"Polizeiruf" mit Sophie Rois: Graf Dracula und Prinzessin Gurke

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Transsilvanien im Spreewald: Der Brandenburger "Polizeiruf" kommt diesmal als Gothic-Lustspiel mit Vampirverweisen daher. Hübscher Hintergrund für das Ermittlerinnen-Intermezzo von Sophie Rois, die hier als Schwangerschaftsvertetung von Maria Simon antritt.

"Polizeiruf" mit Gothic-Flair: Den Biss in Ehren kann keiner verwehren Fotos
rbb

Die Frauen kommen und gehen, der Dicke bleibt. Katrin Saß, Imogen Kogge, Maria Simon, all diese großen Schauspielerinnen ermittelten schon für den RBB-"Polizeiruf" im düsteren Brandenburger Nirgendwo. Dann zog es sie in sonnigere Gefilde. Oder sie wurden schwanger, so wie Simon, die nach nur zwei Episoden einen Dreh-Stop einlegen musste, um ihr viertes Kind zu kriegen. Nur Horst Krause in der Rolle des Polizeihauptmeisters Horst Krause ist nicht wegzukriegen. Er isst weiter seine Würstchen, führt Gespräche mit seinen Hunden und tuckert auf seinem Oldtimer-Motorrad durch die Brandenburger Ödnis.

Wobei: Ein Motorrad ist diesmal nicht. Und Ödnis auch nicht. Auf einem Kahn treibt der alte Krause diesmal durchs Feuchtgebiet des Spreewalds, das in der aktuellen "Polizeiruf"-Episode fiebrig und schattig in Szene gesetzt wird wie Transsilvanien.

Das ist durchaus sinnvoll, schließlich geht es um falsche Vampir-Grafen und echte Gurkenköniginnen: Luise König (Susanne Lothar), Spreewald-Gurken-Fabrikantin der zweiten Generation, wird von einem Unbekannten mit Umhang und Dracula-Maske in ihrem Büro überwältigt, schließlich rammt ihr der Mann die Zähne in den Hals. Das Opfer scheint darüber entzückt zu sein.

Gestatten, Van Helsing

"Twilight" trifft Sonntagskrimi: Die Babypause von Maria Simon haben die Verantwortlichen für einen ziemlich irren Goth-Krimi genutzt. Spießige Beamte halten hier ausschweifende Vorträge über den erotischen Ursprung des Vampir-Kusses in der romantischen Literatur und seine Bedeutung im heutigen Pubertäts-Kino, die Spreewald-Gurken-Dynastie der Königs wirkt wie eine Familie Untoter, und die Schwangerschaftsvertretung für Maria Simon stellt sich hier mit dem Namen Van Helsing vor.

Gespielt wird die Kommissarin von Sophie Rois ("Drei"), die vor zehn Jahren schon mal als Roxane Aschenwald im österreichischen "Tatort" als Ermittlerin aktiv war. Im "Polizeiruf" heißt sie in Wirklichkeit natürlich nicht wie der berühmte Vampirjäger Van Helsing, sondern trägt den schönen Ossi-Friseusen-Namen Tamara Rusch. Das Treiben der Spreewald-Sippschaft schaut sich dann aber doch mit der Ungerührtheit einer Vampirjägerin an. Während sie Gürkchen und Mettwurstbrote in sich hineinschiebt, studiert sie die Expansionsgelüste, Intrigen und Eskapaden der Königs. Und die der beiden Gurken-Prinzessinnen, die das bröckelnde Gemüse-Imperium weiterführen sollen.

Autor Wolfgang Stauch und Regisseur Ed Herzog haben gemeinsam schon ein paar starke "Unter Verdacht"-Folgen entwickelt, hier nutzen sie die Babypause von Maria Simon für ein kleines Experiment und weiten die Grenzen des Krimis zur cineastischen Hommage. Wer beim letzten "Tatort" mit Ulrich Tukur Spaß gehabt hat, wird auch diesen "Polizeiruf" schätzen: Wo der HR den Tukur-Krimi zum Edgar-Wallace-Musical umwandelte, da erhebt der RBB den Rois-Krimi zu einem grotesken Gothic-Lustspiel, das seinen Charme vor allem aus der Improvisation entwickelt. Auch wenn diese Improvisation nicht ganz freiwillig gewesen ist.

Eigentlich war geplant, dass Maria Simon noch eine anständige Übergabe an ihre Vertretung Sophie Rois vornimmt, aber dann musste umdisponiert werden. Der Nachwuchs drängelte, der Drehplan war ihm egal. So taucht Simon in diesem "Polizeiruf" gar nicht auf, erklärt wird ihre Abwesenheit aber auch nicht.

