"Sommerhaus der Stars" bei RTL Verbale Überbumsung

Es wird schmuddelig, es wird hysterisch, es ist jetzt schon herrlich: "Das Sommerhaus der Stars" pflegt zuletzt enttäuschte Trash-TV-Herzen wieder gesund. Nur den Genital-Gehalt könnte man etwas runterfahren, danke!

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"Mein erster Eindruck: Es riecht nach Sperma hier", sagt Ennesto Monte, als er das "Sommerhaus der Stars" betritt, und ja, verdammt, da riecht man es auch. So plastisch und drastisch ging es schon in der Auftaktfolge, ja, eigentlich schon im Vorspann-Trailer zu, dass man gar nicht anders konnte, als der betörend schrillen Rattenfängermelodie bis in den tiefsten Fernsehsumpf zu folgen.

Welch eine Zeit, um am Leben zu sein! Früher musste man sich noch selbst zum Jahrmarkt bemühen, um in der dortigen Freak Show allerhand menschliche Kuriositäten zu betrachten, nun bekommt man sie nach einigen Trash-Enttäuschungen in der jüngsten Vergangenheit wieder verlässlich frei Haus geliefert: Lisa, die Dame mit dem Cellu-Unterleib! Wolfsmensch Aurelio, der Mann mit der kürzesten Lunte der Welt!

Das "Sommerhaus"-Personal

Man muss sich nach einem halbgaren "Dschungelcamp" und einem komplettvergeigten "Global Gladiators" nicht dafür schämen, dass man froh ist, Gigantin Helena Fürst wiederzusehen - statt Dschungel-Flechtzopfpeitschen orientiert sie sich outfitmäßig jetzt offenbar am Leitmotiv "Gothic Lolita", das kann noch sehr schön werden. Auch Giulia Siegel war seinerzeit eine Premium-"Ich bin ein Star"-Kreischmadam, und schon beim ersten "Sommerhaus"-Spiel, einem Bretter-Balance-Akt in zehn Metern Höhe, gibt sie eine kleine Kostprobe ihres fast schon vergessenen Signature-Irrschreis: "Ich kann das nicht", kreischt sie schon am Boden mit Bebelippe und tränenlosem Würge-Weinen, lässt sich dann aber doch starrfröschig in die Höhe ziehen.

Beim restlichen Personal geht es vielen Zuschauern wie den "Sommerhaus"-Insassen selbst, die von ihrer Terrasse wie aus einer Theaterloge heraus die Neuankömmlinge beäugen und zuzuordnen versuchen. Und bei der Bestimmung der Schrottvögelchen wie extrem kurzsichtige Ornithologen öfters mal danebenliegen: "Peter Maffay ist das nicht, oder?" fragt "Bachelor"-Banälchen Saskia, als Martin Semmelrogge die Auffahrt hochtrappst. "Ist das die Transe?", fragt ein Mann im türkisfarbenen Musical-Jackett, von dessen Existenz man selbst erst vor zehn Minuten erfuhr, als Aurelio-Freundin Lisa sich nähert.

"Ich bin gut im Bett, ziemlich gut"

Neu in diesem Jahr ist die verbale Überbumsung, mit der die Kandidatenriege einem schon in ihren Vorstellungsvideos indirekt glaubhaft versicherte, dass sich untenrum in Wahrheit nicht allzu viel Spektakuläres mehr tut. "Ich bin gut im Bett, ziemlich gut", sagt Ennesto über sich und bescheidet Damals-noch-Freundin Helena, nachdem er ihren Koffer ins Haus gewuchtet hat: "Dafür wirst du mir schön einen blasen."

"Wir verstehen uns sehr gut auf sexueller Ebene", umreißt Der Mann Aurelio, Träger der nur leicht angerosteten "Bachelorette"- und "Dschungelcamp"-Orden und des alternden Macho-Bömmels am Bande, die Beziehung zu seiner Freundin Lisa. "Ich bin Koch", will sich Giulia-Siegel Freund Ludwig vorstellen, als sie ihn direkt mal korrigiert: "Du bist sehr gut im Bett." Voll viel Se-hex hätten die beiden darum.

Nur Schrottherzchen Manni Ludolf und Martin Semmelrogge entziehen sich mit ihren Frauen diesen extrem nach im eigenen Saft gärenden Brunft-Jugendlichen stinkenden Gesprächen. Wenn jemand sich darüber beschwert, Semmelrogges hätten "mit dem Turbostab am frühen Morgen von der Latte die Milch schaumig geschlagen" und mit diesem Lärm die anderen aus dem Schlaf geschreckt, ist das erfreulicherweise keine Sexmetapher.

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Auch über sich selbst kann man beim "Sommerhaus" einiges Neues lernen, etwa eine interessante umgekehrte Proportionalität in Fummelfragen: Je mehr und je expliziter die Kandidaten über Sex reden, desto sicherer ist man, selbst nie mehr das Verlangen danach zu haben.

