"Sing meinen Song" mit Mark Forster Frittier-Liedgut, entfettet

In der neuen Staffel von "Sing meinen Song" bittet dieses Mal Mark Forster zum lustigen Liederfleddern. Von Putzighumor bis Schlagergalopp ist alles dabei.

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So ein bisschen beleidigt sein, das stünde ihm schon zu. Man muss es sich ja doch erst einmal schöngrinsen, wenn man als Musiker und Songtexte-Schreiber seit vielen Jahren ganze Stadien dazu bringt, die eigenen schmalzösen Texte treuherzig mitzusingen, man die Lieder dann für eine TV-Show ein paar Musikantenkollegen übereignet, damit die sie tributmäßig zum Besten geben - und die Nattern erst einmal genau diese Texte ändern.

Ein Hauch von "Here, I fixed it" weht durch die traditionell mindestens harmoniebesoffene Sofalandschaft von "Sing meinen Song", als sich zum Auftakt der neuen Staffel als erstes Rea Garvey und Judith Holofernes über zwei Hits von Johannes Strate, Sänger von Revolverheld, hermachen und sie deutlich entölen, indem sie die Lieder auf ihre Kragen- und Schmachtweite umdichten.

Dieses Jahr darf nach Xavier Naidoo und The BossHoss nun Mark Forster den Gastgeber spielen, der in Südafrika eine verrückte Tee-mit-Schuss-Gesellschaft von Musikern und Musikerinnen zum Sänger-Swingerclub bittet. Nacheinander borgt jeder aus der Runde in einer Folge den anderen seine Lieder her, und es hat etwas durchaus Glaubwürdiges, aufgeregt Erdmännchenhaftes, wie Forster vor dem eigentlichen Beginn diesem Schauspiel entgegenhibbelt.

Und es hat etwas muffig nach Dramaturgie-mottenhaft-Riechendes, als Mary Roos, Schlagergigantin und Tina-York-Schwester (drei Monate nach dem "Dschungelcamp" darf man sie noch so nennen) und Leslie Clio, Soulpopeuse, zu Beginn ganz zufällig über eine Düne dahergeschlendert kommen und den unten auf sie wartenden Mützenmann supersherlockmäßig begrüßen: "Hallo, du musst Mark sein." Isser, na sowas! Und macht, weil moderner Typ, erst einmal ein Selfie mit allen Beteiligten.

Los geht's mit Singen

Dann muss gesungen werden, es hilft nichts. Je nach Gefühlskonstitution sieht man das musikalische Schaffen von Johannes Strate ja entweder als geeignete Emo-Soundkulisse für Erledigungen wie zum Beispiel einen Heiratsantrag - oder als gnadenlos kalkulierten Geborgenheitsporn. Revolverheld, sagt Rea Garvey, sei so "ein bisschen mit Handbremse", was den Verdacht nahelegt, dass er nicht unbedingt schluchzend die Ringe rausholt, wenn Strate singt.

Von "Lass uns gehen", dem Städtefluchtlied, das den Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unschluffigkeit und aus "Hamburg, Berlin oder Köln" herausführen will, lässt Garvey dann auch gerade mal den Refrain auf Deutsch stehen, den Rest verkleidet er mit angenehm dezenten Hussen aus vorbeirauschenden englischen Gefälligkeitssätzen.

Strate friert da erst einmal kurz das professionell erfreute Gesicht ein.

Mark Forster (l.) und Johannes Strate
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Mark Forster (l.) und Johannes Strate

Als nächste bettet Judith Holofernes "Ich lass für dich das Licht an" mit ihrer Neufassung auf ein saugfähiges Küchentuch, das das Fritterliedgut sehr effektiv entfettet: Sie textet in die Strophen eigene, persönliche Beispiele ihrer täglichen Liebesbeweise und schippt so viel Niedlichkeitshumor darauf, wie es nur geht (und sie singt immer noch "leisö", wenn sie "leise" meint).

Bei ihr handelt das Lied also etwa davon, dass sie ihren sehnlichst gewünschten Minipudel ihrem Mann zuliebe auch "Wolfgang" nennen würde, das wringt auch den letzten Tropfen Pathos aus dem Strate-Original. Den Mark Forster dann wieder bottichweise reinpumpt, indem er "Wenn es um uns brennt" zu einem klassischen Mark-Forster-Lied macht.

Damit Johannes Strate zumindest ein bisschen auch im Original vorkommen darf, performt er mit seinen Bandkollegen das neue Revolverheld-Lied "Zimmer mit Blick", in dem es kurz gefasst darum geht, dass schlimme Dinge schlimm sind. "Und irgendwo fliegen die Raketen/Und die Kamera hält drauf/Das hört wohl niemals wirklich auf", singt Strate, und nennt das anschließend "eine ganz klare Haltung", denn: "Ich finde es nicht okay, keine Haltung zu haben."

