ARD-Film "Der Prediger" Ein Mörder will auf die Kanzel

Darf ein Mörder die Gebote Gottes verkünden? Der ARD-Fernsehfilm "Der Prediger" glänzt mit exzellent gespielten Figuren. Einem Knasti, der nach seiner Haft Pfarrer werden will. Und einem Geistlichen, der wegen dieses Wunsches und einer jungen Prostituierten an seinem Glauben zweifelt.

Von

BR

Wenn sich nachts langsam seine Zellentür öffnet, fängt Jan-Josef Geissler leise an zu beten - das Glaubensbekenntnis. Er presst die Worte zwischen den Zähnen hervor, während seine Mithäftlinge auf ihn einprügeln, bemüht sich, nicht ohnmächtig zu werden - und betet weiter bis zur Stelle, die beschreibt, wie Jesus dereinst die Schuld der Sünder aburteilen wird: "Er sitzt zur Rechten Gottes, des Allmächtigen, von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten."

Schuld, Verurteilung, Buße und die Hoffnung auf Vergebung - große, abstrakte, latent düstere Themen sind das, die "Der Prediger", eine Produktion des Bayerischen Rundfunks, diskutieren will. Die zentrale Frage des Films: Ist Vergebung, ein wirklicher Neuanfang möglich, wenn ein Verbrechen geschehen ist, das nicht wiedergutzumachen ist?

Rasch kann ein solches Thema zum staubigen Moraltheologieseminar werden, bei dem der Mund schon nach fünf Minuten austrocknet. Doch so abstrakt sein Grundthema, so lebendig, greifbar und fesselnd gelingt dem Film die Umsetzung - dank klischeefreier, wunderbar entkernter Dialoge und fantastisch besetzter, unsentimental gefertigter Figuren.

Ab zu den Erzfrommen

Ralf Remberg (Devid Striesow) ist Referent des Bischofs und wird ins Feld geschickt, um für seinen Dienstherrn eine knifflige Grundsatzfrage zu knacken: Darf ein inhaftierter Mörder Theologie studieren, mit dem festen Ziel, danach als Geistlicher eine Gemeinde zu umsorgen? Genau das ist nämlich der Plan von Jan-Josef Geissler (Lars Eidinger), der einsitzt, weil er vor Jahren seine Freundin getötet haben soll. In der Haft will er zu Gott gefunden haben, kümmert sich laien-seelsorgerisch um Mithäftlinge und will nun also tatsächlich Geistlicher werden. Und nach seiner Entlassung als Priester arbeiten.

Meint er das ernst? Oder ist die pressewirksam gestreute Erleuchtung nur ein Trick seines gerissenen Anwalts, der die Wiederaufnahme des Verfahrens begünstigen soll? Und wie soll sich der Bischof zu alldem verhalten, wenn seine Kirche einerseits die frohe Botschaft von der Vergebung aller Sünden verkündet - doch seine Gläubigen nebst Öffentlichkeit Sturm laufen würden, stellte er ihnen einen mutmaßlichen Mörder auf die Kanzel?

Viele Fragen, die Referent Remberg beantworten soll. Mit nervösen Fleckwangen reist er zu Geisslers Gefängnis, lässt sich vom patenten Knastpfarrer bei einer erzfrommen Familie einquartieren - und findet in seinen Gesprächen statt verbindlicher Antworten nur immer neue Fragen: Was ist wahr? Was ist gerecht? Wer bestimmt, was man glauben soll? Wo stößt erhoffte göttliche Vergebung an menschliche Grenzen?

Die junge Frau ist eine Hure, klar

Die Geschichte für seinen Film fand Ernst Ludwig Ganzert, einer der beiden Produzenten, in der Tageszeitung, wo er von einem ähnlichen Fall las: Ein Mann, der in einer kleinen evangelischen Gemeinde als Seelsorger arbeitet und der in einem früheren Leben einen Menschen getötet hat. Ihn habe vor allem die Dimension der Vergebung fasziniert, zu der die Kirche in diesem Fall fähig war, sagt Ganzert - einen Menschen, der sich in diesem Maße schuldig gemacht hatte, nicht nur wieder in die Gemeinschaft aufzunehmen, sondern ihm auch andere Menschen anzuvertrauen.

Zusammen mit seinem Co-Produzenten, dem Theologen Thorsten Neumann, hat er den Priester besucht, und das spürt man vor allem in den dichten Dialogen, die Remberg und Geissler in der kargen Gefängniskapelle führen. Autor und Regisseur Thomas Berger hat sie nicht als Verhöre inszeniert, sondern als Austausch, bei dem stets mehr Fragen nachdrängen als beantwortet werden. "Der Prediger" gibt nicht vor, die Musterlösung streberhaft in der Tasche zu haben, nimmt nicht Partei - das fordert beim Zusehen.

Denn nicht nur mutmaßliche Mörder müssen sich mit Buße- und Vergebungsfragen herumschlagen, auch Referent Remberg gerät während seiner Untersuchung, den Gesprächen mit den Eltern des Opfers, dem Vater des Täters immer tiefer in grundsätzliche Zweifel an seinem eigenen Glauben, seiner eigenen Bereitschaft, einen Neuanfang zu wagen. Vor allem die Tochter seines vorübergehenden Obdachgebers rüttelt an seinem eingerosteten Leben, als sie sich offen für ihn interessiert, aber - ganz Maria Magdalena - in der großen Stadt als Prostitutierte arbeitet. Doch nicht einmal auf diesem gefährlichen Erzählterrain strauchelt "Der Prediger". Mit Theaterpräzision halten vor allem die beiden Hauptdarsteller die Spannung, arbeiten mit feinen, reduzierten Instrumenten - und der Zuschauer erfährt tatsächlich zum Schluss, ob Jan-Josef Geissler wirklich schuldig ist.


"Der Prediger", ARD, Mittwoch, 5.2., 20:15 Uhr

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insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
kiefernwald 05.02.2014
1.
Deutsche Produktionen taugen in der Regel nur, wenn Matti Geschonneck seine Finger im Spiel hatte oder Axel Milberg mitspielt. Liefers und Striesow haben durch ihre Tatort-Rollen einen faden (Klamauk-) Beigeschmack.
Ratunde 05.02.2014
2.
Zitat von kiefernwaldDeutsche Produktionen taugen in der Regel nur, wenn Matti Geschonneck seine Finger im Spiel hatte oder Axel Milberg mitspielt. Liefers und Striesow haben durch ihre Tatort-Rollen einen faden (Klamauk-) Beigeschmack.
Wo sehen Sie denn Liefers? Oder habe ich irgendetwas überlesen?
hatem1 05.02.2014
3. Großartig
Hab den Film schon gesehen, großartig, kann ich sehr empfehlen. @kiefernwald: Schauspieler zeichnen sich dadurch aus, dass sie in verschiedene Rollen verschieden spielen. Und Jan-Josef Liefers spielt hier überhaupt nicht mit.
pefete 05.02.2014
4. bitte richtig lesen
nicht alles was mit "jan-josef" anfängt, endet mit "liefers"!
hors-ansgar 05.02.2014
5. Liefers...
...ist ein hervorragender Schauspieler, der so ziemlich alles drauf hat. Von "Der Turm" bis hin zu seiner dehr lustigen und gelungenen Rechtsmediziner-Persiflage.
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