Neue "Star Trek"-Serie "Discovery" Eine Frau namens Michael

Zwei neue Raumschiffe, zwei Frauen als Hauptfiguren. "Star Trek: Discovery" revolutioniert die legendäre Serie. Wir waren am Set.

Netflix/ CBS

Von Nina Rehfeld


"Folgen Sie mir!", sagt Ted Sullivan, Autor und Koproduzent der neuen Star-Trek-Serie, und verschwindet im Raumschiff. Wir lassen links ein paar Luftschleusen liegen, biegen nach rechts ab und durchschreiten nach 20 Metern die Rotunde, die den Kreuzungspunkt zweier Korridore markiert. Etwas weiter stehen zwei kleine Monitore und eine Reihe von Stühlen. "Nehmen Sie Platz", flüstert Sullivan nun. Wir sitzen an Bord der "USS Discovery" und schauen zu, wie eine Szene auf der Brücke gedreht wird.

Die "USS Discovery", besser: ihre Attrappe, steht auf der größten Soundstage Nordamerikas in den Pinewood Studios von Toronto. Hier auf Bühne vier wird mit "Star Trek: Discovery" ein neuer Zyklus der bahnbrechenden Serie gedreht, mit der Gene Roddenberry 1966 den amerikanischen Pioniergeist als Science-Fiction-Utopie verhandelte - und die seither zahlreiche Kinofilme, Serien-Spin-offs, Videospiele und eine blühende Fan-Kultur hervorgebracht hat.

Mit verschränkten Armen steht Sonequa Martin-Green ("The Walking Dead") auf dem Set, in der neu entworfenen, blauen Uniform mit Silberbesatz, die ein bisschen wie der Disco-Ära entliehen wirkt. Martin-Green spielt Michael Burnham, eine Offizierin der Sternenflotte, die unter Vulkaniern aufwuchs, dem Volk Spocks. "Sie ist eine hoch disziplinierte Frau, der einzige Mensch, der die Wissenschaftsakademie der Vulkanier besucht und mit Bravour abgeschlossen hat", sagt Martin-Green.

Ihre Figur heißt Michael, weil der Serienschöpfer Bryan Fuller ("Hannibal") seinen weiblichen Hauptfiguren gern männliche Vornamen gibt. Fuller, ein eingefleischter Trekkie, entwarf die Serie als Prequel und mit zwei weiblichen, nichtweißen Hauptfiguren - eine schöne Verlängerung von Roddenberrys radikalem Egalitarismus. Die Geschichte wird aus Burnhams Perspektive erzählt.

Sonequa Martin-Green schaut noch einmal ins Drehbuch, während der Regisseur Christopher Byrne mit dem Kameramann die Einstellung abspricht. Sie blickt in eine Scheibe, in die ein Diagramm der "Sarcophagus" projiziert ist - ein Klingonenschiff. "Fertig - und Kamera! Und Action!" ruft Byrne, und Martin-Green konzentriert den Blick. "Ich hätte nicht gedacht, dass ich noch einmal dorthin gehen würde", sagt sie - eine mysteriöse Aussage angesichts der Tatsache, dass man sich mit den Klingonen in einem Krieg befindet, an dem Burnham nicht ganz unschuldig ist.

"Eine Welt, in der es nicht um Geschlecht, sondern Kompetenz geht"

In dieser Szene steht sie zwar an Bord der "Discovery" - aber eigentlich gehört sie zur Crew der "Shenzhou". Die wird von Käpt'n Philippa Georgiou (Michelle Yeoh) kommandiert. "Dass es hier zwei Schiffe gibt, ist Teil des Mysteriums", sagt Michelle Yeoh. "Georgiou ist Burnhams Mentorin in einer Welt, in der es nicht um Geschlecht, sondern Kompetenz geht."

Michelle Yeoh in "Star Trek: Discovery"
Netflix/ CBS

Michelle Yeoh in "Star Trek: Discovery"

Yeoh wurde mit Rollen in dem Bond-Film "Tomorrow Never Dies" und mit "Crouching Tiger, Hidden Dragon" einem internationalen Publikum bekannt - auch für ihre Kung-Fu-Kenntnisse. "Der Kraft von Frauen scheint im asiatischen Film viel stärker Rechnung getragen zu werden. Vielleicht muss der Westen da was nachholen", sagt Yeoh.