Nichts so schlimm. Dafür, dass das olle Brandenburg hier wie ein vampiristischer Fiebertraum daherkommt, nehmen wir auch einige Ungereimtheiten hin.


"Polizeiruf 110: Die Gurkenkönigin", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

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Forum - Dauerbrenner Sonntagskrimis - wie fanden Sie die aktuelle Folge?
insgesamt 379 Beiträge
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1. Armes Deutschland
auswandererusa 12.02.2012
Kann es wirklich sein, dass nach 40 Jahren Tatort, dieser immer noch das kulturelle Gespraechsthema ist? Will wirklich irgend jemand behaupten dass wir nicht mehr koennen? Rund 8 Milliarden Euro fliessen jaherlich an die Oeffentlich Rechtlichen, und das Ergebnis ist noch immer Tatort, Lindenstrasse und (bis neulich - und vielleicht dann doch wieder) Wetten Dass! Aber ach, und ich werde mir hier sicher einigen Widerstand einholen, wenn ich es genau betrachte ist es mit der ganzen deutschen Kulturlandschaft so. Museen sind fast immer nur die Museen "grosser klassischer oder zeitgenoessischer Kuenstler. Als Juroren fuer: The Voice of Germany: NENA und die Fantastischen Vier. Im Film: Wim Wenders und Helmut Dietl. Moderatoren: Gottschalk, Jauch, und "ich setz mein verschmitztes Lachfalten Gesicht auf Pilawa". Im bevoelkerungsreichsten Bundesland (16Millionen) gibt es gerade mal 5 WDR Radiosender und dann noch semi-privates (d.h. zum grossen Teil vom WDR mit bestimmtes) Lokalradio das ueberall und den ganzen Tag auf allen Stationen die gleiche Playlist hat - und keiner regt sich auf. Keine Bewegung, kein Einfallsreichtum, aber auch kein Wunsch danach in der Bevoelkerung. Mir wird Angst und Bange das, wenn ich irgendwann zurueckkomme (ja schreiben sie nur: Bleib doch weg!!!) dass ich nicht geistig, aber doch kulturell verarme. Gerade mal Berlin scheint mir ein Ort der Hoffnung, aber sonst... wirklich Tatort? Hoher Anspruch? Weil man mal einen Braunfilter draufsetzt oder mal einen Gruenen. Weil man diesen Ermittler grob und leicht ironisch charakterisiert, waehrend jene haerter und scharfsinniger ist. "Leichendichte; blutig oder nicht; Satz fuer die TV Ewigkeit?" Das ganze Konzept gehoert in die Ewigkeit verbannt. Gebt endlich mal jungen Kuenstlern (ich weiss, das sind auch Schauspieler und Regisseure die diese Tatort Folgen drehen) eine Chance. Probiert aus. Hier drueben in den "fuerchterlichen USA" geht man in Cafes und 16 Jaherige lesen Gedichte vor und spielen Jazzgeige. Live Musik von voellig unbekannten Kuenstlern die wahnsinnig gute Lieder schreiben und nicht nur "In The Army now" covern. Kneipen mit Stand Up Comedy ueberall. (Und ich wohne nicht in NY). Auch wenn so einige das nicht werden wahrhaben wollen. Wir sind 80 Millionen Menschen. Das kann doch noch nicht alles gewesen sein. Meine Forderung geht also an Institutionen UND an meine Mitmenschen. Ach ja, und wirklich: Weg mit Joerg Pilawa.
2.
Karl_Lauer 12.02.2012
Zitat von auswandererusaKann es wirklich sein, dass nach 40 Jahren Tatort, dieser immer noch das kulturelle Gespraechsthema ist? Will wirklich irgend jemand behaupten dass wir nicht mehr koennen? Rund 8 Milliarden Euro fliessen jaherlich an die Oeffentlich Rechtlichen, und das Ergebnis ist noch immer Tatort, Lindenstrasse und (bis neulich - und vielleicht dann doch wieder) Wetten Dass! Aber ach, und ich werde mir hier sicher einigen Widerstand einholen, wenn ich es genau betrachte ist es mit der ganzen deutschen Kulturlandschaft so. Museen sind fast immer nur die Museen "grosser klassischer oder zeitgenoessischer Kuenstler. Als Juroren fuer: The Voice of Germany: NENA und die Fantastischen Vier. Im Film: Wim Wenders und Helmut Dietl. Moderatoren: Gottschalk, Jauch, und "ich setz mein verschmitztes Lachfalten Gesicht auf Pilawa". Im bevoelkerungsreichsten Bundesland (16Millionen) gibt es gerade mal 5 WDR Radiosender und dann noch