TV-Serie "Spin" im Vorab-Stream Die Schattenmänner der Politik

Der Präsident stirbt bei einem Attentat. Wer steckt dahinter? Wer wird sein Nachfolger? Die sechsteilige Polit-Serie "Spin" ist ein französischer Überraschungshit.

Von Saskia Ibrom

Sony Television

Manche glauben, dass sogenannte Spin-Doctors, zu Deutsch: Spindoktoren, die mächtigsten Menschen in der Politik seien. Ihre Aufgabe ist es, durch Medienkampagnen und Imagestrategien das öffentliche Bild des Klienten zu steuern, seiner Geschichte den richtigen Spin, also Dreh zu geben. Wie mächtig sind solche Männer und Frauen? Dem geht die französische TV-Serie "Spin" (im Original: "Les hommes d'ombre") nach.

Alles beginnt mit einem Knall: Der französische Präsident ist tot. Ein Attentäter hat sich mit ihm bei einem Arbeiterstreik in einer Fabrik in die Luft gesprengt. Statt mit Trauer ist man in Paris mit der Suche nach einem Nachfolger beschäftigt - das bringt Spindoktor Simon Kapita (Bruno Wolkowitch) zurück in die französische Politik. Sehr attraktiv und sehr clever, wollte er eigentlich in New York für die UNO arbeiten und seine professionellen wie amourösen Verwicklungen in der französischen Hauptstadt hinter sich lassen.

Kapita baut nun ausgerechnet die steife Anne Visage (Nathalie Baye) zur Kandidatin auf. Die Sozialministerin gehört keiner Partei an, war außerdem die langjährige Geliebte des verstorbenen Präsidenten - und ist eben eine Frau. In der männerdominierten Politik kümmern sich Frauen um soziale Themen und nicht um Staatsführung. Nicht mal Visage selbst traut sich zu Beginn zu, gegen einen Mann die Wahl gewinnen zu können.

Fast fünf Millionen Zuschauer pro Folge

Auf der gegnerischen Seite steht der eiskalte wie erfahrene Premierminister Philippe Deleuvre (Philippe Magnan), der sich selbst ins höchste Amt lügen will: Das Präsidenten-Attentat sei ein islamistisch motivierter Angriff gewesen, nicht die Tat eines verwirrten Einzeltäters. Dieser Spin soll helfen, das französische Volk für eine rigide Sicherheitspolitik und damit für Deleuvre zu begeistern.

Dem "Spin"-Serien-Team (Frédéric Tellier, Charline de Lepine und Emmanuel Dauce) um Golden-Globe-Gewinner Dan Franck gelang mit der Serie ein Highlight des europäischen Fernsehens, mit fast fünf Millionen Zuschauern pro Folge war das Drama ein Überraschungserfolg in Frankreich.

"Spin" startete im Januar 2012 auf dem öffentlich-rechtlichen Sender France 2, also ein gutes Jahr vor dem ultimativen Polit-Serien-Hit "House of Cards", ab September ist "Spin" auch in Deutschland beim Pay-TV-Sender Sony Entertainment Television zu sehen. Beide Formate spielen in den höchsten Sphären der nationalen Politik, in beiden Serien gehen die Protagonisten über Leichen - doch viel mehr haben sie nicht gemeinsam. Die Dialoge sind in "Spin" eher nebensächlich, die Serie lebt von ihrem Tempo und den zahlreichen Figuren.

Eiffelturm, Panthéon und Élysée-Palast

Um die Geschichte zu verstehen, muss man von französischer Politik nicht viel wissen, es reicht, den Unterschied zwischen dem Präsidenten und dem Premierminister zu kennen. Trotzdem verkommt das politische Geschäft nicht zur bloßen Staffage, man erahnt, wie viel Aufwand hinter einem Wahlkampf steckt: Von der großen Rede bis zum Wahlplakat muss jedes Detail sitzen. Dass im Rahmen einer Serie dann nicht mit stundenlangen Brainstormings und Verhandlungen gelangweilt wird - logisch.