Wem übrigens Martin-Green und Yeoh zuviel Weiblichkeit an der Spitze einer "Star Trek"-Serie sind (ohne Witz: in US-Internetforen maulten User nicht nur über die weibliche Top-Besetzung, sondern auch über die Unterrepräsentierung von Weißen), der findet in Jason Isaacs ("Harry Potter") ein extra-maskulines Gegengewicht. Isaacs spielt Käpt'n Gabriel Lorca, Kommandant der "Discovery". Er beschreibt seine Figur als "komplizierten Mann - ein großer militärischer Führer, aber nicht unbedingt ein großer Menschenfreund".

Auch Lorcas Verhältnis zu Michael Burnham ist ziemlich vielschichtig, sagt Isaacs - mehr sagt er nicht. Zur Rollenverteilung immerhin - und der Tatsache, dass mit Lieutenant Stamets (Anthony Rapp) der erste offen schwule "Star Trek"-Charakter auftaucht - verrät der Engländer: "In der wahren Welt mag Toleranz unter Beschuss sein, aber wir blicken hier in die Zukunft. Wir sind der Vision von Roddenberry verpflichtet, in der Vorurteile in Bezug auf Geschlecht, sexuelle Orientierung, Hautfarbe und sogar Spezies gestrig sind."

Fotostrecke

7  Bilder
"Star Trek: Discovery": Ein neuer Stern fürs All

Dabei ist der vielleicht interessanteste Kniff von "Star Trek: Discovery", dass der Blick hier genaugenommen nicht voraus, sondern zurück gerichtet ist. Die Serie spielt in den Fünfzigerjahren des 23. Jahrhunderts, also eine Dekade vor der Originalserie, die 2264 ansetzte. Es herrscht Krieg mit den Klingonen, aber viel mehr ist hier niemandem zu entlocken. Höchstens noch, dass der nichtmenschliche Wissenschaftsoffizier, Lieutenant Saru (Doug Jones), ein bocksbeiniger Kelpianer ist. Er kann Gefahren wittern, und anders als Spock oder Data ist er überaus emotional. "Er ist wie eine Siebtklässlerin - er kann Dinge spüren!", sagt Jones.

Ansonsten lässt sich so viel sagen: Bryan Fullers Vision einer Erneuerung von "Star Trek" zu einer Anthologie im Stil von "American Horror Story" kollidierte mit den konservativeren Kräften von CBS, das vor allem für konventionelle Unterhaltung steht. Im Oktober verließ Fuller das Projekt - aber sein Einfluss blieb in der Besetzung der Hauptfiguren, in der Blaupause der Geschichte, in den Drehbüchern zu den ersten beiden Episoden.

An Bord des Klingonen-Raumschiffes "Sargophagus"
Netflix/ CBS

An Bord des Klingonen-Raumschiffes "Sargophagus"

In einer Drehpause folgen wir Sullivan über das Gelände zur Tür einer weiteren gigantischen Halle: Hier ist die "Shenzhou" aufgebaut - ein Schiff, das seine Brücke an der Unterseite trägt. "Wahnsinn!", flüstert ein amerikanischer Kollege ergriffen. CBS hat beim Bühnenbau offensichtlich wenig Mühen gescheut. "Ja", nickt Sullivan, der sich selbst als Hardcore-Trekkie bezeichnet, "'Game of Thrones' hat neue Maßstäbe geschaffen. Man kann nicht einfach mehr ein paar Stühle verrücken und so tun, als wäre man auf einer anderen Brücke."

Die Brücke der "Shenzhou" wirkt dunkler und enger als die der "Discovery", und die Steuerpaneele im Transporterraum mit den sechs Pods (die "Discovery" hat acht) strotzen vor analogen Knöpfen und Schaltern - ziemlich altmodisch, aber wir befinden uns schließlich in der Vergangenheit der Originalserie.

