Von Christian Buß
Man weiß nicht so recht, ob man ihn verachten oder liebhaben soll. Der Münchner Kommissariatsleiter Dr. Reiter in der ZDF-Krimireihe "Unter Verdacht" ist auf den ersten Blick das Abziehbild eines Amigos: Von den Würstln bis zur Steuererklärung, selten muss er für Leistungen etwas zahlen. An den Bistrotischen und Buffets der bayerischen Landespolitik versucht er der Macht ein bisschen näher zu kommen - und wird immer wieder von seinen Parteifreunden abgewatscht: Welche enorme Tragikomik der Schauspieler Gerd Anthoff, der für seine Rolle schon mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet wurde, dem Karrieristen Reiter doch verleiht!
Eigentlich war dieser Dr. Reiter nur als Sidekick für ein paar Folgen vorgesehen, doch dann entwickelte die Figur im Zusammenspiel mit der schönen, strengen Polizistin Eva Prohacek (Senta Berger) eine solche Dynamik, dass sie nun schon seit acht Jahren im Dienst ist. Die Arbeitsgemeinschaft war einfach zu effizient, um sie zu beenden: hier die unkorrumpierbare interne Ermittlerin, dort der jeder Art von Korruption zugetane Möchtegernaufsteiger.
Dass diese plakative Paarung nach 15 Folgen "Unter Verdacht" nicht zur Farce geworden ist, liegt auch daran: Prohacek findet in ihrem Chef immer zugleich ihren ärgsten Widersacher und treuesten Informanten. Beide können nur miteinander, denn ohne ihre Ermittlerleistung würde er die Karriereleiter nicht aufsteigen können, und ohne seine gefährliche Nähe zur Macht blieben ihr wichtige Insider-Kenntnisse vorenthalten.
So werden wir in "Unter Verdacht" Zeuge einer Symbiose auf Gedeih und Verderb wie man sie eigentlich in jedem TV-Krimi findet: Die ermittelnde Hauptfigur ist immer nur so gut wie die Nebenfigur - und manchmal wird sogar der Sidekick zum Kultobjekt.
Was hätte etwa Derrick seine steife Noblesse gebracht, wenn ihn der geschmeidige Harry nicht durch die Gegend kutschiert hätte? Wie lange hätte der unbehauste Macho Schimanski seinen exzessiven Lebensstil durchhalten können, wenn Hausmütterchen Christian Thanner ihm nicht ab und an und natürlich im Schürzchen was Vernünftiges gekocht hätte?
Der Sidekick ist stets zur Stelle, über eine richtige Identität verfügt er bei erster oberflächlicher Betrachtung nicht. Er agiert meist als Korrektiv des Chefermittlers; er verkörpert in der Krimi-Serie die Wiederkehr des immer Gleichen - und entwickelt doch schon mal ein interessantes, variables Eigenleben. Der Zuschauer kennt oft nicht mal seinen Namen, kann aber durchaus mit seinen intimsten Gewohnheiten vertraut sein. Und wie sehr man doch mit der jeweiligen Krimi-Serie fremdelt, wenn der Namenlose nach einer Viertelstunde mal nicht im Bild erschienen ist: Wo ist denn der Dingsda?
Wir feiern deshalb an dieser Stelle die großen Kleindarsteller, ohne die viele der aktuellen Krimi-Reihen nicht funktionieren würden: vom Dingsda zum Star.
Aus der Peripherie in den Mittelpunkt spielt sich am Freitagabend auch mal wieder Gerd Anthoff als Dr. Reiter. In der "Unter Verdacht"-Episode "Laufen und schießen", die auf Arte als Vorpremiere gezeigt wird, kriegt der eitle Abstauber erst einmal ordentlich Gegenwind. Seine Amigos aus der Landespolitik lassen ihn auf einer prestigeträchtigen Sportveranstaltung im Regen stehen: Ihm wird das Recht auf eine Rede entzogen, eine echte Schmach innerhalb des bayerischen Honoratiorenstadl. Dr. Reiter rächt sich schließlich mit einem virtuosen Verhör an seinem Peiniger - bei dem Prohacek nur die Nebenrolle spielen darf.
Falls Sie es noch nicht wussten: Ihr Sidekick ist ein Star, Frau Kommissar!
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