Jugendsender Joiz Stars zum Anquatschen

Satte 45 Millionen Euro wollen ARD und ZDF pro Jahr für einen neuen Jugendkanal ausgeben. Der private TV-Sender Joiz kommt mit deutlich weniger aus. Bei ihm gestalten die jungen User per Internet das Programm mit. Das Resultat: Fernsehen, das auch mal schamlos naiv wirkt.

Joiz

Die wichtigsten Studio-Gäste sitzen zu Hause. "Tagchen Folks, willkommen im 'Living Room'!", ruft Moderatorin Alexandra Maurer, lächelt und schwingt einladend ihre Hände. "Los geht's", entgegnet einer jener Gäste. Seine Wortmeldung flimmert über den weißen Bildschirm, der neben der Moderatorin zentral im Bild zu sehen ist. Auf dem Sofa im Studio des Senders Joiz sitzt eine weitere Kollegin bereit, mit Laptop: Ivona moderiert den Chat zur Sendung. Erst dann kündigt Maurer den Star ihrer Talk-Sendung "Living Room" an: John Newman, britischer Charts-Newcomer.

Die Reihenfolge ist Teil des Konzepts des Senders namens Joiz, einer Wortkombination aus Joy (Spaß) und Choice (Wahl). Er setzt auf Social TV und will die Zielgruppe zwischen 14 und 29 Jahren ansprechen - so wie der neue Jugendsender von ARD und ZDF, der 45 Millionen Euro kosten und dessen Konzept diese Woche vorgestellt werden soll.

Das neue ARD-ZDF-Baby soll frühestens Mitte 2015 das Licht der Welt erblicken, Joiz ist bereits seit Anfang August in Deutschland zu sehen. In der Schweiz wird der Sender seit März 2011 ausgestrahlt, vor mittlerweile vier Millionen Zuschauern. Die Idee des Gründers und Schweizer Geschäftsführers Alexander Mazzara hat sich etabliert.

Prominente zum Anquatschen

Die Zuschauer gestalten bei Joiz das Programm live mit. Möglich macht dies jener Screen im Studio: Er bildet ungefiltert die Fragen und Kommentare ab, die auf der Joiz-Homepage einlaufen. Die Redaktion greift nur ein, wenn Beleidigungen oder extremistische Haltungen geäußert werden. Wer über Skype mitmachen möchte, wird zugeschaltet. Jeder Zuschauer ist ein potentieller Studiogast.

Früher öffnete das Fernsehgerät ein Fenster zur Welt. Die meisten Sender sind diesem Prinzip treu geblieben, obwohl sich die Welt sehr verändert hat. Damit die Zuschauer trotzdem bei ihnen bleiben, öffnen sie Fenster mit immer exotischeren Ausblicken, nach Afrika oder in Container-Häuser voll mit Prominenten, stets mit großem Aufwand und bis ins Detail inszeniert.

Die Jungen stellt dieses Angebot vor ein Rätsel: Sie leben doch längst in einer Realität, die sekündlich ein neues Fenster zu allen möglichen Welten öffnet. Laut Jim-Studie 2012 nutzen Jugendliche zwischen 12 und 19 Jahren in ihrer Freizeit am meisten das Internet, dicht gefolgt vom Fernsehen. Sie kombinieren gerne beides, sind in Communities aktiv und surfen während des Programms.

Joiz versucht, all diese Interessen zu bedienen. Der Sender macht kurzerhand den Fernseher selbst zum Wohnzimmer, in dem Leute zusammenkommen, auf einem Sofa sitzen und sich unterhalten. Und das live. Mit Ausnahme der Show "Flirt Kitchen", in der sich Single-Männer mit ihren Kochkünsten um eine Freundin bemühen, ist nichts aufgezeichnet. Als Kompromiss stehen die Teilnehmer während der Ausstrahlung im Chat bereit.

"Naiv muss nicht gleich schlecht sein"

Knapp drei Monate nach dem Start existieren für Deutschland noch keine Zahlen über Reichweite oder Quote. Der Geschäftsführer des deutschen Ablegers, Carsten Kollmus, ist dennoch zufrieden und verweist auf 20.000 Facebook-Fans, um die 5000 registrierte User in der Joiz-Community sowie einen regen Betrieb im Chat: In den ersten beiden Wochen gab es 40.000 Mitteilungen.

