Spektakuläre Doku: CIA ließ Kommunistenjäger McCarthy bespitzeln

Von Michael Sontheimer

Wurde er von Journalisten gestürzt - oder von seinen eigenen Parteigenossen? Das neue Doku-Drama "The Real American" untersucht, warum die Karriere des berüchtigten Kommunistenjägers Joseph McCarthy so abrupt endete: Er hatte sich Feinde an der Spitze des Staates gemacht.

McCarthy-Doku: Hexenjagd auf Hochtouren Fotos
HMR Produktion

Die Geschichte schmiedet gern Legenden. Die Legende des berüchtigten US-Senators Joseph McCarthy lautet in etwa so: Edward Murrow, ein bekannter und beliebter Journalist, entlarvte im März 1954 den Antikommunisten McCarthy in seiner Fernsehshow "See It Now" so gründlich, dass der Demagoge sich davon politisch nicht mehr erholte. Die filmische Version dieser Legende lieferte vor sechs Jahren George Clooney, der in "Good Night, and Good Luck" Regie führte und den Produzenten der TV-Show spielte.

Der Berliner Historiker und Filmemacher Lutz Hachmeister präsentiert nun eine andere Version vom Sturz des ruchlosen Kommunistenjägers. Demnach waren sowohl US-Präsident Eisenhower als auch der CIA die populistischen Kampagnen des irischstämmigen Bauernsohns aus dem Bundesstaat Wisconsin schon länger ein Dorn im Auge.

Sie distanzierten sich von McCarthy schon mehr als ein Jahr, bevor der Fernsehmann Murrow ihn sich kritisch vornahm. Bei Recherchen für sein Doku-Drama "The Real American" fand Hachmeister anhand von bis dahin nicht bekannten Dokumenten heraus, dass die CIA eigens einen Agenten zur Überwachung von McCarthy abgestellt hatte. In dem Film, der im Juni in den USA Premiere hat und im Herbst in Deutschland gezeigt wird, bringt der einstige US-Außenminister Henry Kissinger die kurze Karriere McCarthys auf den Punkt: "Das ist das Schicksal von Populisten: Sie leben durch Populismus, sie sterben durch Populismus."

Spiel mit der Mediengesellschaft

Im Februar 1950 erklärte McCarthy bei einer Rede, dass er eine Liste habe, auf der die Namen von 250 Kommunisten stünden, die sich im US-Außenministerium eingeschlichen hätten. Der Rechtsanwalt und Senator für Wisconsin demonstrierte mit dieser und anderen Aktionen, dass es in einer Mediengesellschaft vor allem darauf ankommt, mit spektakulären Aussagen Aufmerksamkeit zu erregen. Ob diese auch wahr sind, ist eine andere Frage: Wie sich bald herausstellte, hatte McCarthy weder eine solche Liste, noch gab es Kommunisten im State Department. Seinem Aufstieg tat dies inmitten der Hysterie des Kalten Krieges keinen Abbruch.

Mao Zedong hatte gerade die Volksrepublik China gegründet, der sowjetische Diktator Stalin hatte seine erste Atombombe zünden lassen. In den USA fanden Politiker, die auch das eigene Land von hinterhältigen Kommunisten unterwandert sahen, großen Widerhall in den Medien.

McCarthy selbst war in der Rolle des antikommunistischen Kreuzritters nicht unbedingt ein Gesinnungstäter, sondern eher ein Opportunist, dem schnell klar wurde, dass er mit der Jagd auf vermeintliche Kommunisten bei den Journalisten hervorragend ankam. Der Stimmungspolitiker McCarthy hat allerdings nie verstanden, dass er trotz seiner Bekanntheit eine kleine Figur in einem größeren Spiel war.

Weg mit dem Rabauken!

Solange die Republikaner in der Opposition waren, konnten sie einen populistischen Rabauken wie ihn gut gebrauchen. Als aber Ende 1952 Dwight D. Eisenhower für die Republikaner zum Präsidenten gewählt worden war und seine Rolle als weitgehend überparteilich interpretierte, passte der polarisierende McCarthy nicht mehr ins Konzept seiner Partei.

Wie Hachmeister bei seinen Recherchen herausfand, beobachtete die CIA McCarthy dauerhaft. Die Agenten fürchteten, dass er, wie er es angekündigt hatte, kommunistische Umtriebe bei der CIA untersuchen und aufdecken wollte. Für die offiziell nur mit der Auslandsspionage betraute CIA stellte der Geheimdienstchef Allen Dulles einen seiner Assistenten zur Bespitzlung des lästigen Kommunistenjägers ab. Als McCarthy nicht nur die CIA als kommunistisch unterwandert angriff, sondern auch die U.S. Army, war die Geduld von Eisenhower am Ende; schließlich hatte der Präsident selbst als General die alliierten Truppen gegen Nazi-Deutschland unter anderem bei der D-Day-Invasion kommandiert.

Eisenhower und andere Parteifreunde sorgten dafür, dass McCarthy den Vorsitz des Government Operation Comitee abgeben musste. Die Journalisten, die ihn zunächst bei seiner Hexenjagd freudig unterstützt hatten, ließen ihn nun im Stich. Zweieinhalb Jahre später, im Mai 1957, starb Joe McCarthy an den Folgen seines exzessiven Alkoholkonsums.


