SPIEGEL ONLINE: Mr. Sorkin, Sie wurden mit sechs Emmys für Ihre TV-Serie "The West Wing" und zuletzt einem Golden Globe und einem Oscar für Ihr Kinodrama "The Social Network" ausgezeichnet. Jetzt machen Sie mit "The Newsroom" erneut Fernsehen. Wofür schreiben Sie lieber?
Sorkin: Ich bin froh, dass ich nicht wählen muss. Wenn ich müsste, würde ich wohl das Fernsehen wählen - was aus dem Mund eines Oscar-Preisträgers vielleicht schräg klingt. Aber ich mag die Geschichten, die man im Fernsehen erzählen kann. Ich arbeite gern Woche für Woche mit denselben Leuten zusammen. Und mir gefällt, dass man länger als ein Wochenende das Publikum gefangen halten kann. Es gibt aber auch Nachteile. Wenn das Schreiben nicht gut läuft - und das ist meist der Fall - kann man beim Film den Produzenten anrufen und um Aufschub bitten. Beim Fernsehen geht das nicht. Ich muss ein Drehbuch, das ich für weniger als gut halte, auf den Tisch legen und aushalten, dass es gefilmt und gesendet wird.
SPIEGEL ONLINE: Die Boulevardisierung der Fernsehnachrichten war bereits vor 35 Jahren der Stoff von Sidney Lumets Oscar-gekröntem Film "Network". Jetzt thematisieren Sie das Problem in "The Newsroom" erneut. Warum?
Sorkin: "Network" und "The Newsroom" sind das Gegenteil voneinander. "Network" war ein tiefschwarzer, zynischer Blick auf das Fernsehen allgemein und die Nachrichten im Besonderen. "The Newsroom" ist eine romantische, idealistische, verwegene und extrem optimistische Komödie, die in einer Nachrichtenredaktion angesiedelt ist.
SPIEGEL ONLINE: Was fasziniert Sie an dem Umfeld?
Sorkin: Ich finde Live-Fernsehen sehr romantisch - diese Vorstellung, dass eine Arbeitsplatz-Familie auf 20 Uhr hinarbeitet, um ein Signal in die Nacht zu schicken, in all diese Wohnzimmer im Land. Das ist aufregend und old school, so fing Fernsehen mal an.
SPIEGEL ONLINE: Sie gehören zu den angesehensten Film- und Fernsehautoren Ihrer Generation. Wie darf man sich Ihren schöpferischen Prozess vorstellen?
SPIEGEL ONLINE: "The Newsroom" kommt wie ein großes amerikanisches Weltverbesserungsdrama daher. Ist das Ihr Anspruch?
Sorkin: Es ist ja ein bisschen irre, die Welt verändern zu wollen - Don Quixote war geistig sicher nicht gesund. Ich mag vielleicht auch irre sein, aber ich versuche nicht, die Welt zu verändern. Ich kenne einige Aktivisten und kann Ihnen versichern: Ich bin keiner. Mir fällt ja schon schwer, einen Spendenscheck auszustellen. Ich bin Entertainer, und die Serie ist einfach ein großer Spaß. Wir verlangen von niemandem, sein Gemüse zu essen, es gibt kein Examen am Ende, es ist kein Aufruf für oder gegen etwas.
SPIEGEL ONLINE: Wirklich nicht?
Sorkin: Die Serie ist im Grunde mein Liebesbrief an den Journalistenberuf. Wir haben ein Screening für ein paar hundert Nachrichtenjournalisten in New York veranstaltet. Die Leute sind sehr emotional geworden, weil sie sich auf der Leinwand auch als Helden einer Geschichte sahen.
Sorkin: Ich habe kein Problem mit Meinungen. Ich habe ein Problem mit Lügen.
SPIEGEL ONLINE: Sie bezeichnen sich als Entertainer. Aber es geht in der Serie um so Gewichtiges wie den Fortbestand der US-Demokratie.