Wie schon bei der Formatpremiere im vergangenen Jahr ist auch das neue "Sommerhaus der Stars" extrem gut gemachter Trash: Solide gezimmerte Eskalations-Architektur, die auf wuchtige Antagonistenpfeilern wie Ennesto vs. Aurelio und Helena vs. Giulia ruht, dazwischen als Dämm-Material Flauschpuffer wie der ewig arglose Manni Ludolf.

Die Dramaturgie dazu ist angenehm unaufdringlich: Man darf als Zuschauer einfach wie in einer gut sortierten Zoohandlung unbehelligt und in aller Ruhe in das Gehege mit den verhaltensauffälligen Siffhamstern schauen und sich an ihren Kapriolen erfreuen, ohne ständig überflüssigerweise erklärt zu bekommen, was da gerade passiert. Der Off-Kommentar hält sich dezent zurück, stattdessen zieht die feinsinnige und smarte Musikauswahl eine zweite, transparente Kommentar-Ebene ein. Wer immer auf die Idee kam, den ersten Auftritt von Allzweck-Knallcharge Nico Schwanz mit dem Lied "Universal Tellerwäscher" von den Sternen zu unterlegen - man kann sich nur verneigen.

Denkmäler der Blödheit

Genauso wie vor dem Schnittmenschen, der diese herrlich stumpfen Dialoge, nach denen sich Samuel Beckett die Finger schlecken würde, als entkernte Denkmäler der Blödheit herauspräparierte:

Ennesto: Jemand kommt!

Saskia: Kommt jemand?

Besonders schön ist die Immer-einmal-mehr-wie-du-Argumentation von Yvonne (der Freundin von "Ich will Spaß"-Markus), die zügig mit Aurelio aneinander geriet:

Aurelio: Für mich bist du schwach.

Yvonne: Du für mich auch.

Aurelio: Pass auf, wie du über meine Frau redest.

Yvonne: Pass du auch auf.

Schon in der ersten "Sommerhaus"-Folge rappelte es nämlich heftiger im Karton als in der gesamten letzten "Dschungelcamp"-Staffel. Kartoffelsalat ist die neue Stinkejacke, durften Freunde des Formats entzückt feststellen: Ähnlich heftig wie im vergangenen Jahr über den mutmaßlich stockig müffelnden Jeansblouson von René Weller stritt man nun über einen Teller mit Kartoffelsalatresten, den Aurelio nicht umgehend abgeräumt hatte. Er initiierte außerdem noch einen zweiten Premiumkonflikt und verlor komplett die Contenance, weil seine Freundin auf der nächtlichen Terrasse mit Ennesto so dümmlich wie harmlos über Sex geplaudert hatte - dass sie überhaupt ohne ihn, Aurelio, das Zimmer verlasse, sei ja schon unentschuldbar.

"Ich bin Mutter, ich schaue kaum Fernsehen", würde man da mit Helena Fürst gerne behaupten, aber wem will man hier etwas vormachen: Natürlich muss man auch nächste Woche wieder einschalten, wie schlau von RTL, den "Sommerhaus"-Stoff erneut so klug zu verknappen. Für alle, die den Erkenntniswert dieses Formats nach zwei prachtvollen Stunden Moritatenspiel noch nicht selbst erkannt haben, fasst die leider schon wieder abgewählte Sonja Semmelrogge ihn in einem geistvollen Mash-up aus Sartre und dem "Herz der Finsternis" noch schnell zusammen: "Der Horror liegt immer bei den Menschen."



insgesamt 34 Beiträge
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Orthoklas 03.08.2017
1. Typisch Rützel
Man liest die Überschrift und weiß: das muss wieder ein Werk von Frau Rützel sein, indem sie sich mal wieder über alles und jeden aufregt. Herrlich!
Thyphon 03.08.2017
2. Ab wie viel Jahren ist dieser Schund eigentlich freigegeben?
Solche Trash-/Häme-/Voyeurismus-Formate sollten mindestens FSK16 sein. Dieser Dreck ist doch jugendgefährdender als jeder Horrofilm und jedes "Killerspiel". Kinder könnte glauben, dass es normal und i.O. ist, sich wie diese menschlichen Karrikaturen im TV zu verhalten und sich darüber zu amüsieren, wenn sich andere blamieren oder verletzen. So züchtet man sich doch gleich die nächste Generation von Autobahngaffern heran!
Galgenstein 03.08.2017
3. Was immer wieder überrascht
ist doch, dass solche Fernsehformate nicht nur Zuschauer finden, sondern sogar so viele, dass sich damit Kasse machen lässt.
rips55 03.08.2017
4. Danke Anja
das Beste an den Trash-Formaten sind Ihre Kommentare am nächsten Morgen. Herzlichen Dank
123Valentino 03.08.2017
5. Die beste..
Prevention, Anja Rützel müsste Pflichtlektüre werden . Dieser durchkomponierte Schwachsinn, gespielt von Schwachsinnigen , für Schwachsinnige . Das ist Minderheitenprogramm, hätte ich angenommen. Falsch, alle zusammen könnten Wählen beinflussen , wenn sie wüssten , dass man auch als Schwachmat, Wählen darf, und wieder musste ich die Sendung nicht durchstehen, Frau Rützel, Danke .
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