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14. August 2018, 08:33 Uhr

"Sommerhaus der Stars"-Finale

Ein Sommerhaus voll Aas

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Mehr menschliche Tragödie wurde im Trashfernsehen selten serviert: "Das Sommerhaus der Stars" endet mit zerschundenen, erschöpften Kandidaten und Zuschauern. Und einem Crashkurs in Amöbenkunde.

Der Mensch, der sich das letzte Spiel im "Sommerhaus der Stars" ausgedacht hat, muss den Goldenen Symbolismus-Eumel mit Ehrenquaste gewinnen, und wenn man diesen Preis dafür erst umständlich selbst töpfern muss. Fünf Folgen lang hat man acht Paaren bei der gegenseitigen Demontage zugeschaut, es wurden Bindungen zerhäckselt, Beziehungen zertrümmert, ob sie nun ohnehin eher zweckdienlich eingerichtet oder mit aufrichtigen Gefühlen wattiert waren: "Du bist ein Trottel", herrschte Patrick Shawn an, "Was bist du blöd", donnerte Frank Richtung Elke.

"Woah Alter, ey, ENGEL!", kreischte Julian und meinte damit Steffi, die mit unverdrossenem Gleichmut ihr "I love my boyfriend"-Shirt trug, weil es im Sommerhaus nun mal eben keinen Keller gab, in den man zum Pfeifen hätte gehen können.

Nun, im Finale, kommt es zur eben angekündigten symbolischen Heilung aller Blessuren: Die beiden überlebenden Paare dürfen in den Trümmern wühlen und sich wieder zusammenbauen. Aus überdimensionierten Bausteinen müssen sie ein noch überdimensionaleres Paarporträt von sich zusammenbauen, ein Larger-than-Life-Zeugnis ihrer zwar zwischenzeitlich zerdengelten, aber im Grunde eben doch unverwüstlichen Liebe. Am Ende scheitern Shawn und Patrick knapp, es gewinnen Uwe und Iris, bekannt aus "Bauer sucht Frau".

Bevor es so weit war, wurden in der Finalfolge bei zwei anderen Paaren noch rasch mangelnde Synchronität und Hybris abgestraft: Patricia und Nico flogen, weil sie es bei einem Abstimmungsspiel nicht schaffen, sich gleich scheußlich anzuziehen, die Fussbroichs mussten gehen, weil Elke nicht, wie von Frank allzu großspurig behauptet, alle zwölf Tierkreiszeichen aufsagen konnte. Zuvor hatte er noch den kölschen Weltenzerstörer gegeben: "Es gibt jetzt kein Gut und kein Böse mehr, es gibt jetzt nur noch Feinde! Wir machen se alle kapott!".

Eine der casterischen Großleistungen des diesjährigen Sommerhauses war es zweifellos, den egomanen Grollgiganten Fussbroich aus der tiefsten TV-Versenkung zu bergen - jetzt aber bitte dringend wieder dort versenken und vorsichtshalber noch das schwere Küchenbüfett auf die Falltür schieben.

Das diesjährige Sommerhaus war ein bemerkenswertes TV-Ereignis, auch und gerade für trashgepökelte, schon jahrelang im essigsauren Tran dieser Shows eingelegte Zuschauer. Vielleicht wurde niemals zuvor so unverhohlen taktiert und paktiert, in Kabuffs intrigiert, Belauschtes transferiert, wurden andere schikaniert, Allianzen unterminiert, Sympathien sabotiert. Ein Sommerhaus voll Aas.

Vieles davon wirkte schmerzlich kleinkrämerisch, aber es gab auch ganz große, theatralische Momente. Ab jetzt hoffentlich der Renner bei sämtlichen Theaterschulen-Vorsprechterminen: Shawns großer "Lady, Lady, Lady"-Monolog, kulminierend in einem gleichzeitig erschöpften wie Messer wetzenden "Du hast mi gefuckt over." Man möchte eine Ballade, ach was, einen Balladenzyklus über dieses Sommerhaus schreiben. Oder es zumindest in voller Länge im Sozialkundeunterricht zeigen, um universale Gruppendynamik-Mechanismen zu demonstrieren.