"The Real American - Joseph McCarthy" läuft im Herbst in deutschen Kinos, später im ZDF

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1. Handlanger
Brand-Redner 17.04.2011
Zitat von sysopWurde er von Journalisten gestürzt - oder von seinen eigenen Parteigenossen? Das neue Doku-Drama "The Real American" untersucht, warum die Karriere des*berüchtigte Kommunistenjäger Joseph McCarthy so abrupt endete: Er hatte sich Feinde an der Spitze des Staates gemacht. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,755479,00.html
Selbst wenn das wahr ist, ändert es nichts daran, dass CIA & FBI jahrelang willfährige Diener McCarthys waren, als es galt, möglichst jeden, der nicht ins republikanische Raster passte, des Kommunismus oder anderer schlimmer Umtriebe zu bezichtigen. Sie wandten sich später von ihrem Aushängeschild nicht ab aus Überzeugung, sondern nur wegen dessen nachlassender Wirksamkeit. Kein Grund also, die Herrschaften nachträglich zu exkulpieren!
2. Zeit der Hexenjagt
Hubert Rudnick 17.04.2011
Zitat von sysopWurde er von Journalisten gestürzt - oder von seinen eigenen Parteigenossen? Das neue Doku-Drama "The Real American" untersucht, warum die Karriere des*berüchtigte Kommunistenjäger Joseph McCarthy so abrupt endete: Er hatte sich Feinde an der Spitze des Staates gemacht. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,755479,00.html
Es war nur eine Zeit der Hexenjagd, man hat bis heute diese widerliche Art der damaligen Politik nicht aufgearbeitet, es war die Zeit der Finsternis und nicht mehr. HR
3. Es waren bizarre Zeiten.
manometer 17.04.2011
Wer kein Redneck war, konnte nur Kommunist sein. Die Liste ist ebenso lang wie prominent. Vergleichbar mit den 'entarteten' Künstlern/Intellektuellen zuvor bei uns. Stellvertretend sei hier das Schicksal von Lion Feuchtwanger erwähnt. Erst vor den Nazis geflohen, dann von den Franzosen beinahe wieder Ausgeliefert (andere in derselben Situation begingen Selbstmord), endlich in den USA, um dann dort von McCarthy und seinen Schergen verfolgt zu werden. Bin gespannt, ob der Film ein ernstzunehmender Beitrag zur Aufarbeitung von Faschismus und Totalitarismus sein wird oder lediglich seine neuen, durchaus gegensätzlichen Formen als vorbildliche 'Lernerfahrung' transportiert.
4. Ein dunkles Kapitel
chagall1985 17.04.2011
Im land der Freiheit schaffte es ein Mann die gesamten Werte der Nation ad absurdum zu führen. Schuldig bei Verdacht! Die Liste der zerstörten Existenzen und Selbstmorde die McCarthy auf dem Gewissen hat sind ebenfalls nie aufgearbeitet worden. Und Kissingers Spruch ist bei diesen Dimensionen nicht auf den Punkt. Ich empfinde diese typisch amerikanische Vereinfachung fast als zynisch. McCarthy war ein rücksichtsloser Verbrecher. Ein Mann der Menschen für kurzfristige politische Erfolge zugrunde gerichtet hat.
5. Dunkles Kapitel
Hubert Rudnick 17.04.2011
Zitat von chagall1985Im land der Freiheit schaffte es ein Mann die gesamten Werte der Nation ad absurdum zu führen. Schuldig bei Verdacht! Die Liste der zerstörten Existenzen und Selbstmorde die McCarthy auf dem Gewissen hat sind ebenfalls nie aufgearbeitet worden. Und Kissingers Spruch ist bei diesen Dimensionen nicht auf den Punkt. Ich empfinde diese typisch amerikanische Vereinfachung fast als zynisch. McCarthy war ein rücksichtsloser Verbrecher. Ein Mann der Menschen für kurzfristige politische Erfolge zugrunde gerichtet hat.
Weil man weiß wie so etwas geschehen kann, deshalb sollte man in einer Demokratie besonders wachsam sein, denn das ist überall wiederholbar, es kommt immer nur auf gewisse Umstände und Kräfte an. Eine Demokratie ist ein leicht verbiegbares Pflänzchen, dass immer wieder von neuem geschützt werden muss, nicht der einzelne Politiker, oder Partei darf das Sagen haben und die Macht darf schon gar nicht so fest in den Händen einzelner liegen, es ist nur die Macht auf eine begrenzbare Zeit und die sollte auch einer ständigen Kontrolle unterstehen. Die dunkle Geschichte der USA wurde genau so wenig aufgearbeitet wie auch all die dunklen Seiten in anderen Demokratien, wir wollen uns einfach nicht damit auseinandersetzen, wir sind zu ferige, oder wollen gewisse Leute schützen, weil sie uns bei anderen Gelegenheiten dienlich waren und noch sind. Wer heute sich aufmacht und angeblich die Freiheit und Demokratie in anderen Ländern tragen will, der sollte sich immer zuerst fragen lassen, wie stehe ich wirklich zu einer Demokratie und was trage ich selbst in meinem Bereich dazu bei? HR
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