Von Stefan Kuzmany
Sehen wir der traurigen Wahrheit ins Auge: Bald, wahrscheinlich allzu bald, heißt es Abschied nehmen. Hören wir also gut zu, wenn uns dieser überaus kluge Mann mit dem nur in Lichtjahren zu messenden Abstand zur Tagespolitik noch einmal das Weltgeschehen erklärt, noch einmal die Dinge beim Namen nennt, sie zurecht und ins rechte Licht rückt, mit seiner unnachahmlichen Mischung aus Weisheit und Überheblichkeit.
Es ist klar: Wir sind Zeugen seiner letzten Runde. Manche sagen zwar, er habe noch alle Zeit der Welt, doch viele geben ihm weniger als ein Jahr. Eigentlich könnte es jetzt jederzeit passieren: Bald, allzu bald, wird sich Peer Steinbrück erklären müssen, wird öffentlich bekennen müssen, was eigentlich jeder schon weiß, dass er Kanzlerkandidat der Sozialdemokraten sein möchte, und nicht nur das, sondern nächster Kanzler der Bundesrepublik Deutschland. Und dann ist sie vorbei, die schöne Zeit.
Steinbrück wird hinabsteigen müssen in die Niederungen der SPD-Vorstandssitzungen und Euro-Rettungsrunden. Wird sich mit einem widerspenstigen Koalitionspartner herumschlagen müssen und der garstigen Parteilinken. Wird sich verstellen müssen und so tun, als interessiere er sich für das Geschwätz all dieser Schmalspurredner, die sich Politiker nennen.
Nein, das wird nicht schön, aber es muss wohl sein, also tankt Steinbrück vorher noch einmal Kraft in den lichten Höhen wolkenlosen Geistreichtums, hält einerseits kenntnisreiche Reden über "Die Wirtschaftspolitik im 21. Jahrhundert", diskutiert andererseits mindestens ebenso kenntnisreich mit dem Historiker Heinrich August Winkler über dessen "Geschichte des Westens" und lässt sich vor allen Dingen ausgiebig von Helmut Schmidt versohnen. Ja, versohnen.
Versohnung statt Verenkelung
Menschen, die sich quasi wissenschaftlich mit den lustigen Bewohnern Entenhausens beschäftigen, haben festgestellt, dass sich die dortigen Enten mittels des erstaunlichen Vorgangs der "Veronkelung" fortpflanzen: Es gibt dort keine Mütter oder Väter, Söhne oder Töchter - es gibt nur Onkel, Tanten, Nichten und Neffen.
Ebenso rätselhaft war bisher der Fortpflanzungsprozess der unterhaltsamen Bewohner des Willy-Brandt-Hauses: Sozialdemokraten, so schien es, vervielfältigten sich durch "Verenkelung": Björn Engholm, Rudolf Scharping, Oskar Lafontaine und Gerhard Schröder galten allesamt als "Enkel" Willy Brandts, die anknüpften an das große Erbe des letzten allversöhnenden Kanzlers aus der SPD.
Diese Verenkelung ist bekanntlich und aus unterschiedlichen Gründen bei allen vier Genannten auf mehr oder weniger schreckliche Weise gescheitert, weswegen die deutsche Sozialdemokratie jüngst eine neue, bahnbrechende Methode hervorgebracht hat, die nun aber wirklich klappen soll: die "Versohnung". Es handelt sich dabei um eine Art geistiger Adoption.
Drei Männer konkurrieren in der SPD um die kommende Kanzlerkandidatur. Der Parteivorsitzende Sigmar Gabriel gibt sich mächtig links und wird dabei nach Kräften von seinem Wahlvater Günter Grass unterstützt. Der ehemalige Finanzminister Peer Steinbrück macht einen auf krisenkompetent und hat sich passenderweise von Helmut Schmidt adoptieren lassen. Allein der Fraktionsvorsitzende Frank-Walter Steinmeier sucht noch nach einem Papa - wahrscheinlich wirkt er deshalb etwas unglücklich.
Der Höhepunkt, die Perfektion der Versohnung, lässt sich gerade am Beispiel des Gespanns Schmidt-Steinbrück beobachten. Die Medien lieben Vater und Sohn Schmidtbrück: Die beiden reden viel miteinander und haben aus ihren Gesprächen ein Buch machen lassen. In der "Zeit" erschien ein ausführlicher Vorabdruck aus "Zug um Zug". Im aktuellen SPIEGEL ist ein Doppelinterview mit den beiden zu finden. Und am Sonntag kamen Papa und Sohnemann zu Günther Jauch in den historischen Berliner Gasometer.
