Verhoeven über Wedel "Er hatte eine dunkle Seite"

Simon Verhoeven hat auf Facebook Dieter Wedel attackiert. Mit SPIEGEL ONLINE sprach der Regisseur über das Verhalten von Wedel am Set, Konsequenzen für die Branche und eine neue Anlaufstelle für Belästigte.

Simon Verhoeven
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Simon Verhoeven

Ein Interview von


Zur Person
    Simon Verhoeven, Jahrgang 1972, ist ein deutscher Regisseur, Drehbuchautor und Schauspieler. Er führte unter anderem Regie bei "Männerherzen", "Unfriend" und "Willkommen bei den Hartmanns". Er wurde unter anderem mit dem Bambi und den Deutschen Filmpreis ausgezeichnet.

SPIEGEL ONLINE: Herr Verhoeven, was bewegte Sie, einen Facebook-Post über Dieter Wedel zu schreiben?

Simon Verhoeven: Nachdem ich den Artikel in der "Zeit" über die von Wedel vermeintlich belästigten und missbrauchten Schauspielerinnen gelesen habe, war ich aufgewühlt und habe diesen sehr emotionalen, sehr spontanen Post verfasst. Ich glaube den Aussagen dieser Frauen und den Zeugenaussagen. Sie sind stimmig und belegbar. Und sie decken sich mit einem Bild, das viele in der Branche über Jahrzehnte von Wedel hatten. Die Leute wussten, er konnte sehr tyrannisch sein. Auch Journalisten wussten das. Nur diese drastischen Ausmaße, die jetzt bekannt wurden, die waren für alle unvorstellbar. Wobei man eben sicher sein kann, dass es auch manche Leute gab, die damals absolut wussten, was passierte.

SPIEGEL ONLINE: Was meinen Sie damit?

Verhoeven: Es gibt Personen, die haben damals ganz bewusst die Entscheidung getroffen haben, diesen Mann zu schützen, obwohl er Frauen vergewaltigt und körperlich verletzt haben soll, sodass die Frauen teilweise nicht mehr weiterdrehen konnten. Wie kann es sein, dass Herr Wedel nach dem Vorfall, bei dem er offenbar die Hauptdarstellerin im Hotel an die Bettkante gehauen hat und sie dann nicht weiterdrehen konnte, nicht gestoppt wurde?

SPIEGEL ONLINE: Gibt es denn beim Film überhaupt eine Anlaufstelle, wo Schauspielerinnen und Mitarbeiterinnen Verdachtsmomente äußern können?

Verhoeven: Ich glaube, dass die Deutsche Filmakademie und auch der Schauspielverband genau in diesem Moment so etwas planen, einrichten und auch bald verkünden werden. Das finde ich sehr gut. Ich glaube, dass viele Leute geschwiegen haben, weil sie Angst hatten, keinen Job mehr zu bekommen. Ein Teil der perfiden Dynamik war aber ja wohl, dass Wedel sich Frauen ausgesucht hat, die gerade am Anfang ihrer Karriere standen. Bevor die das öffentlich gemacht hätten, mussten sie sich wohl gut überlegen, ob sie wirklich als "Vergewaltigungs-Opfer" bekannt werden und den großen Dr. Dieter Wedel beschuldigen wollen..

SPIEGEL ONLINE: So etwas hätte auch ein Karriereende für viele Schauspielerinnen bedeuten können.

Verhoeven: Dieter Wedel hatte durch seinen Erfolg sehr viel Macht. Natürlich konnte er Karrieren stark fördern oder stark behindern. Übrigens nicht nur von Schauspielern, sondern auch von Teamleuten. Ich kann verstehen, dass Schauspielerinnen, die nicht bekannt waren, sich geschämt haben und nicht gern durch eine vermeintliche Vergewaltigung prominent werden wollten. Das in die Öffentlichkeit zu tragen, ist mit viel Scham und psychischer Belastung verbunden. Und vielen würde vermutlich auch gar nicht geglaubt werden. Denn auf der anderen Seite konnte Wedel zu anderen Frauen, anderen Schauspielern und anderen Menschen sehr charismatisch und sehr charmant sein.

SPIEGEL ONLINE: Wie Dr. Jekyll und Mr. Hyde?

Verhoeven: Ich glaube schon. Er konnte sehr gewinnend sein, auch Frauen gegenüber, war ein faszinierender Typ und konnte Vertrauen erwecken. Aber er hatte eben auch eine dunkle Seite. Das wussten alle in der Branche. Nur wie dunkel diese Seite wirklich war, konnten wir uns alle nicht vorstellen. Man hatte gehört, er sei tyrannisch, behandelte die Leute teilweise sehr schlecht. Aber was in der "Zeit" zu lesen war, hat die meisten von uns einfach tief schockiert.