"In dieser Staffel herrscht Krieg"

In anderer Hinsicht hat die Gegenwart Spuren hinterlassen - zum Beispiel in Bezug auf die Erzählstrukturen. Bei "Star Trek" wird es manche zentrale Figur nicht bis zum Ende der zunächst fünfzehnteiligen Serie schaffen, wie Sullivan in Aussicht stellt. Zudem wird eine eherne Regel gekippt, derzufolge Konflikte innerhalb der Crew tabu waren. "Viele Autoren waren von dieser Regel frustriert", sagt Sullivan, "aber Drama lebt im Konflikt, und wir werden hier durchaus Auseinandersetzungen sehen."

Die größte und womöglich handlungsbestimmende Erzählung ist in "Star Trek: Discovery" der Krieg mit den Klingonen. "Aber die sind hier mehr als bartzwirbelnde Bösewichter", sagt Ted Sullivan, als er auf die Brücke der "Sarcophagus" führt - ein reich verzierter Saal voller Ornamente im Jugendstil, erleuchtet von (elektrischen) Fackeln.

"Dies ist eine fliegende Kathedrale", erklärt Sullivan. Die "Sarcophagus" ist ein 300 Jahre alter Raumkreuzer, dreimal größer als die Schiffe der Föderation - und mit Särgen verziert. Aber auch hier gibt es nur vage Antworten auf bohrende Nachfragen. "In dieser Staffel herrscht Krieg", sagt Sullivan, "aber es geht um Koexistenz. Wir möchten aufzeigen, wo wir als Spezies sind, und wohin wir gelangen könnten. Denn im Herzen ist 'Star Trek' ja eine Serie über Hoffnung."


"Star Trek: Discovery". Ab 25. September, jeweils Montags, bei Netflix.



insgesamt 58 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
schweizerbesserwisser 16.09.2017
1. Besten Dank an SPON
Freue mich schon sehr auf den Nachschub, wurde aber auch langsam Zeit! Gruss aus Zürich
tullrich 16.09.2017
2.
Eine Frau Namens Michael? Und das als Titel? Da ist wohl jemand noch seeeehr sehr jung - und kennt die Waltons nicht. Die Darstellerin der Mama Walton hieß ebenfalls Michael...
grbxx 16.09.2017
3. Fehler
Die erste homosexuelle Figur im Star Trek Universum ist im letzten Star Trek Film zu finden. Janeway war eine ziemlich starke Frau auf der Voyager (auch nicht neu). Die Gleichberechtigung oder nicht-Diskrementierung wird hier als radikaler Egalitarismus beschrieben, das ist falsch. Es gibt Hierarchien in Star Trek Admiral, Captain, Commander, etc. Außer sie verstehen unter Egalität gleiche Rechte, und nicht alle sind gleich, ein wichtiger semantischer Unterschied. Das eine ist Individualismus auf Basis gleicher Rechte, dass andere ist Entrechtung des Individuums zu Gunsten des Kollektivs. Star Trek steht eindeutig für die erste Variante, ist also nicht kollektivistisch...
Phil2302 16.09.2017
4. Freue mich darauf
Schaue gerade noch einmal TNG! Finde es aber schade, dass der Artikel nicht dem Credo aus Star Trek folgt: ""Georgiou ist Burnhams Mentorin in einer Welt, in der es nicht um Geschlecht, sondern Kompetenz geht." Im Artikel scheint ja die Herkunft und das Geschlecht der Hauptfiguren das Wichtigste zu sein. Unnötig! Außerdem gab es in Voyager bereits eine Frau als Kapitän, so neu ist es also nicht.
fabsel123 16.09.2017
5.
Was bei Star Trek immer ganz schön war man hatte kein Soap-Drama. Wenn ich jetzt schon lese das da interne Konflikte vorkommen sollen kann ich mir auch gleich Grey Anatomy anschauen. Und in Stark Trek hat man sonst kein gewese gemacht ging es um Frau Mann Rollen. Nur jetzt auf einmal vielleicht liegt es daran das man so einen Fokus auf die korrekten Geschlechter und Sexualität liegt? So als ginge es in Star Trek nur darum...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.