Gelungene Imitation eines Schlafenden
Dass in diesem Text, der ja eigentlich eine TV-Kritik dieses Auftritts sein soll, erst jetzt von dieser Sendung die Rede ist, mögen Sie bitte verzeihen. Dieser Umstand hat einen einfachen Grund: Die Sendung enthielt schlicht keinerlei Neuigkeiten für Menschen, die in den letzten drei Monaten etwas über Politik gelesen haben.
Zum Glück allerdings wird "Günther Jauch" von Günther Jauch moderiert, der, was ja in letzter Zeit etwas in Vergessenheit geraten ist, vor allen Dingen auch ein großer Unterhalter ist, und zwar insbesondere dann, wenn eigentlich nichts passiert, worüber er sprechen könnte. Dann bespricht er eben das Nichts, so wie 1998 beim berühmten "Torfall von Madrid", als sich das Champions-League-Halbfinale zwischen Real Madrid und Borussia Dortmund um geschlagene 78 Minuten verzögerte, weil ein Tor zusammengekracht war. Jauch erhielt damals für seine unterhaltsame Überbrückung (gemeinsam mit Marcel Reif) den Bayerischen Fernsehpreis.
Diesmal hatte Jauch nur 60 Minuten zu überbrücken. Helmut Schmidt begann seinen Auftritt mit der gelungenen Imitation eines Schlafenden, der nur widerwillig seine Ruhe aufgibt, um ins Gespräch einzutreten. Keine zehn Minuten vergingen, dann steckte er sich seine erste Zigarette an. Das war zwar zu erwarten, ein Schmidt darf schließlich überall rauchen - dass er es jedoch sogar in einem ehemaligen Gasbehälter tun darf, ist bemerkenswert.
Da es nicht möglich ist, Schmidt und/oder Steinbrück eine Frage zu stellen, die den beiden nicht bereits anderswo gestellt worden ist, versuchte es Jauch erst gar nicht. Wie sie sich denn kennengelernt hätten, wollte er wissen (als ob er das nicht wüsste). Auch die Antworten auf die weiteren Standardfragen Jauchs sind längst aus der umfangreichen Sekundärliteratur bekannt: Sprach er die Unwahrheit, als Peer Steinbrück gemeinsam mit Angela Merkel die Sicherheit der Sparguthaben verkündete? Trägt die SPD eine Mitschuld an der Krise Europas, weil sie seinerzeit die Aufnahme Griechenlands in die Euro-Zone betrieben hat? Hält Schmidt Steinbrück für einen geeigneten Kanzlerkandidaten? Und könnte Steinbrück bitte hier und jetzt erklären, dass er dieser sein wolle? Nein und vielleicht und ja und auf keinen Fall. Teilweise gab Schmidt wortgleiche Antworten wie im SPIEGEL-Interview.
Auch "abgenagte Knochen" können unterhalten
Interessanter war es da, zu beobachten, wie Jauch sich bald schon gar nicht mehr mühte, Neuigkeiten zu erfahren, sondern sich gespielt resigniert in die Rolle dessen fügte, dem offensichtlicherweise keine Antworten gegeben werden auf Fragen, die er offensichtlicherweise in seiner Rolle als Journalist trotzdem stellen muss. "Der Knochen ist abgenagt", seufzte er mehr als einmal.
Das Publikum hatte seinen Spaß bei jedem Einsilber Schmidts, jedem anderen würden solche Antworten als Desinteresse ausgelegt. Im Buch stehe ja, man dürfe die Demokratie nicht überschätzen - wie er das denn meine, wollte Jauch wissen? "So, wie ich es geschrieben habe." "Würden Sie denn Kanzlerkandidat werden wollen, wenn man Sie ließe, Herr Steinbrück?" Noch so ein abgenagter Knochen. Aber das machte überhaupt nichts, weil's doch so schön war gerade.
"Ich könnte glatt noch ein Stündchen weitermachen", sagte Jauch am Ende, und damit sprach er den Zuschauern aus der Seele. Könnten Schmidt und Steinbrück nicht für alle Zeiten da sitzen bleiben und uns die Welt erklären: Männer, die Bescheid wissen, die Klartext reden, die zwar mahnen, aber auch ungemein beruhigen?
Aber nein. Steinbrück muss ja bald Kanzler werden wollen, dann ist es vorbei mit dem Klartext für einige Jahre. Tröstlich nur, dass er nach dieser unerquicklichen Periode zweifellos wieder zu Helmut Schmidt heimkehren wird können und mit ihm, dann endlich beide elder statesmen, auf die Kanzlerschaft zurückblicken wird. Denn Helmut Schmidt, so viel ist sicher, bleibt ewig. Wenigstens darauf ist noch Verlass. Und das stimmt doch versohnlich.
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