ARD-Schmonzette "Song für Mia" "Der süßeste Blinde ever!"

Ein eitler Bub muss erst sein Augenlicht verlieren, um zu sehen, was im Leben wirklich zählt: Mit "Song für Mia" fährt das Erste schwere Kitsch-Geschütze auf.

ARD Degeto/ Constantin/ Jacqueline Krause-Burberg

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Obacht, nicht erschrecken! Ein nackter, trainierter, fleischzentriert gefilmter Männeroberkörper, der sich dramatisch in ein weißes Hemd hüllt, eine Krawatte um den Hals zurrt, zur teuren Uhr greift - die Bildsprache, mit der die ersten Szenen von "Song für Mia" gefilmt sind, gaukelt einem fast vor, man habe versehentlich in den Vorspann des "Bachelors" fehlgezappt.

Aber das passt tatsächlich nicht schlecht, denn tatsächlich ist Sebastian, genannt Sebbe (Tim Oliver Schultz), ein ähnlich ambitionierter serieller Frauenbetörer wie der RTL-Balzbock. Als Berufsfatzke zieht der Sohn reicher Eltern durch die Klubs (die hier aussehen wie eine begehbare "Bravo"-Fotolovestory), wird beim Trällern auf dem Discoklo von einem Produzenten entdeckt, bekommt einen Plattenvertrag - und rennt auf dem Nachhauseweg gegen eine Eisenstange, woraufhin er nichts mehr sieht und sich von einer Ärztin erklären lassen muss, dass durch den Aufprall ein Aneurysma im Kopf geplatzt sei, was eine Hirnblutung verursachte, die ihn möglicherweise irreparabel erblinden ließ. So bizarr, so schmalzgeschichtentypisch.

Die Geschichte, die sich dann entfaltet, kennt man schmerzlich genau, wenn man schon auf zu vielen standesamtlichen Hochzeiten mit latent dichtfaulen Standesbeamten war, die bei ihren Traureden gerne auf einen bewährten Betulichkeitsklassiker zurückgreifen: Man sieht nur mit dem Herzen gut, die Weisheit ist zwar gnadenlos durchgenudelt, aber man kann leider schlecht etwas dagegen sagen.

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"Song für Mia": Blind macht Liebe

Und so verwandelt sich die Blindversion des selbstverliebten Sebbe unter dem Einfluss seiner herzlich-natürlichen, patentes Latzkleid tragenden Pflegerin Mia (Paula Kalenberg), die optisch selbstverständlich nicht seinem sonstigen Anforderungskatalog entspricht, wieder zurück zum sensiblen, offenen Menschen, der er wahrscheinlich irgendwann einmal war. Statt wüstem Sex gibt es also nun zärtliche Betastereien im pittoresken Ferienhaus.

Übergriffiges Verhalten wird grauslig romantisiert

Nerviger als das Motiv des geläuterten Schmuseblinden, der ohne die sündigen Versuchungen des Alltags, auf sich selbst zurückgeworfen, zur Erkenntnis kommt, ist nur ein dramaturgischer Einfall: Mia filmt Sebbe heimlich beim Singen und stellt das Video online - versehen mit dem Titel "Der süßeste Blinde ever!" Wieder einmal wird also übergriffiges Verhalten grauslig romantisiert, denn immerhin führt es ja zum Erfolg: Sebbe darf jetzt doch noch Popstar werden, muss sich zuvor aber noch schnell, man ahnt es schon, durch eine rettende Operation kurz in das alte Ekel rückverwandeln.

Dass die Geschichte von "Song für Mia" so holzschnitthaft aus dem Kitschausmalbuch übernommen scheint, grämt einen umso mehr, weil die beiden wirklich guten Hauptdarsteller unbedingt einen weniger vorhersehbaren Plot verdient hätten. Tim Oliver Schultz, bekannt aus dem "Club der roten Bänder", dreht seinem rasenden Zornblinden genau im richtigen Moment den Saft ab, bevor die Übertreibung zu viel wird, und nimmt die Kurve zum gefühlvoll am Lagerfeuer klimpernden Emoboy tatsächlich so glaubwürdig, wie man diese Wandlung nur erzählen kann.

