50 Jahre "Star Trek" Früher war die Zukunft besser

Vor 50 Jahren flog zum ersten Mal das Raumschiff Enterprise über die Bildschirme. "Star Trek" war die letzte große Science-Fiction-Vision, die positiv in die Zukunft blickte. Warum eigentlich?


Der britische Schauspieler Stephen Fry, der in seiner Uni-Abschlussarbeit die Dreiecksbeziehung von Captain Kirk, Mr. Spock und "Pille" McCoy untersuchte - ein ausgewiesener Experte also - sagte einmal: "Das Meiste der menschlichen Geschichte und Kunst lässt sich in Star-Trek-Plots erklären."

Ein großer Gedanke, den sich wohl noch niemand träumen ließ, als vor 50 Jahren, am 8. September 1966 um 20.30 Uhr (oder anders ausgedrückt:zu Sternzeit 20153.6) die erste Folge von " Star Trek" in den USA auf NBC lief. Die Crew des Raumschiffs "Enterprise" trifft darin auf einen Formwandler, den letzten Überlebenden einer ganzen Spezies.

Tatsächlich hatte Erfinder Gene Roddenberry anfangs Probleme, "Star Trek" bei einem Studio unterzubringen. Damals spielte er die Science-Fiction-Elemente seiner Idee herunter und verkaufte sie als eine Art Western im All, als ein "Wagon Train to the Stars", ein Planwagen-Treck zu den Sternen.

Das war revolutionär

Als er seine Idee dann aber realisieren durfte, ließ er sich nicht davon abbringen, seine Visionen in der Serie unterzubringen - Visionen, die klar inspiriert waren von den großen Umbrüchen und Ideen der Sechzigerjahre, etwa von der Bürgerrechts- und Frauenbewegung: Roddenberry bestand auf eine ethnisch diverse Besatzung. Die Brückencrew setzte sich zusammen aus Mr. Spock vom Planeten Vulkan, Pavel Chekov aus Russland, Nyota Uhura aus den "Vereinigten Staaten von Afrika", Hikaru Sulu, ein Amerikaner mit japanischen Wurzeln, und Captain James T. Kirk aus Iowa.

Das war revolutionär. Ausgerechnet Sulu war Steuermann der "Enterprise"; damals war es ein gängiges Klischee, dass Asiaten besonders schlechte Fahrer seien - hier saß einer am Lenkrad eines Raumschiffs. Und mit Uhura arbeitete eine schwarze Frau in der Kommandozentrale, gleichgestellt mit den anderen. Auch das hatte man noch nie zuvor im Fernsehen gesehen.

Gerade George Takei (Sulu) und Nichelle Nichols (Uhura) kämpften immer wieder hinter den Kulissen für ihre Rollen, ließen sie nicht kleinschreiben - und Roddenberry war auf ihrer Seite. Nichols klagte ihn einmal scherzhaft an, er schreibe doch nur Moralgeschichten. Roddenberry antwortete: "Shhh! Du weißt das, ich weiß das, die Vorzimmerdame weiß das. Nur das Studio hat keine Ahnung."

Technik, die die Fantasie von Ingenieuren beflügelte

Aus heutiger Sicht lesen sich manche seiner Lektionen tatsächlich ziemlich plakativ-moralisch. Zum Beispiel, wenn die Enterprise auf Aliens trifft, deren Haut zur Hälfte schwarz und zur Hälfte weiß ist und mit Rassismus zu kämpfen hat. Aber damals war die Gesellschaft noch eine andere, engere als heute. Am berühmtesten ist die Szene, in der Kirk und Uhura sich küssen. Der erste "interracial kiss" im Fernsehen wurde nicht im ganzen Land gefeiert - in einem Radiointerview erzählte Takei, dass die Folge gerade in den südlichen Staaten der USA für Ärger sorgte und verboten wurde.

Natürlich war auch bei "Star Trek" nicht alles perfekt. Gerade Frauen mussten immer viel Haut zeigen, um in der Serie relevant zu sein. Ursprünglich hatte Roddenberry eine Frau für die Position des ersten Offiziers vorgesehen. Aber das Studio intervenierte. Die Schauspielerin bekam dennoch eine Rolle - als Krankenschwester auf der "Enterprise".

