SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

10. Juli 2018, 06:28 Uhr

"Sommerhaus der Stars"

Ein Kessel Wundes

Von

Im "Sommerhaus der Stars" werden keine Gefangenen gemacht. Die ersten Genitalien schwangen bereits frei, und die Insassen zeigten bereitwillig ihre umfangreichen Knacksstellen.

Ein Trash-TV-Format, bei dem Micaela Schäfer nicht die Nackteste ist? In den Thinktanks führender Schundologen galt diese Vorstellung bislang als nur rein theoretisch denkbares Ideengespinst, unmöglich in die Realität umsetzbar.

Dem diesjährigen "Sommerhaus der Stars" gebührt schon für diese Leistung ein Innovationspreis: Obwohl die notorische Freischwenkerin Schäfer schon in ihrem Vorstellungsfilmchen ungebeten das Drüsengewebe freilegte, gelang es anderen Kandidaten, sich weitaus eindrücklicher zu entblößen. Nein, damit ist nicht das Jensergeläut gemeint, das der tölpelhafte Mallorca-Auswanderer gleich am ersten Morgen schwingen ließ.

Das Sommerhaus ist zurück, die Sendung, die Soziologen nachts heimlich unter der Bettdecke schauen. "Bachelor in Paradise" mochte zuletzt sahnig aufgeschlagene, vollfette Trash-Unterhaltung vom Feinsten geliefert haben. Jetzt wird wieder ganz nah am baufälligen menschlichen Wesens- und Elendskern geschürft. Schon die Auftaktfolge dieser kleinen RTL-Sommerakademie fächerte ein breites Angebot möglicher Forschungsprojekte auf, mit denen man sich in den kommenden Wochen beschäftigen könnte.

"Einen ganz anderen Lifestyle"

Da wäre zum Beispiel die menschliche Zivilisationsgeschichte im Zeitraffer, eingekocht und konzentriert auf zwei Paare, die den Clash der Kulturen so wunderschön auf den Punkt bringen, wie es das ambitionierteste Tanztheater nicht vermochte: Auf der einen Seite die ehrlichen Schollenpflüger Uwe und Iris, bekannt aus "Bauer sucht Frau", Repräsentanten der Ruralbevölkerung, die schon nach einem Tag Steffi und Julian auf die Auszugsliste setzen wollen.

Und auch das brathähnchenhäutige Paar, das bei "Love Island" zueinanderfand, kann mit den Bauersleuten nichts anfangen, sie pflegen als willfährige Wirtstiere der Influenzer-Blubberblasenwelt "einen ganz anderen Lifestyle", wie Julian das Schweinezüchterpaar wissen lässt. Wozu unter anderem gehört, dass Steffi ihrem Verlobten so fröhlich zwitschernd die Essensreste aus den Zähnen pult, als sei sie einer dieser patenten Vögel, die ähnlich eifrig die Gebisse der Krokodile sauber halten.

Julian will Lehrer für Sport und Ethik werden, und man kann nur hoffen, dass die Realisierung dieses Berufswunsches ähnlich wahrscheinlich angelegt ist wie all die Astronauten- und Cowboyträume noch jüngerer Knaben, denn ein typisches Gespräch mit seiner Verlobten klingt so:

Steffi: Das ist so abgedreht!

Julian: Das ist voll crazy!

Steffi: Ja, unnormal.

Weit interessanter ist Bert Wollersheim, Ex-Puffbetreiber, der im Sommerhaus den lonely Luden gibt. Zwar zog er mit Freundin Bobby ein, aber die schert sich wenig um ihn und sichert sich lieber das letzte Einzelbett. Für Bert bedeutet das Endstation Schlafsofa, wimmrig bittet er sie vergebens, ihm doch einen Kuschelbesuch abzustatten, der Schwanengesang des bröcklig-tattrigen Patriarchats, das schnarchend im Schlaf wie eine hilflose Schnake klingt, die wieder und wieder surrend gegen die Fensterscheibe dotzt. Mit kleinen Alterchen-Trippelschritten läuft Bert im Sommerhaus seiner eingebildeten, nur noch höchst schemenhaft erkennbaren Hengstigkeit hinterher, eine tragische Figur für die große Bühne.

Er ist nicht der einzige Angezählte in diesem Ensemble. Ein Kessel Wundes wird dieses Jahr im Sommerhaus angerührt, das zeigt sich schon in der Einzugsfolge, die die Sollbruchstellen schon mal mit dem feinen Restauratorenpinsel freilegt:

Tatsächlich, so viel offene Konfro gab es so früh vielleicht noch nie in einem Promi-Internierungsformat. Es gibt einen goldenen Pflichtsatz, der all diese Sendungen im Inneren zusammenhält, Frank Fussbroich sagt ihn bei seinem Einzug: "Wir sind nicht hier, um Freunde zu finden." Na, das wollen wir doch schwer hoffen.


Weitere Folgen vom "Sommerhaus der Stars" gibt es montags um 20.15 Uhr bei RTL

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH