Schöner fernsehen

"Sing meinen Song" Ayurveda für Künstlerseelen

VOX

"Sing meinen Song - Das Tauschkonzert" war im vergangenen Jahr ein Überraschungserfolg für Vox und Präsentator Xavier Naidoo. Auch die neue Staffel ist wieder ein Hochamt der Gemütlichkeit.

"Ich bin sicher", ist sich Xavier Naidoo im Einspieler sicher, "dass wir auch diesmal wieder extrem emotionale Elemente haben werden", womit das Betriebsgeheimnis dieser sonderbaren Sendung bereits zur Hälfte enthüllt wäre. Dabei unterscheidet sich "Das Tauschkonzert" von den so inflationären wie generischen Castingshows im deutschen Fernsehen dadurch, dass hier kein Casting stattfindet. Und dass es, streng genommen, nicht einmal eine Show ist.

Unter freiem Himmel stehen auf dem Tisch bunte Cocktails mit langen Strohhalmen, es flackert ein Lagerfeuer oder fühlt sich wenigstens so an. Lichterketten schaukeln versonnen in einer warmen Brise vom Südatlantik. Vor der angemessen in Szene gesetzten Kulisse eines südafrikanischen Elysiums also treffen sich mehr oder weniger bekannte Popnasen in einer futuristischen Villa, um sich bei Sonnenuntergang auf der Terrasse gegenseitig ihre Songs vorzusingen. In der ersten Folge spielten Tocotronic, Deichkind, The Notwist, Wanda und Kreator ihre Lieblingslieder von Holger Czukay.

Kleiner Scherz.

Im Mittelpunkt stand natürlich Yvonne Catterfeld, die sich von einer gewissen Christina Stürmer, einem noch gewisseneren Daniel Wirtz, Hartmut "Pur" Engler, Andreas "Auf uns" Bourani, den Prinzen Sebastian Krummbiegel und Tobias Künzel sowie Gastgeber Xavier Naidoo interpretieren ließ. Die Geehrte kürt einen "Song des Abends", und so geht's in den kommenden Wochen reihum. Mehr ist nicht, und das wollten vergangenes Jahr mehr als zwei Millionen Menschen sehen.

Warum?

Zu einem gewissen Teil liegt das sicher am zuverlässig verstrahlten Gastgeber Xavier Naidoo, mit dem ein leichter Grusel ins Spiel kommt. Ein spirituell und politisch verwirrter Reichsbürger mit mehr Verschwörungsflausen als Melodien im Kopf lässt sich sonst eher selten zur besten Sendezeit besichtigen. Weil aber keine Chemtrails am Himmel stehen und Naidoo statt eines schützenden Stanniolhütchens die Schiebermütze auf dem Kopf festgewachsen zu sein scheint, kommt er wieder ein wenig als passabler Soulsänger zum Vorschein.

Er kann gut abklatschen (Männer) und umarmen (Frauen), seine Gesprächsführung als Moderator ist aber eher unbeholfen. Anlasslos klatscht er Hartmut Engler für seine väterliche Ausstrahlung ab, um dann zu erklären, "worauf ich hinaus will, Familie… Kunst… wie ist das eigentlich für dich?"

Und von Yvonne Catterfeld will er scheinkritisch wissen, wann sie denn das letzte Mal mit ihrer Musik im Mittelpunkt stand, "Ist lange her, oder?", nur um ihr nach erfolgtem Auftritt mit einer herzlichen Umarmung zum Comeback zu gratulieren: "Deutschland braucht deine Musik!"

Catterfeld grimassiert sich derweil von ungehemmter Rührung zu fassungsloser Begeisterung und wieder zurück. Eine Schauspielerin eben, die sich gerade mit neuem Album und tieferer Stimme "ernsthaft" neu erfindet. Wobei ihre Kollegen gerne behilflich sind. Im Rampenlicht steht, man glaubt es kaum, tatsächlich die mit allerlei Gesten der Demut präsentierte Musik. Eine fürchterliche Musik, versteht sich, die durch die teilweise ambitionierten oder auch unerwarteten Interpretationen manchmal wirklich etwas weniger fürchterlich gerät.