Dennoch war "Star Trek" eine Inspiration. Die Technik auf der Enterprise beflügelte die Fantasie von Ingenieuren und Computernerds. Menschen, die nie geglaubt hatten, sie wären dazu in der Lage, flogen ins All - auch wegen Nichelle Nichols.

Technologisch schlug sich die Zukunftsorientierung von Star Trek ganz konkret nieder - Technik, Wissenschaft und der Umgang mit ihnen waren stets ein Kernelement der Utopie von Roddenberry: Zehn Jahre, nachdem man Captain Kirk dabei zusehen konnte, wie er in ein kleines, aufklappbares Kommunikationsgerät sprach, wenn Scotty ihn hochbeamen sollte, erfand Martin Cooper das Mobiltelefon - und nannte "Star Trek" seine wichtigste Inspiration. Und als 1996 Motorola das erste Klapptelefon auf den Markt brachte, nannten sie es einfach "StarTAC".

Die nächste Generation mobiler Geräte brachte dann tatsächlich "The Next Generation" - so der Titel der zweiten Enterprise-Serie. Sie wurde 18 Jahre nach dem Original ausgestrahlt, spielt inhaltlich aber 100 Jahre in der Zukunft. Wer sich eine Folge aus dem Jahre 1987 anguckt, entdeckt das iPad, den Laptop, sieht Menschen Videokonferenzen abhalten und Touchscreens bedienen. Science Fiction funktionierte hier im positivsten Sinne als selbsterfüllende Prophezeiung.

Heute hingegen erzählen Kino und Fernsehen kaum noch Geschichten, die optimistisch vorausblicken: Das zeigen Filme wie "Elysium", "After Earth" oder die "Matrix"-Trilogie. Die aktuellere britische Serie "Black Mirror" denkt sich sogar für jede Folge eine neue, dunkle Version der Zukunft aus. Und selbst den neuen "Star-Trek"-Filmen ist der Optimismus abhandengekommen; was die angekündigte neue Serie bringt, die 2017 starten soll, bleibt abzuwarten.

Es ist paradox: Die technischen Fantasien aus "Star Trek" sind teilweise wahr geworden - die positiven Zukunftsvisionen aber sind verlorengegangen, obwohl gerade in Zeiten, in denen Menschen Angst davor haben, dass Smartphones Gehirne kaputt machen und Roboter Arbeitsplätze stehlen, optimistische Science Fiction durchaus hilfreich sein könnte. Nicht nur, um die bereits seit den Energie-, Finanz- und Jobkrisen der Siebziger- und Achtzigerjahre dauerhaft pessimistische Stimmung ein bisschen aufzubessern, sondern auch, um Konzepte und Anleitungen zu schaffen, wie wir mit dem rapiden technologischen Fortschritt der vergangenen Jahre umgehen sollen. Wenn man über das Smartphone immer nur spricht wie über einen Feind, dann bleibt es auch ein Feind.

Menschlichkeit vor Technik

Vielleicht sind wir auch deshalb so negativ, weil Innovation nicht mehr der Fantasie kreativer Nerds entstammt, sondern von Großunternehmen? Wenn Googles CEO Larry Page behauptet, das nächste große Ding sei der Computerchip im Kopf, dann kauft man ihm nicht ab, dass er das Wohl der Menschheit im Sinn hat. Technischer Fortschritt hat immer einen Preis - und nicht nur den, den Apple und Co. für die Ladentheke festlegen. Aber Roddenberrys Vision lehrt einen, dass wir selbst bestimmen, wie unsere Geräte unser Leben beeinflussen: Technologie ist nicht per se böse oder gut.

Auf der "Enterprise" befreit die Technik den Menschen und versklavt ihn nicht. Replikatoren erschaffen Nahrung aus purer Energie, medizinische Scanner finden und beseitigen jede Krankheit, Geld ist schon lange abgeschafft. "Kluge Science Fiction hilft uns bei der Überlegung, wo der Sinn des Lebens liegen könnte, wenn der Mensch durch seine Erfindungen große Macht hat", schrieb der Friedenspreisträger Jaron Lanier in seinem Buch "Wem gehört die Zukunft" über "Star Trek".