Paula Kalenberg spielt ihre freundliche, aber wehrhafte Mia gut dosiert, ohne in offensichtlich lauernde und übertrieben tapsige Hübsches-Mädchen-spielt-hässliches-Entlein-Manöver abzurutschen. Beide harmonieren wunderbar miteinander, vor allem in den gelegentlich auch mal überraschend floskelfreien Dialogen - bevor der nächste krude Wortwechsel diese Chemie wieder zerdeppert. Etwa wenn Uhrensammler Sebbe Mia so seine Liebe gesteht: "Bevor ich dich kennengelernt habe, habe ich mich innerlich gefühlt wie eine Swatch und äußerlich wie eine Patek Philippe. Und mit dir fühle ich mich jetzt auch innerlich wie eine Patek Philippe."

Max Giesinger lässt grüßen

Man kann gutmütig darüber schmunzeln, wie der "Song für Mia" mitunter in seine eigene Erzählfalle tapst: Sebbe soll als oberflächlicher Aalboy porträtiert werden - und ist so oft unnötig oberkörperfrei zu sehen, dass man fast glauben könnte, da sei jemand produktionsseits ganz schön oberflächlich - oder unterstelle dies seinem Publikum.

Ulkig werden die Dialoge, wenn Sebbe sich vehement gegen den Vorschlag seines Produzenten wehrt, das gefühlige, zusammen mit Mia am Strand geschriebene Lied herauszubringen: Deutsche Texte seien nämlich uncool, beharrt Sebbe und suggeriert damit eine Welt ohne Mark Forster, Max Giesinger und die anderen Deutschsoftbuben.

Was zusätzlich komisch ist, weil das Lied "Es braucht Zeit", das er im Film singt, tatsächlich von Jens Schneider geschrieben wurde, der auch schon für Joris, Max Giesinger, und Vincent Weiss arbeitete. Wenn das als Witz gedacht war, ist er hervorragend gelungen.


"Song für Mia". Samstag, 20.15 Uhr, ARD



insgesamt 3 Beiträge
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kopi4 17.02.2019
1.
Will Frau Rützel ihr Talent jetzt bei der Besprechung solcher Formate vergeuden? Die ARD hat halt nicht die Rechte, das sie dann Rosamunde-Filme ohne Pilcher und Cornwall fabriziert mag konsequent sein. Aber wenn Frau Rützel, mit Recht, die Originale ignoriert sollte das auch für die Ableger gelten.
tomcek123 17.02.2019
2. Steilvorlage
Schade, dass Frau Rützel nicht den zunehmenden medialen und gesellschaftlichen Trend der Männerverniedlichung bzw. -entmündigung thematisiert hat, der bei Frauen ja anscheinend gut ankommt. Die Zielgruppe dieser Softerotik-Schmonzette ist ja wohl klar. Aber immerhin war sie ja so objektiv, das heimliche Filmen eines Blinden mit anschließender Veröffentlichung als übergriffig zu rügen. Ansonsten finde ich diesen Trend ziemlich rückständig. Auch wenn die Männer sich auf diese Weise jahrhundertelang an den Frauen ausgetobt haben. Aber wollen sich die Frauen nun wirklich eine solche Gesinnung aneignen? Schwieriger, als diese Frage zu beantworten ist sicherlich, ob man reflektiert genug ist, um eine solche Affinität überhaupt zu erkennen.
tomcek123 17.02.2019
3. Trotzdem....
... großes Lob an Frau Rützel. Ich lese ihre Kolumnen immer sehr gerne, gerade weil sie die zunehmende kapitalistische Volksverblödung immer so schön scharfsinnig und unterhaltsam entlarvt. Party on ;)
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