"Sommerhaus der Stars" Ein Kessel Wundes

Im "Sommerhaus der Stars" werden keine Gefangenen gemacht. Die ersten Genitalien schwangen bereits frei, und die Insassen zeigten bereitwillig ihre umfangreichen Knacksstellen.

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Ein Trash-TV-Format, bei dem Micaela Schäfer nicht die Nackteste ist? In den Thinktanks führender Schundologen galt diese Vorstellung bislang als nur rein theoretisch denkbares Ideengespinst, unmöglich in die Realität umsetzbar.

Dem diesjährigen "Sommerhaus der Stars" gebührt schon für diese Leistung ein Innovationspreis: Obwohl die notorische Freischwenkerin Schäfer schon in ihrem Vorstellungsfilmchen ungebeten das Drüsengewebe freilegte, gelang es anderen Kandidaten, sich weitaus eindrücklicher zu entblößen. Nein, damit ist nicht das Jensergeläut gemeint, das der tölpelhafte Mallorca-Auswanderer gleich am ersten Morgen schwingen ließ.

Das Sommerhaus ist zurück, die Sendung, die Soziologen nachts heimlich unter der Bettdecke schauen. "Bachelor in Paradise" mochte zuletzt sahnig aufgeschlagene, vollfette Trash-Unterhaltung vom Feinsten geliefert haben. Jetzt wird wieder ganz nah am baufälligen menschlichen Wesens- und Elendskern geschürft. Schon die Auftaktfolge dieser kleinen RTL-Sommerakademie fächerte ein breites Angebot möglicher Forschungsprojekte auf, mit denen man sich in den kommenden Wochen beschäftigen könnte.

"Einen ganz anderen Lifestyle"

Da wäre zum Beispiel die menschliche Zivilisationsgeschichte im Zeitraffer, eingekocht und konzentriert auf zwei Paare, die den Clash der Kulturen so wunderschön auf den Punkt bringen, wie es das ambitionierteste Tanztheater nicht vermochte: Auf der einen Seite die ehrlichen Schollenpflüger Uwe und Iris, bekannt aus "Bauer sucht Frau", Repräsentanten der Ruralbevölkerung, die schon nach einem Tag Steffi und Julian auf die Auszugsliste setzen wollen.

Und auch das brathähnchenhäutige Paar, das bei "Love Island" zueinanderfand, kann mit den Bauersleuten nichts anfangen, sie pflegen als willfährige Wirtstiere der Influenzer-Blubberblasenwelt "einen ganz anderen Lifestyle", wie Julian das Schweinezüchterpaar wissen lässt. Wozu unter anderem gehört, dass Steffi ihrem Verlobten so fröhlich zwitschernd die Essensreste aus den Zähnen pult, als sei sie einer dieser patenten Vögel, die ähnlich eifrig die Gebisse der Krokodile sauber halten.

Julian will Lehrer für Sport und Ethik werden, und man kann nur hoffen, dass die Realisierung dieses Berufswunsches ähnlich wahrscheinlich angelegt ist wie all die Astronauten- und Cowboyträume noch jüngerer Knaben, denn ein typisches Gespräch mit seiner Verlobten klingt so:

Steffi: Das ist so abgedreht!

Julian: Das ist voll crazy!

Steffi: Ja, unnormal.

Weit interessanter ist Bert Wollersheim, Ex-Puffbetreiber, der im Sommerhaus den lonely Luden gibt. Zwar zog er mit Freundin Bobby ein, aber die schert sich wenig um ihn und sichert sich lieber das letzte Einzelbett. Für Bert bedeutet das Endstation Schlafsofa, wimmrig bittet er sie vergebens, ihm doch einen Kuschelbesuch abzustatten, der Schwanengesang des bröcklig-tattrigen Patriarchats, das schnarchend im Schlaf wie eine hilflose Schnake klingt, die wieder und wieder surrend gegen die Fensterscheibe dotzt. Mit kleinen Alterchen-Trippelschritten läuft Bert im Sommerhaus seiner eingebildeten, nur noch höchst schemenhaft erkennbaren Hengstigkeit hinterher, eine tragische Figur für die große Bühne.