Die Serie selbst fand bei dieser Überlegung stets zu einer Haltung, bei der letztlich trotz aller Technikbegeisterung immer die Frage nach menschlichem Handeln stand. Denn die Technik wird im wahrsten Sinne des Wortes zweitrangig, wenn sich die Crew fragen muss, ob der Android Data, der eigentlich nur eine Maschine ist, mit seiner künstlichen Intelligenz nicht doch eine neue Art von Leben darstellt. Die verschiedenen Ethnien und Kulturen auf der Enterprise haben, obwohl ein Computer ihre Sprachen übersetzt, immer wieder Probleme, sich wirklich zu verstehen. Von "Star Trek" kann man so auch lernen, wie man in einer durch und durch technisierten Welt lebt, ohne seine Menschlichkeit zu verlieren.

Nichelle Nichols traf einmal auf einer Benefizveranstaltung - die erste Staffel "Star Trek" war gerade im Fernsehen gelaufen - einen berühmten "Star Trek"-Fan: Martin Luther King. Die beiden unterhielten sich, und als Nichols King eröffnete, dass sie aus der Serie aussteigen wolle, wurde King, so will es die Legende, sehr ernst und sagte: "Das können Sie nicht tun. Verstehen Sie nicht? Sie ändern, wie Leute denken. Zum ersten Mal, durch Sie, sehen wir uns selbst - und das, was möglich ist."



insgesamt 93 Beiträge
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Seite 1
sraab 08.09.2016
1. In der Tat
ist StarTrek DIE positive SF-Serie. Genau aus den im Artikel herausgearbeiteten Gründen, ist StarTrek so eng auch mit den Computerfreaks verbunden. Ich kenne kaum einen (guten) IT-ler, der StarTrek nicht auch gut findet. Es finden sich in der IT-Welt haufenweise Bezüge auf StarTrek. ncht unbedingt im großen, aber in vielen kleinen Dingen. Technik ist nicht per se gut oder böse. Übrigens sei hier das andere "Referenzwerk" der IT-ler nicht unerwähnt: Douglas Adams "Per Anhalter durch die Galaxis"...
zerr-spiegel 08.09.2016
2.
Zitat von sraabist StarTrek DIE positive SF-Serie. Genau aus den im Artikel herausgearbeiteten Gründen, ist StarTrek so eng auch mit den Computerfreaks verbunden. Ich kenne kaum einen (guten) IT-ler, der StarTrek nicht auch gut findet. Es finden sich in der IT-Welt haufenweise Bezüge auf StarTrek. ncht unbedingt im großen, aber in vielen kleinen Dingen. Technik ist nicht per se gut oder böse. Übrigens sei hier das andere "Referenzwerk" der IT-ler nicht unerwähnt: Douglas Adams "Per Anhalter durch die Galaxis"...
Nicht zu vergessen, dass es auch umgekehrt geht. Die Szene, in der Scotty vor einem Mac sitzt und die Maus als Mikrofon benutzen möchte, ist wohl unvergessen.
egoneiermann 08.09.2016
3.
Da mit dem Positiven mag für das Fernsehen stimmen, aber im Kino gab es in den 60ern hauptsächlich SF, die sich eher kritisch mit der Zukunft auseinander setzten. Auch in den Romanen ging es eher darum, wie das Individuum in einer immer technisch werdenden Gesellschaft überhaupt die eigenen Identität bewaren oder gar noch erkennen kann. Viele dieser Themen wurden dann im Kino der letzten Jahre verarbeitet, beispielsweise auch in Matrix. Nicht einmal der Klassiker des Jahrzehnts 2001 war durchgehend positiv, auch hier musste der Mensch gegen die Technik kämpfen. Erst mit Star Wars kam dann wieder das naive "die Guten gewinnen immer" aus den Westen ins Kino.
fatherted98 08.09.2016
4. Tja...
...damals galten auch noch alte Werte...wie Gut gegen Böse...die Realität heute ist leider, dass alle nur noch Böse sind...und der stärkere gewinnt.
giorgio05 08.09.2016
5. Überschrift
Der Titel des interessanten Artikels stammt wohl ursprünglich von Karl Valentin, einem Visionär aus Vor-StarTrek-Zeiten, und lautet: "Früher war alles besser, sogar die Zukunft!"
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