Sexuelle Belästigung beim WDR "Wie machen wir aus alten Machos bessere Menschen?"

Im aktuellen "Stern" erheben Mitarbeiterinnen Vorwürfe gegen einen WDR-Korrespondenten wegen sexueller Belästigung. Der Mann arbeitet noch immer für den Sender. Jetzt äußert sich Chefredakteurin Sonia Mikich zu dem Fall.

WDR-Chefredakteurin Sonia Mikich
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WDR-Chefredakteurin Sonia Mikich

Ein Interview von


Er habe unter anderem einer Praktikantin auf seinem Hotelzimmer Pornos gezeigt und einer Kollegin "eindeutige Mails" geschrieben, in denen er sich etwa als "Alpha-Tier" bezeichnete: "Ich kriege (boah, ist das arrogant) immer, was ich will": In einer gemeinsamen Recherche von "Stern" und dem Recherchebüro "Correctiv" werden eine ehemalige Praktikantin, eine feste Mitarbeiterin und eine weitere Journalistin genannt, die Vorwürfe gegen einen WDR-Auslandskorrespondenten wegen Belästigung erheben (lesen Sie hier die komplette Recherche).

Den Anschuldigungen der Praktikantin und der festen Mitarbeiterin ging WDR-Chefredakteurin Sonia Mikich 2017 selbst nach. Heute arbeitet der Beschuldigte noch immer für den WDR; die ehemalige Praktikantin wird im "Stern" mit den Worten zitiert: "Aber was war das für eine Konsequenz für diesen Typen, der mich immer noch anschaut im Fernsehen? Ein paar Gespräche und ein Eintrag in seiner Personalakte." Der SPIEGEL hat mit Sonia Mikich über den Fall gesprochen.

SPIEGEL ONLINE: Frau Mikich, der "Stern" und das Recherchebüro "Correctiv" berichten von einem WDR-Auslandskorrespondenten, der eine Praktikantin und weitere Mitarbeiterinnen belästigt hat. Können Sie diesen Bericht bestätigen?

Sonia Mikich: Ich bestätige, dass das größtenteils richtige Aussagen sind, aber dass das Gesamtbild nicht vollständig ist.

SPIEGEL ONLINE: Warum nicht?

Mikich: Die Dinge klingen im "Stern" sehr einfach, sie waren aber deutlich komplexer. Zum konkreten Fall werde ich aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes nichts sagen. Was ich Ihnen aber sagen kann: Wir sind sehr viel härter vorgegangen als im Artikel beschrieben.

    Sonia Mikich ist seit 2014 Chefredakteurin des WDR. Zuvor arbeitete sie unter anderem als Kriegsreporterin, Moskau-Korrespondentin, Leiterin des ARD-Studios in Paris und Redaktionsleiterin und Moderatorin des Politikmagazins "Monitor".

SPIEGEL ONLINE: Was heißt das genau?

Mikich: Im "Stern" klingt es, als wäre der betreffende Mann mit einem Aktenvermerk davongekommen. Aber es war mehr als ein Klaps auf die Finger. Ein Vermerk in der Personalakte kann im Übrigen einen unterschiedlichen Charakter haben.

SPIEGEL ONLINE: Welche weiteren Konsequenzen gab es denn?

Mikich: Ich darf leider nicht mehr dazu sagen. Wie gesagt, es handelt sich hier um einen geschützten Personalvorgang. Ich kann nicht fröhlich aus Akten zitieren. Aber glauben Sie mir: Das war nicht nur eine Aktennotiz. Das Verhalten des betreffenden Kollegen hatte Konsequenzen und hat nach wie vor welche.

SPIEGEL ONLINE: Sie sprachen gerade an, dass die Geschehnisse "deutlich komplexer" waren als dargestellt. Was meinen Sie damit?

Mikich: Jetzt werde ich ja wieder in Details verwickelt. Ich drücke es mal allgemeiner aus: Bei all solchen Vorwürfen gibt es ja immer zwei Seiten. Was die ehemalige Praktikantin dem "Stern" erzählt hat, hat sie auch mir erzählt. Ich bezweifle überhaupt nicht, dass es einen Vorfall gab, auch einen sehr unangenehmen. Allerdings beschrieb und bewertete der Kollege die Situation anders. In solchen Situationen gibt es in der Regel ja keine weiteren Zeugen.

SPIEGEL ONLINE: Es handelt sich aber ja nicht nur um einen Einzelvorfall, bei dem die eine gegen die andere Darstellung steht. Es werden auch im Text zwei weitere Frauen genannt, die von ähnlichen Erfahrungen mit dem Korrespondenten berichten.