SPIEGEL ONLINE: Es kommen jetzt auch immer mehr Frauen mit ihren Erlebnissen heraus, aber auch welche, die ihn verteidigen.

Verhoeven: Tatsächlich?

SPIEGEL ONLINE: Ja, zum Beispiel Ingrid Steeger.

Verhoeven: Vielleicht war er ihr gegenüber ja auch immer korrekt. Meine Mutter (Anm. d. Red. Senta Berger) hat im Prinzip auch gesagt, wenn sie ihn mal auf einer Veranstaltung getroffen hat, war er immer ein sehr geistreicher, charmanter Gesprächspartner. Er hat sich eben keineswegs gegenüber allen Frauen so verhalten. Leute, die schon Stars waren - ich glaube, da hätte er sich das weniger getraut, die hat er eher versucht, mit seinem Charme zu betören. Er hat sich sehr gezielt die Menschen rausgesucht, die er psychisch fertigmachen wollte, aber das hat man ihm eben dann auch sehr lange erlaubt.

SPIEGEL ONLINE: 40 Jahre lang, heißt es laut Recherchen des Saarländischen Rundfunks.

Verhoeven: Ja, ich habe gehört, dass die Sender und Produktionsfirmen jetzt das alles offenlegen und aufarbeiten wollen. Ich hoffe, dass es wirklich passiert. Vor allem die Produktionsfirmen sind ja viel näher am Drehalltag als die Sender. Von denen muss was kommen! Manche von den damals Verantwortlichen leben allerdings vermutlich nicht mal mehr. Ich erwarte mir bei der Aufarbeitung jetzt auf jeden Fall Leidenschaft und Mut zur Konsequenz. Nicht einfach nur eine Stellungnahme, bei der es dann lapidar heißt: "Ja, wir haben das jetzt geprüft, es stimmt tatsächlich." Dieser Mann hat einigen Frauen ein Stückweit ihr Leben kaputt gemacht, zumindest für einige Jahre. Einen Weg verbaut, den sie eigentlich gehen wollten. Natürlich will man nach so einem Vorfall mit dem Geschäft nichts mehr zu tun haben. Und gegen diese Art System, die es damals gab, muss sich die ganze Branche zur Wehr setzen. Zeigen, wie sie wirklich ist. Das ist mir wirklich wichtig: Ich war ein bisschen erschrocken, wie der Facebook-Post von manchen verstanden wurde. Die "Bild" schrieb "Verhoeven rechnet mit der ganzen Branche ab".

SPIEGEL ONLINE: Dem ist nicht so?

Verhoeven:… Nein, das ist absolut nicht so. 99 Prozent der Menschen, die in meiner Branche arbeiten, sind anständige, tolle Menschen. Ich empöre mich hier über sehr spezifische Mechanismen und auch über spezielle Leute, die ich nicht namentlich kenne, die von dem System Wedel wussten, es geschützt haben und ihn gewähren ließen. Aus falsch verstandener Ehrfurcht vor einem tyrannischen Künstler, auch aus Angst, aber eben auch aus dem Willen, mit Wedel Erfolg zu haben. Hätte er keinen Erfolg gehabt, hätten sie ihn auch nicht geschützt. Und mit dieser Art Quoten-Erfolgssystem, das es eben im Fall Wedel gab, rechne ich ab. Und es schmerzt mich, dass diese Art von Psychologie oder Machtmissbrauch jetzt mit der gesamten Filmbranche wieder so assoziiert wird.

SPIEGEL ONLINE: Sie sehen also kein strukturelles Problem?

Verhoeven:… Ich möchte nicht, dass die Filmbranche immer von solchen Skandalen als Ganzes erfasst wird. Sie muss sich wehren und Stellung beziehen. Und ganz ehrlich, es geht auch nicht darum, dass Regisseure am Set nicht herumschreien dürften. Ein Filmset ist kein Kuschelzoo. Natürlich herrscht da Anspannung, natürlich darf es da auch mal laut werden, gestritten werden. Aber wir reden hier nicht von künstlerischen Prozessen. Wir reden hier von schweren Straftaten. Und deshalb fände ich es gut, wenn das ZDF und andere Sender und Produktionsfirmen wirklich harte Konsequenzen ziehen. Es täte mir zwar leid für die Schauspieler und Teammitglieder, deren Arbeit man dadurch auch nicht mehr sehen könnte, aber: Von mir aus könnten sie Dieter Wedels Serien ganz aus ihren Archiven verbannen. Ich fände, das wäre eigentlich schon die richtige Lektion.

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