Thriller-Serie "Sharp Objects" An der Oberfläche gekratzt

"Sharp Objects" hat durch den Regisseur von "Big Little Lies", die Autorin von "Gone Girl" und Hollywoodstar Amy Adams das Zeug zum nächsten TV-Hit. Doch die HBO-Produktion leidet an zwei typischen Serien-Krankheiten.

HBO/ Sky

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Das ehrlichste an Wind Gap, diesem 2000-Seelen-Städtchen im schwülen Missouri, ist der Schweiß. Er bildet Perlen auf den Stirnen, macht Flecken unter den Armen und läuft den Rücken herunter, egal, wie sehr ihn die Leute verbergen wollen. Den Rest können sie aber ganz gut unter der Oberfläche halten: den Neid, den Rassismus, sogar die Angst.

Zwei Mädchen im Teenageralter wurden hier innerhalb eines Jahres brutal ermordet. Doch außer einer Ausgangssperre scheint das im Ort nichts zu verändern. Und warum auch? Man hat sich gegenseitig ja schon vorher die schrecklichsten Dinge zugetraut.

Nur für Weggezogene haben die Einwohner von Wind Gap noch mehr Misstrauen übrig, zum Beispiel für Camille Preaker (Amy Adams). Als Tochter der einzigen Großunternehmerin des Ortes aufgewachsen, genoss sie die Schulzeit als It-Girl. Dann kam ihre kleine Schwester ums Leben, sie selbst landete in der Psychiatrie, und irgendwann schwemmte sie das Leben als alkoholkranke Zeitungsreporterin in St. Louis an.

Im Innersten aufgewühlt

Angesichts dieser Lebensgeschichte kann man es schwerlich als gute Idee ihres Chefredakteurs bezeichnen, Camille nach Wind Gap zu schicken, um über den Umgang des Städtchens mit den traumatischen Verbrechen zu berichten. Er macht es trotzdem, und das passt bestens zum Rest von "Sharp Objects". Sehr Vieles an dieser Serie ist nämlich weniger eine gute als eine interessante Idee. Auch wenn es zunächst anders erscheint.

Die achtteilige HBO-Produktion, die ab Montag parallel zur US-Ausstrahlung auf dem Pay-TV-Sender Sky verfügbar ist, basiert auf dem Debütroman von Bestsellerautorin Gillian Flynn ("Gone Girl") und wurde komplett von Erfolgsregisseur Jean-Marc Vallée, der bereits die Seriensensation "Big Little Lies" verantwortete, inszeniert.

Mit Flynn und nicht zuletzt Hauptdarstellerin Amy Adams hat Vallée gemein, dass sie sich alle für das Innenleben von Frauen interessieren, für die Gedanken, Vorlieben, Einstellungen, die sie im Innersten aufwühlen. Das klingt einigermaßen banal, ist aber ab einer gewissen Preisklasse in Hollywood und selbst im Edel-Serien-TV immer noch eine Seltenheit - weshalb sich auch die anspruchsvollsten Filmschauspielerinnen auf Vallées Projekte stürzen.

Typen weinen nicht

Es braucht allerdings auch eine hochklassige Darstellerin wie Adams, ihre undurchdringlichen Blicke und ihre ambivalente Körpersprache, um die knapp acht Stunden Laufzeit von "Sharp Objects" halbwegs zu tragen. Plotmäßig hat die Serie nämlich erstaunlich wenig zu bieten.

Nicht Indizien und Beweise sind es, die den mäßig spannenden Kriminalfall vorantreiben, sondern Stimmungen und Gefühle. So wird gegen den Hauptverdächtigen im jüngsten Mordfall, den Bruder des Opfers, vor allem ins Feld geführt, dass er zu öffentlich um seine Schwester trauere. "Ich bin ein Typ, da heulst du nicht einfach so vor aller Augen", sagt FBI-Agent Willis (Chris Messina) einmal zu Camille. Als würde das irgendetwas, geschweige denn einen Mord, beweisen.

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"Sharp Objects": Drei Frauen, drei Traumata

Um die zwei toten Mädchen geht es aber ehrlicherweise nur am Rande, denn das wahre Rätsel von "Sharp Objects" soll Camille sein. Dass sie etwas vor den anderen zu verstecken hat, ist offensichtlich. Schließlich trägt sie selbst im Hochsommer schwarze Jeans und langärmlige T-Shirts. Genauso scheint Camille aber auch etwas vor sich selbst zu verheimlichen. Blitzartig aufscheinende Erinnerungen an Kindheit, Jugend und in die Zeit in der Psychiatrie verweisen ein ums andere Mal auf verdrängte Traumata.

Aber warum sollte jemand, der weder der Welt noch sich selbst mit nennenswerter Offenheit und Neugier begegnet, ausgerechnet Journalistin werden? Sie sei weiß Gott keine gute Reporterin, sagt Camilles Chefredakteur bei den allabendlichen Telefonaten zum Stand ihrer Recherchen. Er meint es als Scherz, doch man kann es getrost als bare Münze nehmen: Journalistin ist Camille vor allem deshalb, weil Autorin Gillian Flynn kein besserer Kniff einfiel, um sie zurück in ihre verhasste Heimatstadt zu schicken.

Drei Generationen gewaltsam vereint

Genauso verhält es sich mit Camilles Familienkonstellation: Ihre Mutter Adora (Patricia Clarkson) soll einerseits über den Verlust ihrer zweiten Tochter nicht hinweggekommen sein. Andererseits hat sie wenige Jahre später wieder geheiratet und eine dritte Tochter, Amma (Eliza Scanlen), bekommen, die nun zu einem hochmanipulativen Teenager herangewachsen ist. Drei Generationen von komplizierten Frauen versammelt Flynn so buchstäblich gewaltsam unter einem Dach. Das ist erzählerisch ergiebig, aber psychologisch fadenscheinig.

Letztlich leidet "Sharp Objects" an zwei Serien-Krankheiten, die man bislang nur von Netflix-Produktionen kannte. Wie bei den Superhelden-Serien der Konkurrenz ist der Stoff hier maximal ausgedünnt, um Staffellänge zu erreichen. Dabei wären zwei, wenn nicht sogar drei Episoden verzichtbar gewesen, so wenig Brise weht in Wind Gap.

Und wie bei Netflix, das sein Überangebot durch zunehmende Eintönigkeit strukturiert und immer mehr Serien an den Start bringt, die anderen Serien ähneln (siehe "Stranger Things", "Dark", "The Rain"), tritt auch "Sharp Objects" auf ausgetretenen ästhetischen Pfaden. "Southern Gothic", den bedrohlichen Charme der Südstaaten, haben nämlich schon zwei HBO-Serien, "True Blood" und die erste Staffel "True Detective", hinlänglich erkundet.

Stören muss einen das natürlich nicht. Auch im Serienfernsehen scheint Vertrautheit längst den Vorzug vor Experiment und Öffnung erhalten zu haben. Für eine gute Idee sollte man "Sharp Objects" deshalb nur nicht halten. Vielleicht noch nicht einmal für eine interessante.


"Sharp Objects", ab 9. Juli 2018 auf Sky verfügbar.



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