Von Katharina Miklis
Der Liebesbeweis kommt verpackt in Metzgerpapier: Ein Stück rohes Fleisch besiegelt die zarten Bande zwischen Kommissar Borowski und seiner zukünftigen Kollegin. Das taffe Landmädchen Sarah Brandt hat mächtig Eindruck beim Kieler Ermittler hinterlassen. Erst repariert die geheimnisvolle Schöne sein Auto, dann hilft sie ihm bei der Aufklärung eines Falls. Zum Dank hinterlässt der wortkarge Polizist ihr ein saftiges Stück Steak, liebevoll verpackt in Schlachterfolie.
Die Frau, der diese fleischgewordene Aufmerksamkeit gebührt, ist Sibel Kekilli. Die deutsch-türkische Schauspielerin ("Gegen die Wand", "Die Fremde") ist in Zukunft, nach dem Ausstieg von Maren Eggert, die Neue an der Seite von Axel Milberg. Milberg hat sie selbst als neue Kollegin vorgeschlagen - man hatte sich zufällig in einem Supermarkt in Finnland kennengelernt. Im "Tatort: Borowski und eine Frage von reinem Geschmack" (Regie: Florian Froschmayer) spielt die 30-Jährige eine inkonsequente Vegetarierin, die sich gerne mal ein Steak gönnt. Viel mehr erfährt man in der ersten Folge nicht über die undurchsichtige Frau vom Lande, die zum Auftakt Borowskis Auto zu Schrott fährt. Nur so viel: Sie packt auf ihrem kleinen Hof gerne an, ist handwerklich begabt und Computerspezialistin. Es ist eine kleine Rolle. Jedoch, was Kekilli wichtig war: eine Rolle ohne Migrationshintergrund. Erst 2011 wird Sarah Brandt auch an der Seite von Borowski ermitteln.
Überdosis Lebensmittelfarbstoff
In der Folge am Sonntag ist Kekilli nur eine Randfigur in einem Fall, in dem es um die unappetitlichen Machenschaften der Lebensmittelindustrie geht. Nicht zuletzt Jonathan Safran Foers Bestseller "Tiere essen" hat der Debatte um gesunde Ernährung neue Impulse gegeben. Das Thema ist schwer angesagt - bei Medien, Literaten, Filmschaffenden. Und so kann sich auch der "Tatort" der Ernährung nicht entziehen. Borowski ermittelt in der globalen Genussgesellschaft zwischen Bio-Mumpitz, Bauernromantik und Bullenzucht: Ein 15-Jähriger stirbt nach dem Genuss des Energydrinks Vitanale an einem allergischen Schock. Das Fitnessgetränk war mit einer Überdosis Lebensmittelfarbstoff versehen.
Die Spur führt Borowski zu der Molkerei Kallberg, in der die eiskalte, karrieregeile Firmenchefin Liane Kallberg (Esther Schweins) aggressiv ihr Spitzenprodukt vermarktet. Statt Bio-Idylle zählt in dem Familienbetrieb nur Profit - zum Unmut der rebellischen Teenietochter Melinda (Sonja Gerhardt), die doch so gerne die putzigen Kälbchen streichelt. Nicht nur sie wird zur Verdächtigen. Auch der verstoßene Bruder der Chefin, ein idealistischer Ökobauer, könnte von dem Untergang der Firma profitieren. Und auch ein Umweltaktivist fährt mit dubiosen Methoden eine Kampagne gegen die Molkerei. Borowski stochert mal im chinesischen Fast Food, löffelt mit Sarah Brandt selbstgekochte Suppe oder filetiert die Fischdelikatesse eines teuren Luxusrestaurants. "Die Leute wollen zu viel", erklärt ihm der Lebensmittelforscher beim Dinner. "Essen soll billig und gesund sein. Es soll satt aber nicht dick machen. Und dann muss es auch noch schnell gehen - das funktioniert nur mit Chemie."
Auftragsarbeit zur Themenwoche
Nicht blutig, dafür etwas zäh kommt dieser NDR-"Tatort" auf den Teller, und die Plotkonstruktion zwischen Familiendrama, Lobbyismus und Bio-Guerilla wirkt ein wenig zusammengepappt wie Klebefleisch. Einziger Geschmacksverstärker ist Sibel Kekilli, die schon mal einen Vorgeschmack gibt, inwiefern ihre Rolle der Sarah Brandt dem brummeligen, etwas festgefahrenen Borowski ordentlich Contra bieten und den Kieler "Tatort" reichlich entstauben könnte.
Nur leider hat ihr Einstand ein wenig Geschmäckle: Der "Tatort: Borowski und eine Frage von reinem Geschmack" wurde von den Drehbuchautoren Kai Hafemeister, Christoph Silber und Thorsten Wettcke extra für die ARD-Themenwoche "Essen ist Leben", in der es um gesunde Ernährung geht, geschrieben. Quasi eine Auftragsarbeit für den Sender. Zum ersten Mal gab das Erste im Zuge der Themenwoche die Thematik vor. Die Kreativen halten dies nicht für bedenklich. Im Gegenteil: "Dieses Thema eignet sich sehr gut für einen Krimi", so Froschmayer, der zum zweiten Mal in Kiel Regie führte. "Die Kunst der Autoren war gefordert, sich einen plausiblen Mordfall auszudenken, der zum Thema 'Ernährung' passt."
Bitterer Beigeschmack jedoch für Kekilli: Ende Dezember folgt eine längst abgedrehte Kieler Folge nach der Vorlage von Krimi-Autor und Milberg-Buddy Henning Mankell ("Borowski und der vierte Mann") - ohne die neue "Tatort"-Aktrice. Erst im kommenden Jahr wird die 30-Jährige wieder im Krimi aus der schleswig-holsteinischen Landeshauptstadt zu sehen sein. Der etwas holprige Einstieg der neuen Hauptfigur ist dem Wunsch des Senders geschuldet, eine runde Themenwoche zu präsentieren - man zog den "Tatort" zum Thema Ernährung vor. Leider auf Kosten der Zuschauer, denen eine zusammenhängende Einführung Kekillis sicherlich lieber gewesen wäre, als ein "Tatort", der zur Themenwoche passt. So ist Kekillis Debüt am Sonntag eigentlich weder Fisch noch Fleisch.
Während der Zuschauer diese etwas sperrige Senderpolitik sicherlich verschmerzen kann, dürfte die Lebensmittelindustrie gar nicht erfreut über diesen "Tatort" und so manchen Programmpunkt der ARD-Themenwoche sein. Bereits nach der "3nach9"-Ausgabe im September, in der Foodwatch-Geschäftsführer Thilo Bode sein Buch "Die Essensfälscher" vorgestellt hatte, warf Schinkenproduzent Jürgen Abraham, Chef der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE), den ARD-Vorsitzenden vor, sich an einer "Diffamierungskampagne" gegen die Lebensmittelbranche zu beteiligen. Kekillis erster "Tatort" wird wohl nicht nur dem Zuschauer schlecht schmecken.
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