Sorkin: Auch die Dialoge darüber unterhalten mich sehr. Entertainment schließt ernste Themen nicht aus. Wenn Sie mir den Vergleich vergeben wollen - "Richard III." und "Hamlet" sind als Bauernunterhaltung verfasst worden. Die Leute kamen mit ihrem Essen ins Theater, und sie liebten die Schwertkämpfe ebenso sehr wie die Dialoge. Ist an "Hamlet" irgendwas flauschig? Da geht's um Leben und Tod, um Sein oder Nichtsein! Richard III. köpft Kinder! Trotzdem ist das unglaublich unterhaltend!
SPIEGEL ONLINE: Also ist "Newsroom" doch ein leidenschaftliches Plädoyer?
Sorkin: Nein. Ich schreibe über Leute, die leidenschaftliche Plädoyers halten. Ich wollte mit meinem "Moneyball"-Drehbuch nicht den Baseballsport verändern, ich habe über einen Mann geschrieben, der den Baseballsport verändern wollte.
SPIEGEL ONLINE: Ist Ihnen Realismus wichtig?
Sorkin: Nein. Vergeben Sie mir erneut diesen Vergleich mit den Göttern der Sprache: Shakespeares Figuren sprechen in jambischen Pentametern, Molières Figuren reimen. Es gibt Menschen, deren Kunst darin besteht, den Klang eines echten Gesprächs zu imitieren. Wenn ich das versuchte, wäre es entweder schlecht oder langweilig. Niemand geht ins Kino oder guckt Fernsehen, um authentische Unterhaltungen zu verfolgen. Sondern um Sätze zu hören wie "you're gonna need a bigger boat" oder "you can't handle the truth" (das erste Zitat stammt aus Steven Spielbergs "Der weiße Hai", das zweite aus Sorkins "Eine Frage der Ehre" - Anm. d. R.). Es ist wie der Unterschied zwischen einem Foto und einem Gemälde. Ich schaffe Gemälde.
Sorkin: Ja. In einer Szene in "The Newsroom" will sich unser Hauptdarsteller Jeff Daniels auf eine andere Figur stürzen, wird aber von zwei Mitarbeitern zurückgehalten. Mir kam die Idee dazu mitten in der Nacht. Normalerweise schicke ich mir in so einem Fall kurz selbst eine E-Mail - für den nächsten Morgen. Aber hier wurden aus zwei Zeilen vier und daraus acht. Plötzlich springe ich vom Stuhl auf und spiele die Szene nach, gehe durch mein Büro, erreiche das Badezimmer und stürze mich - wie Jeff in der Serie - in Gedanken auf diese andere Figur. Aber im Gegensatz zu Jeff hält mich natürlich niemand fest - und ich lande im Spiegel. Ich glaube, ich bin der erste Mensch in der Geschichte, der sich beim Schreiben die Nase gebrochen hat.
SPIEGEL ONLINE: Das US-Fernsehen erlebt gerade eine Glanzzeit, in Hollywood scheint es dagegen immer schwieriger zu werden, anspruchsvolle Filme zu machen. Stimmt die Einschätzung?
Sorkin: Ja, es ist sehr schwer, erwachsene Filme zu machen. Noch schwieriger ist es, wenn sie keinen Star haben - wie bei "The Social Network". Aber ich habe das Glück gehabt, mit Studiobossen zusammenzuarbeiten, die auf gewisse Art stolz darauf sind, abends zu Frau und Kindern heimzugehen und zu sagen: Ich habe heute den "Descendants" grünes Licht gegeben oder "Hurt Locker", auch wenn ich außerdem "Dude Where's My Car 2" mache. Ich freue mich, wenn ein erwachsener Film Erfolg hat - weil ich so was gern sehe, und weil es bedeutet, dass weitere erwachsene Filme gemacht werden.
SPIEGEL ONLINE: Sie arbeiten jetzt an einem Drehbuch über das Leben von Steve Jobs. Können Sie uns mehr dazu sagen?
Sorkin: Nein, da stehe ich leider noch ganz am Anfang.
Das Interview führte Nina Rehfeld
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