Moderatorin Alexandra Maurer, die zuvor bei Joiz in der Schweiz gearbeitet hatte und als eine Art Aufbauhelferin für den deutschen Kanal engagiert ist, erklärt die Resonanz mit der Augenhöhe, auf der sich Macher und Zuschauer befänden. "Wir beeinflussen die Fragen nicht", erklärt Maurer, "die Leute sollen den Stars genau das sagen können, was sie schon immer sagen wollten." Prominente zwar nicht zum Anfassen, aber zum Anquatschen: die Sportfreunde Stiller, DSDS-Sternchen oder auch Hollywood-Prominenz wie Sänger und Model Josh Beece mit Schauspielerin und nunmehr Ehefrau Shenae Grimes waren da.

An diesem Tag nun also John Newman. Das Gespräch läuft etwas kompliziert. Maurer muss übersetzen, ihre Fragen, seine Antworten, die Reaktionen aus dem Chat. Es klappt trotzdem. Sie plaudern über das neue Album. Dann übergibt Maurer an die Kollegin Ivona mit den Fragen der Zuschauer:

"Was ist dein Lieblingssong?" "Kommt er auf Deutschlandtour?" "Wolltest du etwas in deinem Leben rückgängig machen, wenn du könntest?"

John Newman beantwortet alle. Macht eine lakonische Bemerkung über den Screen: "Hey, die reden ja hinter meinem Rücken!" Und performt den ersten Song live. Auf dem Screen laufen die Posts weiter:

"Uuh, Gänsehaut." "Mehr davon!" "Woher kommt dein Modestil?"

Manche halten dieses Konzept für naiv oder gar belanglos. Vor allem das Format "Jung und Naiv", in dem Tilo Jung vor der Wahl Politiker in "Jugendsprache" befragte, bekam diese Kritik zu hören. "Naiv muss nicht gleich schlecht sein", meint Maurer dazu nur. Junge Leute hätten eben viele Fragen, die sie sich sonst nicht zu stellen trauten. "Wenn wir nur einem oder zwei Leuten das Gefühl der Ausgrenzung nehmen können, haben wir mehr erreicht als nur ein TV-Format zu sein."

Spots, Sponsoring, Product-Placement

Einige Stunden vor der Sendung mit Newman sitzt Maurer im kleinen Konferenzraum der weitläufigen Etage des alten Fabrikgebäudes am Berliner Ostbahnhof und bereitet sich vor. Es ist Mittagszeit, von draußen dringt das Brummen der Bohrer nach innen, Sanierungsarbeiten. Joiz ist als erster Mieter eingezogen. Ein Internethandel und andere sollen folgen. Das Ambiente passt perfekt zum Bild der Zielgruppe, das man dem Klischee zufolge sofort im Kopf hat.

Der Sender ist ein einziges Großraumbüro. Marketing, Geschäftsführung sowie Redaktion sitzen jeweils in ihren Ecken vor ihren Computern mit Apfel-Logos und planen Bonusprogramme für die User, andere Werbeaktionen sowie Inhalte der einzelnen Sendungen. Bisher sind es elf. In der restlichen Zeit laufen Wiederholungen.

Das Studio, aus dem der "Living Room" täglich um 17.30 ausgestrahlt wird, befindet sich mitten im Raum. Abgeschirmter Sendebetrieb sieht anders aus. Gerade sitzen drei Männer dort und sind in ein Gespräch vertieft. Alexander Mazzara ist aus der Schweiz angereist und handelt mit den Vertretern wichtiger Musiklabels Deals für Kooperationen aus: Live-Auftritte von Künstlern, Karaoke- oder Festivalaktionen.