Und wenn das Grauen abgestandener Bohlen-Songs wider Erwarten doch noch grauenhafter wird, etwa beim Auftritt von Hartmut Engler, gratulieren sich alle Beteiligten anschließend trotzdem für ihren Mut, ihr Herz, ihre Leidenschaft und ihre liebevollen Gefühle füreinander. Womit auch schon das Betriebsgeheimnis zur Gänze enthüllt wäre. Zwölf Flugstunden von unserer Leistungsgesellschaft entfernt hockt man hier im windstillen Auge des Sturms nett beisammen, um sich in absoluter Harmlosigkeit gegenseitig seiner Einzigartigkeit zu versichern.

Keine Kritik, keine Punkte, keine Bewertungen. Eine Yvonne Catterfeld darf sich eine "schöne Seele" bescheinigen lassen oder auf dem Schlauch stehen: "Ich find, hier werden Grenzen gebrochen!" Und ein Hartmut Engler darf ungestraft daherfaseln: "Ich steh für Pur-Musik!" Nichts ist peinlich, alles ist sensationell, krass, cool, unfassbar, wow oder inbrünstig. Es herrscht, wie auf einem Treffen der Anonymen Alkoholiker, eine sanfte Tyrannei allseitigen Respekts. Ayurveda für Künstlerseelen. Ein bombensicheres Prinzip, das sich vermutlich beliebig variieren lässt ("Lies meine Geschichte - Der Tauschroman").

Natürlich gibt es den jeweiligen "Song des Abends" nach der Sendung als Download und irgendwann auch die Musik - und mehr noch das Gesamtgefühl - auf CD käuflich zu erwerben. Und natürlich wird das Ganze präsentiert von Pastillen, die Entzündungen der Mund- und Rachenschleimhaut vorbeugen sollen.

Schließlich ist das tiefenentspannte "Tauschkonzert" als spannungsbereinigtes Wellnessangebot nur die neueste und nicht unperfide Zäpfchenform des Unterhaltungskapitalismus. Denn so weit kann man den Verhältnissen gar nicht entfliehen, als dass man nicht am anderen Ende der Welt noch die Kassen klingeln hören würde.



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56 Leserkommentare
markus.wagener 20.05.2015
dragondeal 20.05.2015
Aloysius Pankburn 20.05.2015
pejäh 20.05.2015
Gloegg 20.05.2015
baumzeit 20.05.2015
also ich sach mal 20.05.2015
masamori 20.05.2015
dangoo 20.05.2015
gangababa 20.05.2015
rahelrubin 20.05.2015
baiki 20.05.2015
gardinchen 20.05.2015
golfworkblue 20.05.2015
darkblu2006 20.05.2015
lutschwick 20.05.2015
p1lle 20.05.2015
Tobs 20.05.2015
Arthur 20.05.2015
Aloysius Pankburn 20.05.2015
trust2015 20.05.2015
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principezinho 20.05.2015
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antelatis 20.05.2015
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arkon_de 20.05.2015
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arkon_de 20.05.2015
spon-facebook-590305664 20.05.2015
Berthold v.d.V. 20.05.2015
RaM the Man 20.05.2015
grandelfe 20.05.2015
Ramadive 20.05.2015
Hyperboraeer 20.05.2015
ericstrip 20.05.2015
adubil 20.05.2015
adubil 20.05.2015
dirk_walther 21.05.2015
b.bergsch 21.05.2015
hackbard 22.05.2015
ruby 02.06.2015
W. Robert 02.06.2015
harriK 04.06.2015
Torstenn Spanier 28.06.2015
dr_noname 08.07.2015
lemarkues 09.07.2015
spon-1260198375403 24.05.2016

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