Mikich: Ich habe damals wirklich alles gemacht, um rauszukriegen, was passiert ist. Selbstverständlich nahm ich die Beschwerden ernst und handelte. Meine Rechercheergebnisse teilte ich dann den Zuständigen mit, die sofort aktiv wurden. Man stößt allerdings bei solchen Fällen viel auf Hörensagen, Gerüchte. Ich hatte Informationen aus zweiter und dritter Hand, Mailverkehr, den man so und so deuten konnte. Und da gibt es auch eine bestimmte Grenze: Was ist ein Beweis? Was wissen wir haargenau? Wo können wir ein Verhaltensmuster erkennen?

SPIEGEL ONLINE: Was genau geht da vor bei so einer internen Untersuchung?

Mikich: Ich habe meine Erkenntnisse der Personalabteilung und dem internen Interventionsausschuss übergeben. Dies ist ein Gremium, an das man sich mit Hinweisen auf sexuelle Belästigung wenden kann, darunter die Gleichstellungsbeauftragte, der Betriebsarzt, Personalrat, Leute aus dem Personalmanagement. Letztendlich bin ich Chefredakteurin, die natürlich allen Hinweisen nachgeht, aber nicht Staatsanwältin oder Richterin.

SPIEGEL ONLINE: Die Vorsitzende des Personalrats ist aber jetzt aus dem Interventionsausschuss zurückgetreten - sie begründet ihren Rückzug damit, dass der Personalrat in solchen und ähnlichen Fällen kaum Handlungsmacht besitze, obwohl es in den Statements vom WDR zum Fall des Auslandskorrespondenten so dargestellt wird. Man habe gegenüber der Hausspitze immer wieder eine umfassende, strukturelle Kontrolle und Ahndung von Machtmissbrauch gefordert, solche Vorschläge seien aber ins Lächerliche gezogen worden oder als zu aufwendig erklärt worden. Was sagen Sie zu dem Vorwurf?

Mikich: Ich finde es traurig, dass ein so wichtiges Instrument wie das Interventionsteam gerade jetzt durch eine Auseinandersetzung womöglich geschwächt wird.

SPIEGEL ONLINE: Müsste jemand, der einer Praktikantin Pornos zeigt, nicht entlassen werden?

Mikich: Das ist eine sehr spitze Frage. Wenn ich etwas aus dem Fall gelernt habe, dann, dass es da keine Rezeptur gibt - also oben kommt die Beschwerde rein und unten kommen Gerechtigkeit und Wahrheit raus. Da sagt ein Mensch, in einem Hotelzimmer ist das passiert, und ein anderer Mensch bestreitet das, bereut später missverständliche Signale. Es ist sehr frustrierend, aufklären zu wollen und wenige belastbare Fakten zu haben. Und in diesem Schwierigen habe ich mich entschieden, der Frau zu glauben, dass es eine massive Grenzüberschreitung gab, weil es auch zusätzliche Indizien gab. Meiner Meinung nach war die Strafe damals angemessen.

SPIEGEL ONLINE: Es herrschte beim WDR offenbar eine Unternehmenskultur, in der ein Mann in einer Machtposition dachte, er kommt mit einem bestimmten Verhalten durch. Was tun Sie, um das zu ändern?

Mikich: Als Feministin sage ich, wir müssen hier im Unternehmen darüber reden, wie wir Rollenverhalten bewerten und geschlechtssensibel auftreten: Wie machen wir aus alten Machos bessere Menschen? Das ist ein Diskurs innerhalb des Senders wie auch in der Gesellschaft insgesamt.

SPIEGEL ONLINE: Wie sind denn Ihre eigenen Erfahrungen mit sexueller Belästigung beim WDR?

Mikich: Ich habe immer gesagt 'Hau ab, du Blödmann'.

SPIEGEL ONLINE: Und das hat immer geklappt?

Mikich: Im WDR, außerhalb des WDR, in Discos, im Privatleben. Das ändert aber nichts an der Tatsache, wie wichtig dieses Thema ist: Wie machen wir die, die im Medienbereich in schwachen Positionen arbeiten, so stark, dass sie sich trauen, Nein zu sagen, wenn jemand wichtiger und mächtiger ist? Und wie schaffen wir es, dass sie, falls etwas passiert, den Mut haben, sich an die richtigen Stellen zu wenden? Das ist natürlich auch meine Aufgabe.

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