Joiz ist werbefinanziert. Man setzt auf Spots, Sponsoring und Product-Placement, wie etwa Cola-Flaschen, die mit dem Namen des jeweiligen Künstler-Gastes beschriftet sind. Aber man legt Wert darauf, nicht "abzuzocken": "Wer auf Augenhöhe mit der Zielgruppe sein will, darf nicht mit Klingeltonwerbung oder Call-in-Shows an deren Geld ran", glaubt Geschäftsführer Kollmus. Momentan verdient der Sender noch kein Geld. In der Schweiz trugen sich die Ausgaben nach eineinhalb Jahren, in Deutschland müsse man sehen, wie lange es dauere. Seit Freitag läuft eine weitere neue Show: "Home Run" heißt sie, ein Sprungbrett für junge Musiker und Künstler soll sie sein. Über die Gewinner entscheiden die Zuschauer. Wer sonst.


Der Sender Joiz ist zu empfangen über Live-Stream auf joiz.de/onair, DVB-C (Kabel-Empfang), DVB-S (Satelliten-Empfang), IP-TV und Web-TV (Zattoo)

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insgesamt 24 Beiträge
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Seite 1
spongerd 23.10.2013
1. Wohlfeiles bashing
Ich hoffe und glaube, dass das Niveau des neuen Senders sich grundlegend vom joiz trash unterscheiden wird. Vor allem: was hat das eine mit dem anderen zu tun? Die SZ kostet ja auch Geld, obwohl es Anzeigenblätter für lau gibt. Immerhin wird ja Geld umgeschichtet und nicht mehr einkassiert.
niska 23.10.2013
2.
Zitat von sysopDPA/ JoizSatte 45 Millionen Euro wollen ARD und ZDF pro Jahr für einen neuen Jugendkanal ausgeben. Der private TV-Sender Joiz kommt mit deutlich weniger aus. Bei ihm gestalten die jungen User per Internet das Programm mit. Das Resultat: Fernsehen, das auch mal schamlos naiv wirkt. http://www.spiegel.de/kultur/musik/social-tv-joiz-neuer-jugendsender-startet-in-deutschland-a-928018.html
Ich habe durch Zufall mal in die Performance von Alligatoah (Amnesie) reingezappt. Nettes Konzept. Der Sender ist so jung, unbedarft und dadurch 'real', wie MTV (Backer, Cokes etc.) und VIVA (Bokelberg, Ruf, Raab, Roche, Schlegl etc.) damals in ihren Anfangszeiten auch mal waren. Nur der Humor bei den Moderatoren ist noch weiter ausbaufähig. Sie sind schon teilweise sehr steif unterwegs.
kimba_2014 23.10.2013
3. optional
Im ist Endeffekt alles die gleiche politisch-korrekte Einheitssuppe, egal ob das jetzt ein kleiner Privatsender macht, oder das teure öffentlich-rechtliche. Immerhin zahlt der Gebührenzahler nicht zwangsweise für Sender wie JOIZ, das ist doch schon mal was.
frank1980 23.10.2013
4. Neuer Sender
finde es eine riesen Sauerei das die öffentlich rechtlichen schonwieder einen neunen Sender planen. Die können es ja machen dann wird demnächst einfach Mehrbedarf an Einnahmen angemeldet die GEZ gebühr erhöht und der nächste Sender geplant
niska 23.10.2013
5.
Zitat von kimba_2014Im ist Endeffekt alles die gleiche politisch-korrekte Einheitssuppe, egal ob das jetzt ein kleiner Privatsender macht, oder das teure öffentlich-rechtliche. Immerhin zahlt der Gebührenzahler nicht zwangsweise für Sender wie JOIZ, das ist doch schon mal was.
Bei ÖR befürchte ich, vermutlich nicht zu unrecht, dass hier ein wohlgemeinter Bildungsauftrag mit dem großen Hammer engebläut werden wird. Echte Jugend, die immer auch leicht rebellische Subkultur ist, wird es in den ÖR nicht geben. Hier wird political-correctness-Mainstream vorherrschen. Anarcho-TV wie einst mit Raab, Ruf oder Bokelberg kann es bei den 'Wächterräten' von ARD und ZDF nicht geben. Man muss sich nur die Jugendserien der ÖR anschauen und mit z.B. 'Skins' vergleichen. Und dann überlegen ob so etwas bei uns im Zwangsgebührenfernsehen möglich wäre.
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