Sexismus-Talk bei Illner: Anfassen ist Sache der Frau
Mangelnde Gründlichkeit kann man ARD und ZDF nicht vorwerfen: Der Talk bei Maybrit Illner über Sexismus war der dritte binnen fünf Tagen zu diesem Thema. Zwar näherte man sich diesmal tatsächlich relevanten Aspekten der Debatte an - ohne Zoten ging es aber nicht, dafür sorgte Wolfgang Kubicki.
In der Debatte über Rainer Brüderles plumpe Avancen gegenüber einer "Stern"-Journalistin ist doch das eigentlich Unvorstellbare, dass der FDP-Politiker womöglich wirklich glaubte, seine Masche könne von Erfolg gekrönt sein. Noch unvorstellbarer mag der Gedanke sein, dass er bei anderen Gelegenheiten mit dieser seltsam versprühten Erotik der Macht vielleicht gar erfolgreich war. Am aller-, allerunvorstellbarsten aber ist die Vorstellung, dass zum Thema Brüderle und Sexismus die dritte Talkshow in fünf Tagen tatsächlich Erhellendes zutage fördern würde.
Maybrit Illner hat es am Donnerstagabend trotzdem probiert, zumal das ZDF im strukturellen Nachteil einer - gegenüber der ARD - mangelhaften Talkshow-Dichte ist. Das Erste führte bis dato 2:0, bei Günther Jauch war es zuvor schon um den "Herrenwitz mit Folgen" gegangen, bei Anne Will um den "Sexismus-Aufschrei". Maybrit Illner zog nun mit "Schote, Zote, Herrenwitz - Ist jetzt Schluss mit lustig?" nach, was ja durchaus suggeriert, dass Schoten, Zoten und Herrenwitze per se erst einmal lustig sind. Darüber waren die Gäste dann aber doch uneins.
Für Illner konnte es eine Woche nach der Veröffentlichung des "Stern"-Artikels, der Brüderles eigenes Verständnis von Charme offenbarte, nur noch darum gehen, im Vergleich zu ihren ARD-Konkurrenten das lässigste Line-up aufzufahren. Mit der Grünen-Chefin Claudia Roth und Schleswig-Holsteins FDP-Fraktionschef Wolfgang Kubicki saßen dafür vielversprechende Antagonisten in der Runde.
Kubicki springt sofort für seinen Parteifreund in die Bresche, spricht von einer "Petitesse", Brüderle sei ein Opfer, das hingerichtet werde. Im Ernst des Themas geht glatt der zwar unfreiwillige, zugleich aber gelungenste Witz über den FDP-Spitzenkandidaten unter: "Ein Hoffnungsträger soll mutwillig beschädigt werden." Hoffnungsträger, köstlich!
"FDP lebt in einer Parallelgesellschaft"
Weniger der Komik als des eigentlichen Themas wegen, nimmt Roth die FDP in Sippenhaft: "Diese Partei lebt in einer Parallelgesellschaft." Sie plädiert für Frauen in Spitzenpositionen - mit Quote gegen die Zote, wenngleich Joschka Fischer als Beweis dient, dass auch eine konsequent umgesetzte Frauenquote den Durchmarsch eines Machos an die Spitze nicht unbedingt verhindert. Aber Fischer war ein anderes Kaliber als Brüderle.
Das ist der Knackpunkt: Es ist keine Verharmlosung von Sexismus, wenn man feststellt, dass nicht alles, was Brüderle sagt, ernst zu nehmen ist. Vor zehn Jahren saß der Rheinland-Pfälzer, sozialisiert von unzähligen Krönungen junger Weinköniginnen, bei Harald Schmidt und gab unumwunden an, meist schon mittags mit dem Weintrinken anzufangen. 2009 trat er bei einem Regierungstreffen vor die Presse, Wolfgang Schäuble an seiner Seite, und sagte, dass beide "dicht beieinander stehen, auch wenn ich jetzt stehen muss", dann mit Blick auf Schäuble: "und er sitzen kann". Es ist naheliegender, Brüderle einen Fettnapf-Fetisch zu unterstellen als Sexismus. Es geht also um ernsthaftere Dinge als die Person Brüderle.
Auf diese Idee kommt nach einer halben Stunde auch Illners Runde. Claudia Roth betont, es gehe nicht um Brüderle, sondern den alltäglichen Sexismus im sozialen Raum. Christina Frank von Ver.di fordert, Beschwerdestellen nicht beim Arbeitgeber anzusiedeln, ihre Ansätze zur Problembewältigung bleiben aber vage. Moderatorin Illner hat eine Lösung parat: "Das Internet ist eine Möglichkeit."
"In der Frage von Berührungen lasse ich der Frau den Vortritt"
Angesichts realer Diskriminierungen, die Frauen allein aufgrund ihres Geschlechts widerfahren, und dem sich anschließenden Gefühl von Ohnmacht wirkt das etwas dünn. Soll sich bloß niemand wundern, wenn über Sexismus ab nächster Woche wieder vor deutlich weniger Publikum diskutiert wird.
Die Schauspielerin Sophia Thomalla fährt sich derweil lasziv mit der Zunge über die Lippen, fordert mehr Schutz für Männer und sagt mit Blicken aufs Anbaggern, sie könne "so eine Sache sehr gut schlucken". Auch Kubicki will vom Koketten nicht lassen. "Ich flirte für mein Leben gern", lässt er mehrfach bemüht beiläufig fallen. Der Satz mutet wie ein neuer Wahlkampfslogan an, Kubicki wiederholt ihn seit Tagen. Anfassen sei aber tabu, denn: "In der Frage von Berührungen lasse ich der Frau den Vortritt." Kubicki mag in dritter Ehe verheiratet sein, und doch würde es nicht verwundern, hielte er jeden Moment ein Schild mit seiner Telefonnummer in die Kamera.
In Roth, das ist ihr deutlich anzusehen, brodelt es, denn da ist es wieder, dieses Zotige, dass die Grünen-Chefin beanstandet: "Ich finde es überhaupt nicht witzig!" Vielleicht würde sie Kubicki gerne einen deftigen Frauenwitz drücken, eine Zote, die er verdient hat.
Sie lässt es sein.
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