Es war schnell völlig egal, ob man die handelnden Personen aus ihren Ursprungsformaten kannte, weil sie in ihren Zusammenrottungen, Ausgrenzungen und toxischen Arrangements zu beliebig einkleidbaren Figuren wurden. Man hätte ihnen Togen anziehen können oder gepuffte Hofschranzenhosen, Manageranzüge oder Edelinternatspolohemden mit aufgestelltem Kragen. Ihnen zuzuschauen, konnte man eklig und belastend finden - oder zutiefst aufklärerisch. Und ganz nah an den Fernseher ranrücken, weil man ja schließlich nicht oft mit anschauen darf, wie ein eigentlich harmloses angesetztes Experiment erst gärt, dann blubbert und schließlich explodiert. Und dabei das ganze Labor einsaut.

Amöbisierte Kandidaten

Allein das "große Wiedersehen", das gleich nach dem Finale über die Bühne ging, bot noch mal neue Knallmomente, als man schon dachte, man hätte nun das Gröbste überstanden. Wie erst mal abgeklopft werden musste, wer denn nun faktisch überhaupt noch verpaart war: Micaela und Felix gerade eher nicht so, Patricia und Nico wahrscheinlich bald nicht, Bert und Bobby schon längst nicht mehr. "Mit meinem ganzen Herzen verachte ich dich", sagt Bobby Ann zum Leoleibchen tragenden, zusammengeschnurzelten Greisen-Stenz, der sie wohl mit einer Frau namens Ginger Costello hintergangen zu haben scheint.

Und das sind, Jahrzehnte nach dem "Denver Clan", endlich mal wieder Namen, bei denen man sofort seinen Pass verbrennen und unter dem Namen Pansy ChooChoo irgendwo neu anfangen will. Oder, wenn das zu gewagt erscheint, fortan zumindest jeden Satz in jeder Unterhaltung wie Dani Büchner mit einem aggressiv gebelfertem "Das ist FAKT!" anfangen.

Die restlichen Formen der gezeigten Kommunikation: Bitte nicht nachmachen. Die einen beschimpften die anderen als "Arschloch" und "Dreckschwein", die anderen nannten die einen "Krebsgeschwür" und "Parasiten". "Wo bleibt die Menschlichkeit", heulte Julian mit sich überschlagender Bübchenstimme.

Tatsächlich konnte man im diesjährigen Sommerhaus ganz wunderbar die Amöbisierung seiner ehemals human scheinenden Bewohner beobachten: Sie verwandelten sich von einer leidlich homogenen Gruppe in moralflexible Einzeller, die ihre Gestalt dauernd änderten und die Umgebung permanent mit ihren Scheinfüßchen abtasteten: Was nutzt mir, wen kann ich absorbieren? Was schadet mir, wen muss ich abstoßen? Man kann übrigens schlimmen Durchfall bekommen, wenn man sich zu sehr mit Amöben beschäftigt und ihnen zu nahe kommt.

Am Ende gewannen das Spiel die amöbischsten, weil anpassungsfähigsten Kandidaten. Iris und Uwe waren in den Streitigkeiten nicht neutral, nur wahnsinnig flexibel in ihren Entscheidungen, wo sie gerade andocken wollten, welcher Gruppe sie sich günstigerweise gerade zuschlagen mochten. "Ich bin nicht so wie ihr, ich bin nicht intrigant", verkündete Schweinebauer Uwe einmal auf dem Gipfel der allgemeinen Zerwürfnisse - ob aus ehrlicher Gutherzigkeit oder mangels taktischen Überreißungsvermögens, darf jeder je nach vorhandener Restillusionsmasse, was das menschliche Wesen angeht, selbst entscheiden.

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