semi-privates (d.h. zum grossen Teil vom WDR mit bestimmtes) Lokalradio das ueberall und den ganzen Tag auf allen Stationen die gleiche Playlist hat - und keiner regt sich auf. Keine Bewegung, kein Einfallsreichtum, aber auch kein Wunsch danach in der Bevoelkerung. Mir wird Angst und Bange das, wenn ich irgendwann zurueckkomme (ja schreiben sie nur: Bleib doch weg!!!) dass ich nicht geistig, aber doch kulturell verarme. Gerade mal Berlin scheint mir ein Ort der Hoffnung, aber sonst... wirklich Tatort? Hoher Anspruch? Weil man mal einen Braunfilter draufsetzt oder mal einen Gruenen. Weil man diesen Ermittler grob und leicht ironisch charakterisiert, waehrend jene haerter und scharfsinniger ist. "Leichendichte; blutig oder nicht; Satz fuer die TV Ewigkeit?" Das ganze Konzept gehoert in die Ewigkeit verbannt. Gebt endlich mal jungen Kuenstlern (ich weiss, das sind auch Schauspieler und Regisseure die diese Tatort Folgen drehen) eine Chance. Probiert aus. Hier drueben in den "fuerchterlichen USA" geht man in Cafes und 16 Jaherige lesen Gedichte vor und spielen Jazzgeige. Live Musik von voellig unbekannten Kuenstlern die wahnsinnig gute Lieder schreiben und nicht nur "In The Army now" covern. Kneipen mit Stand Up Comedy ueberall. (Und ich wohne nicht in NY). Auch wenn so einige das nicht werden wahrhaben wollen. Wir sind 80 Millionen Menschen. Das kann doch noch nicht alles gewesen sein. Meine Forderung geht also an Institutionen UND an meine Mitmenschen. Ach ja, und wirklich: Weg mit Joerg Pilawa.
tl;dr Gegenfrage: Warum den Tatort als Referenz für den gesamten Kulturbetrieb des Landes heranziehen? 16-jährige Gedichtvorträge und live Jazz gibt es auch in Köln, wenn man weiß wo. Es könnte sicher noch viel viel mehr geben, aber das es garnichts abseits des staatlich gefördert und Verordneten gibt ist auch nicht wahr.
3. wieso nicht?
PrettyHateMachine 12.02.2012
Einen Tatort mit den "Bremern" habe ich noch nie gesehen, bin gespannt. "Bizarres Szenario"? Immer gerne, Haupsache, es endet nicht wie "Das Dorf" Tatort: Das Dorf (http://de.wikipedia.org/wiki/Tatort:_Das_Dorf) damit konnte ich mich so gar nicht anfreunden. Ab und an ein schöner, grade durcherzählter Krimi ist schon was schönes am Sonntagabend ;-) @ auswandererusa yep, ich bin vollkommen kulturell verarmt, danke für Ihre Anteilnahme
4. Warum nicht ?
Skeptisch 12.02.2012
Zitat von sysopDie Sonntagskrimis der ARD erzielen nach wie vor Spitzenquoten, die Fälle und Ideen scheinen den Machern einfach nicht auszugehen. Aber jeden Sonntag stehen die Reihen wieder auf Prüfstand, denn die Erwartungen sind immer hoch. Ihr Urteil: Wie steht's aktuell um die aktuelle Folge? Gediegen und spannend oder eher Durchschnitt?
Ich (Jahrgang 1946) sehe mir den Tatort regelmäßig an. Eigentlich "schon immer". Es gibt Gute und weniger Gute. Klar. Ist wohl auch Geschmackssache. Im Vergleich zu den amerikanischen Krimiserien der Privatsender , wo hauptsächlich action, bum-bum, viel Blut und Leichen und natürlich Sex vorherrschen, eine gute Alternative, wenn man Krimis mag. Den heutigen werde ich mir nicht anschauen, die Besprechung darüber hat mir gereicht. Denn ein Krimi sollte schon ein Krimi bleiben und nicht in ein Psycho-Drama ausarten. Obwohl ich dieses Tatort-Duo ansonsten mag, vor allem Lürsen.
5. zzzzZZZzzzz
interference 12.02.2012
Das beste am TATORT ist bekanntlich der skandinavische Krimi irgendwann danach …
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Zum Autor
Saima Altunkaya
Christian Buß, Jahrgang 1968, ist Kulturredakteur bei SPIEGEL ONLINE. Seine Kollegen denken, er hat eine Macke, weil er nicht nur gefeierte US-Serien schaut, sondern auch jeden noch so schlechten "Tatort". Doch der TV-Krimi ist für ihn nun mal mehr als ein Täterrätsel - er öffnet ihm ein Fenster in die bundesrepublikanische Wirklichkeit. Wer wissen will, wie das Land tickt, der kommt um den "Tatort" nicht herum.