Dafür trumpft "Spin" mit einer beeindruckenden Kulisse auf. Da ragt der Eiffelturm aus dem Hintergrund in die Szene hinein, da spinnt Premierminister Deleuvre seine Intrigen vom Amtssitz Hôtel Matignon aus, Kapita sitzt mit seiner Tochter auf den Stufen zum Panthéon, der nationalen Ruhmeshalle der Franzosen. Und natürlich sehen fast alle Charaktere sehr gut aus, tragen fantastische Anzüge und enge Röcke, was nicht einmal überzogen scheint in einem Land, dessen Première Dame einmal Carla Bruni hieß.

"Spin" nimmt das Französische in der französischen Politik ernst und schafft es so, trotz Über-Serien wie "House of Cards" sehenswert zu sein. Ob das Drama trotzdem zu speziell ist, um in Deutschland erfolgreich zu sein, wird sich zeigen. Der Sender scheint jedenfalls optimistisch zu sein, denn die zweite Staffel von "Spin" wird in Deutschland direkt im Anschluss an die erste zu sehen sein. Ob es Spindoktor Kapita bis dahin in den Élysée-Palast geschafft hat?

"Spin" läuft ab dem 4. September jeden Donnerstag um 21.10 Uhr auf Sony Entertainment Television (www.sonyentertainment.tv). Die erste Episode konnten Sie vorab bei SPIEGEL ONLINE sehen - leider ist unser Nutzungsrecht dafür nun aber abgelaufen.

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insgesamt 4 Beiträge
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lesezeichen68 01.09.2014
1.
Vielen Dank für den Tip! Ich bin durch die begeisterte Berichterstattung in der englischen Presse auf französische Serien aufmerksam geworden, und wenn es auch nur halb so gut ist wie das Wiederkehrer-Drama Les Revenants (The Returned), die Krimi-Serie Engrenages (Spiral) oder das 2. Weltkriegs-Drama Un Village Français, kann ja nicht viel schief gehen. Hört sich jedenfalls interessant an und ich habe auch schon den Spiral-Star Grégory Fitoussi auf den Fotos entdeckt. Synchronisiert geht allerdings gar nicht, es wäre schön wenn der Spiegel alternativ eine OMU-Version zur Verfügung gestellt hätte...
serenity2012 01.09.2014
2.
Uah, wenn Monsieur Fitoussi dabei ist, muss ich mir das doch glatt auch angucken. Beim FNAC gibt's die DVDs der Staffeln 1+2, dann werde ich mir die mal besorgen, denn synchronisationsverseuchtes Zeug schaue ich mir nicht an. Witzigerweise habe ich auch über die englische Presse (z.B. den Guardian) von den hochwertigen französischen Serien erfahren. Daneben wäre noch Braquo zu nennen, geht in Richtung Engrenages, aber noch härter. Schon interessant was die Franzosen hier mit "Les hommes d'ombre" schaffen, während das deutsche Fernsehen eine idiotische Schmonzette mit der Ferres als Kanzlerin raushaut.
Sinning 02.09.2014
3.
Nun, ich bin wirckich überrascht! Die erste Folge macht lust auf mehr! Und ja, liebe Mitkommentatoren - Die Synchro ist großer Mist! Ich spreche selber (leider, wie ich gerade bemerke) kein Französisch - allerdings hat Frankreich einen Sozialminister/in, nicht bloß einen Staatssekretär; in den ersten Minuten wird es einmal richtig gesagt, danach nur noch falsch! Erbärmlich das unser eigenes TV uns die Ferres als Kanzlerin in einer durchen Liebesschmonzette auftischt! Wir können vieles, nur leider kein anspruchsvolles TV.... Danke Spiegel Online, ohne euch wäre dieses Schmuckstück durch mein Raster gefallen, denn genau solchen Stoff bevorzuge ich, wenn ich mich mit bewegten Bildern einrieseln lassen will!
knilchschnitte 02.09.2014
4. Wow!
Klasse Anfang! Toller Plot, excellente Darsteller, dichter Handlungsstrang, Intrige, Spannung, alles dabei. Ein würdiger, europäischer Nachfolger für "Borgen". Nach "The West Wing" eine weitere Politserie mit Anspruch. Ich bin jetzt schon heiß auf den Fortgang. Einzig: wieso bekommt so eine Serie das deutsche Fernsehen nicht hin? Ein Nico Hoffmann müsste so etwas doch förmlich lieben! Stattdessen sendet SAT1 "Die Bundeskanzlerin" mit der unsäglichen Ferres als liebestolles Polit-Weibchen mit feuchtem Schlüpper.
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