Cumshot? Geschätzte 22 Minuten Spaß hatten die Männer. Die Frauen, die derweil mit der Stoppuhr gelangweilt unten drunter lagen (nehmen wir jetzt mal angesichts des übrigen Versuchsaufbaus an), maßen allerdings nur dreieinhalb Minuten. Vielleicht hatten sie aber auch aus Frust zu schnell aufs Stoppknöpfchen gedrückt?

Die typische, fernseh-selbstreferentielle Abendschau-B-Prominenz, diesmal bestehend aus Sonya Krauss, Ralf Möller, Stefan Mross, Michaela May und Joe Bausch, musste indes formatgerecht und durch Yogehswars Brauenmimik inspiriert, ihre Tipps zu heißen Themen abgeben. Das war manchmal nicht uninteressant, wenn Joe Bausch beispielsweise binnen anderthalb Minuten die männlichen Teile von fünf ihm bis dato unbekannten Pärchen ihren Partnerinnen zuführte, und quasi aus der Lamäng voll in Schwarze traf: Brillenträger zu Brillenträger, Moppelchen zu Moppelchen.

Oder wenn kurz in einem Einspielfilm der irritierend komplizierte Versuchsaufbau zu jener These erklärt wurde, die besagt, dass Männer in Stresssituationen stärker auf weibliche Reize reagieren: Man hatte den Versuchsrammlern eine Art Indiana-Jones-Dschungel-Abenteuer mit steiler Seilbahn und Hängebrücke aufgebaut, und an verschieden gefährlichen Punkten dieses Parcours eine nette, ungeschminkte Blondine mit locker sitzender Telefonnummer installiert. Anhand der Häufigkeit der späteren Kontaktaufnahme mit der Blondine wollte man danach weismachen, dass Männer die Ursachen eines Adrenalinausstoßes - ob nun wackelige Hängebrücke oder klimpernde Wimpern - nicht mehr unterscheiden können und somit öfter anrufen, wenn sie die Frau zu einem Zeitpunkt kennenlernen, an dem ohnehin schon so einiges bei ihnen abging.

Sexfreier Gesichtsausdruck

Leider blieben sämtliche Versuche an der Oberfläche: Wieso Pärchen anscheinend von jedem hergelaufenen TV-Prominenten als solche erkannt werden, und ob es eine Rolle spielt, wie blond die Abenteuer-Bekanntschaft war, passte nicht mehr in die Moderationszeit des wackeren Yogeshwars. Der es ohnehin immer musterschülermäßig schaffte, sogar über grundlegend heiße Themen mit einem dermaßen sexfreien, entwaffnenden Gesichtsausdruck zu reden, dass man die Sendung garantiert auch noch unter die FSK-6-Grenze bekommen hat.

Weiß man nach knapp zwei Stunden denn nun eigentlich Bescheid darüber, wie Deutschland liebt? Immerhin, man hat mal wieder überflüssige Dönekens aus dem Leben der Semiprominenz gesammelt, man hat die beliebten, pittoresken, schwarzweißen Fernseh-O-Töne zum Thema Minirock und Antibabypille gesehen, die seit Jahren zu diesem Thema eingespielt werden. Man hat auch zu hören bekommen, dass Menschen in festen Partnerschaften öfter Sex haben als Singles. Irgendwann schafft es eben jedes Thema mal in "die große Wissensshow". Vielleicht lernt man dabei nicht wirklich etwas dazu. Aber: Man lernt ja auch nie aus.

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insgesamt 63 Beiträge
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Seite 1
eurologe 05.11.2010
1. Schuster bleib bei deinem Leisten
Ranga Yogeshwar sollte schleunigst zu seinem Fachgebiet zurückkehren, bevor er sein letztes Renommee in Quiz- und Talkshows verspielt hat. Eine neue Wissenschaftssendung, die ihren Namen verdient, würde auch der ARD gut tun, die auf diesem Gebiet dem ZDF momentan nicht das Wasser reichen kann.
Jan B. 05.11.2010
2. ......
ich musste nur die Überschrift lesen, um zu dem Gedanken zu kommen: "Und für so einen Schrott bezahl ich GEZ-gebühren?" Sorry aber das ist Privat-Sender-Niveau und hat nichts mit dem angeblichen Bildungsauftrag der Öffentlich-Rechtlichen zu tun. Wen interessiert das eigentlich, wie "Deutschland liebt?"
Foul Breitner 05.11.2010
3. Um meinem Nick gerecht zu werden.
Gestern lief das gute Fußballspiel BVB - Paris SG. Wer braucht da Sex oder die ARD ? Allerding. Wenn die Intendanten das Rateteam gebildet hätten, hätte ich den Fußball sausen lassen :-)
lensenpensen 05.11.2010
4. Ich weiß
wirklich nicht was hier kritisiert wird. Das ist doch 1a-Bildungsfernsehen. So kommt die ARD wieder ihrem Bildungs- und Informationsauftrag nach.
lachender lemur, 05.11.2010
5. Warum so negativ?
Zitat von eurologeRanga Yogeshwar sollte schleunigst zu seinem Fachgebiet zurückkehren, bevor er sein letztes Renommee in Quiz- und Talkshows verspielt hat. Eine neue Wissenschaftssendung, die ihren Namen verdient, würde auch der ARD gut tun, die auf diesem Gebiet dem ZDF momentan nicht das Wasser reichen kann.
Könnten Sie das erläutern? Das ZDF scheint mir keine seriöse Alternative zu bieten. Allgemein frage ich mich, warum der SPON-Artikel so hochmütig intellektuell herabsetzebnd daherkommt. Wenn man Fernsehpublikum nicht mag ist man eine Fehlbesetzung für das Kommentieren der für diese Zuschauerschaft konzipierten Formate.
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