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Vergewaltigungsdrama auf Arte

"Ich bin beschmutzt. Es klebt an mir"

Sie wollte einen Täter heilen und wurde sein Opfer: Das TV-Drama "Sieben Stunden" erzählt den wahren Fall der Gefängnispsychologin Susanne Preusker. Meisterhaft - und an der Grenze des Erträglichen.

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Freitag, 07.09.2018   16:39 Uhr

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Bücher gibt es mit so tonnenschwerer Beladung, dass man sie besser nicht verfilmen sollte. Allzu leicht verhebt man sich da. Versucht man es dennoch, sollte besser alles sitzen im Sinne von: wirklich alles. Drehbuch, Darsteller, Kamera. Regie.

Susanne Preusker hat ein solches Buch geschrieben. Sie arbeitete als Psychotherapeutin in verschiedenen Justizvollzugsanstalten, vor allem mit Sexualstraftätern, bis sie 2009 in der JVA Straubing von einem Patienten überwältigt und über mehrere Stunden vergewaltigt wurde. 2011 erschien "Sieben Stunden im April. Meine Geschichten vom Überleben".

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Der Regisseur Christian Görlitz (auch Buch, gemeinsam mit Pim G. Richter) hat es dennoch versucht und mit "Sieben Stunden" keine Verfilmung, aber doch einen Film nach Motiven des Buches gedreht. Genau genommen gleich mehrere, Gefängnisdrama, Psychodrama, Gerichtsdrama, Beziehungsdrama. Drehbuch, Darsteller, Kamera, Regie. Es sitzt alles. Weshalb "Sieben Stunden" auch hart an den Grenzen des Erträglichen navigiert.

Der Film erzählt von Hanna Rautenberg (Bibiana Beglau), die wir als extrem motivierte Therapeutin kennenlernen. Sie ist so motiviert, dass sie ihrem späteren Peiniger (Till Firit) nach vier Jahren eine positive Prognose erstellt: "Inzwischen findet er sogar Zugang zu seinen Gefühlen!" Es ist dies der einzige Moment, an dem der Film seiner Heldin ein Bein stellt, gleich zu Beginn.

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Der Psychopath, dem die Psychologin auf den Leim geht, ist für den Zuschauer auf den ersten Blick als solcher kenntlich. Der "Zugang zu seinen Gefühlen" artikuliert sich in Sätzen wie "Bloß weil mir was egal ist, heißt das noch lang nicht, dass ich's nicht verstehe". Kurz darauf versteht er sehr gut, was die Frau in seiner Gewalt erleiden muss. Bloß ist es ihm egal. Das ist das Gefängnisdrama.

"Langjährig vorfantasiertes, sadistisches Handlungsszenario"

Das Problem, eine solche Tat zu zeigen, ist auf ebenso schmerzhafte wie meisterliche Weise gelöst. Im richtigen Moment fährt die Kamera beiseite. Und was genau geschieht, wird im chronologischen Vorgriff auf die Gerichtsverhandlung mit juristischer Kälte zum mündlichen Vortrag gebracht. Es sei "zu mehreren massiven Vergewaltigungen" gekommen, der Täter habe ein "langjährig vorfantasiertes, sadistisches Handlungsszenario" umgesetzt. Das ist das Gerichtsdrama.

Was genau geschehen ist, das sehen wir allerdings Hauptdarstellerin Beglau an. Wir sehen das Unsagbare jedem ihrer Blicke an und dem Spiel ihrer Mundwinkel, wir hören es in ihrer Stimme und lesen es an ihrer Körperhaltung ab. Eine Frau, die eben noch vor Lebensfreude mit ihrem künftigen Ehemann (Thomas Loibl) auf der Straße tanzte - sie ist gebrochen. Das ist das Psychodrama.

Der Film erzählt nun davon, wie Hanna Rautenberg einen Weg zurück ins Leben sucht. Und macht es dabei niemandem leicht. Nicht der Gefängnisleitung, die ein Eingreifen des SEK versäumt hat. Nicht ihrem Kollegen, der daran die Schuld trägt. Nicht ihrem Ehemann, der an den psychischen Versehrungen seiner Frau verzweifelt. Nicht den Freunden, die sich von der spröden Rächerin abwenden. Und nicht dem Opfer selbst, das durch die Hölle geht: "Ich bin beschmutzt. Es klebt an mir". Das ist das Beziehungsdrama.

Ein falsches Wort, eine falsche Frage - und die Katastrophe ist wieder da. Und in einer solchen Situation ist offenbar jedes Wort, jede Frage, jede nonverbale Geste geeignet: falsch zu sein. "Sieben Stunden" erzählt davon, wie eine Beziehung unter solchen Bedingungen zu zerbrechen droht. Beglau spielt so intensiv, dass es weh tut. Sei es, wenn sie von gespenstischen Flashbacks im Auto oder im Schwimmbad geplagt wird. Sei es, wenn sie mit rauher Stimme ihrem Mann erklärt, "nicht mehr die Beine breit" machen zu wollen für ihn. Im Gespräch mit ihrer eigenen Therapeutin (Imogen Kogge) ist es dann schon ein Triumph, in eine Tiefgarage hinabzufahren.

Nebenbei mitverhandelt wird auch die Frage, ob es so etwas wie Grenzen der Therapierbarkeit von Sexualverbrechern ("Verachte die Tat, aber achte den Täter") gibt - und wo die liegen könnten. Antworten auf diese und alle anderen Fragen bleibt der Film schuldig. Das Tröstlichste an diesem Werk ist noch das offene, aber zaghaft hoffnungsvolle Ende.


"Sieben Stunden", Freitag, 20.15 Uhr, auf Arte

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