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"Sommerhaus der Stars": Es geht wieder los

Er ist nicht der einzige Angezählte in diesem Ensemble. Ein Kessel Wundes wird dieses Jahr im Sommerhaus angerührt, das zeigt sich schon in der Einzugsfolge, die die Sollbruchstellen schon mal mit dem feinen Restauratorenpinsel freilegt:

  • Bei Patricia Blanco zum Beispiel, die ihren Freund angeblich an der Champagnerbar eines Schickkaufhauses kennenlernte und gleich in Folge eins als haltlose Dauerpichlerin vorgeführt wird, die auch vor dem ersten Spiel erst mal noch ein Bierchen bölkt.
  • Beim Auswandererpaar Büchner, das schmerzenspeinlich mit seinem bar bezahlten Mercedes protzt, sich als Sozialkämpfer stilisiert, dann aber doch selbst die eigenen Merchandise-Shirts tragen muss, weil es sonst keiner tut - und sich von Patrick, dem Freund der Ex-Botschafterinnengattin Shawne Fielding, innerhalb von Sekunden zu sputumartigen Hassauswürfen kitzeln lässt.
  • Bei Frank Fussbroich, Realitysoapsohn der ersten Stunde, der schon beim Einzug seine Abneigung gegen diverse Mitbewohner ablädt, wie eine Bulldogge, die erst mal mitten auf den frisch gesaugten Wohnzimmerteppich kackt.

Tatsächlich, so viel offene Konfro gab es so früh vielleicht noch nie in einem Promi-Internierungsformat. Es gibt einen goldenen Pflichtsatz, der all diese Sendungen im Inneren zusammenhält, Frank Fussbroich sagt ihn bei seinem Einzug: "Wir sind nicht hier, um Freunde zu finden." Na, das wollen wir doch schwer hoffen.


Weitere Folgen vom "Sommerhaus der Stars" gibt es montags um 20.15 Uhr bei RTL



insgesamt 20 Beiträge
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spon_4_me 10.07.2018
1. Wenn
ich mir die Sendung anschaute, würde das den Genuss an ARs Weltklasserezension nur schmälern.
aysnvaust 10.07.2018
2. Morgens...
...'nen Kaffee mit Croissant, dazu 'ne Rützel in Hochform; das perfekte Leben kann so einfach sein...
dasfred 10.07.2018
3. RTL hat dem Morgen Grauen ein Gesicht gegeben
Eigentlich zeichne ich diese Trash Formate ja auf und sehe sie erst an, wenn Frau Rützel ihre Rezension veröffentlicht hat. Gestern dachte nur, naja, den Anfang sehe ich mir noch an, aber dann konnte ich nicht mehr aufhören. Eine visuelle Chips Tüte, die süchtig macht nach mehr. RTL hat in einer herrlichen Kombination aus Bild und Off-Sprecher eine derartige Fülle an Material geliefert, dass selbst Frau Rützel nur teilweise verarbeiten konnte. Allein der Text vom Morgen der schrittweise beginnt, bebildert mit einer Dame, die die Hand über dem Handtuch ebendort hinführte, gedankenversunken reibend. Die Spiele selbst, die die Paare veranstalten mussten, waren nicht halb so interessant, wie die vom Ehrgeiz zerfressenen Paare im Interview.
f36md2 10.07.2018
4. Welche "Stars?"
Unterschichtenfernsehen - was sonst? Aber es gibt auch gute Nachrichten: Bei den Privaten gehen die Werbeeinnahmen stark zurück. Der Nachwuchs stellt sich bei Netflix und YouTube lieber das eigenen Programm zusammen. Gut so!
timmheideken 10.07.2018
5. Das viel bessere Dschungelcamp
Let‘s face it: Das Sommerhaus der Stars ist das viel bessere Dschungelcamp. Allein die Tatsache, dass Pärchen um ihre „Würde“ kämpfen, macht das Ganze so viel besser, amüsanter und abgründiger. Dazu der Schnitt, die Musik, die Verdichtung der Ereignisse. Wahnsinn. Zu Unrecht noch im Schatten des ehemaligen Stars am Trash TV Himmel.
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