Revolverheld-Frontsänger Strate
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Revolverheld-Frontsänger Strate

Stimmungsmäßig ist das natürlich ein kleiner Downer, dann ist glücklicherweise Marian Gold an der Reihe, der früher mal Sänger von Alphaville war und jetzt "Keine Liebeslieder" zu einem Schmetterchanson mit unstetem Rhythmus umschminkt, für den man sich beim Eurovision Song Contest keinesfalls schämen müsste. Dem Showzossen gehen ein bisschen die Gäule durch, da macht es dann auch Spaß, zuzusehen. Auch Leslie Clio wuchtet "Halt dich an mir fest" in ihrer Zigarettenspitzenversion in eine andere Welt. Mary Roos verschlagert dann zum glücklichen Ende "Spinner", gibt die herrlich verrückte Nudel und erwägt dabei kurz, wie sie anschließend erklärt, auf den Sofatisch zu steigen.

Ein bisschen schade ist es nur, dass dieses Mal ein Hip-Hopper in der Runde fehlt. Gerade aus aktuellem Anlass wäre es zur Abwechslung doch wirklich schön gewesen, einen möglichst schrotig textenden Gesellen aus diesem Genre mal Strate-Softigkeiten rappen zu hören.



insgesamt 16 Beiträge
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bpauli 25.04.2018
1. schrotig textender Geselle
Frau Rützel wünscht sich einen möglichst schrotig textenden Gesellen aus dem Hip Hop Genre in die Musikerrunde. Ich denke, Schrot passt schon als Beschreibung zu Texten, die immer breit und viele Kugeln auf ein Zielobjekt abfeuern. Aber auch Schrott käme natürlich hin, weil der Rapper mit kaputtem Zeug Kohle macht. Was nun?
dasfred 25.04.2018
2. Hab ich was verpasst?
Klingt laut Frau Rützel doch angenehm symphatisch. Mich hat das Format nach Xavier Naidoo dermaßen abgeschreckt, dass ich gar nicht erst auf den Gedanken kam, reinzuzappen. Was Anja Rützel hier auf ihre unnachahmliche Weise beschreibt, scheint ja Stellenweise unterhaltsam gewesen zu sein. Zumindest ließ mich dieser Artikel für einen glücklichen Moment das heutige Hamburger Wetter vergessen.
s.l.bln 25.04.2018
3. Als ich die Liste der Teilnehmer...
gesehen hatte, war klar, daß das für mich ausfallen darf. Ein abgehalftertes one hit "Wonder" aus der NDW Zeit wieder ausgegraben, eine 70er Jahre Schlagerseniorin, ein schmalziger Kuschelbarde... Judith-ich hab ganz bestimmt eine Botschaft-Holofernes... Och nö Nena einen Samy deluxe hit verpunken zu lassen war ja irgendwie noch witzig, aber das hier klingt nach verschwendeter Lebenszeit.
Sinderion 25.04.2018
4. Viel zu freundlicher Text
Im Vergleich zur letzten Staffel bisher ein Totalausfall. Bisher gab es wirklich angenehme Genre-Mixe und es war nicht nötig, jemand wie Rhea Garvey als "Rocker" zu verkaufen. In Wahrheit sehen wir hier 5mal Pop und 1mal Schlager, Mary Roos muss es wirklich retten. Vielleicht kann Marian noch überraschen. Zum Glück ist der schlimmste Schmalz in der ersten Folge gleich entsorgt worden. Meine Erwartungen an die ganze Staffel sind ob der viel zu homogenen Auswahl der Künstler dennoch gering... Auf Kracher wie "Meine Heimat" aus der letzten Staffel hoffe ich schon gar nicht mehr und die Wiederverwurstung der größten Schnulz- und Schmalzband der letzten Jahre (trügerischer Bandname...) konnte ich mir nicht bis zum Ende antun.
C.Rainers 25.04.2018
5. Lippen blau vom Rotwein
Und „Dir meine große Jacke leih“ oder so ist eine Haltung, genau wie der neue Text von Revolverheld? Da haben ja Songs von Mary Roos mehr Tiefgang. Die werden doch ziemlich überschätzt diese Typen und die Rapper noch mehr. Vielleicht ist seit den 70-er bis 80-er Jahren musikalisch bereits alles gesagt worden? Es kommt definitiv nur noch zeitgeistiger Softie-Selfie-Smartphone Schrott. Nicht meine Musik
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