Von Andreas Borcholte, Konrad Lischka, Hannah Pilarczyk und Christian Stöcker
* SPOILER! Informationen bis Staffel 5, Folge 17! *
Eines der größten Mysterien von "Lost" ist gleichzeitig das klassischste: die Liebesgeschichte! Oder besser: Die Dreiecksbeziehung zwischen Jack Shepard, Kate Austen und James "Sawyer" Ford. Fünf Staffeln lang konnte sich Kate partout nicht für einen der beiden Männer entscheiden, nun wird sie es wohl endlich müssen - wenn man davon ausgeht, dass "Lost" in diesem Plotpunkt den Regeln des Storytellings in Film und Fernsehen folgt und es am Ende ein Happy End der Zweisamkeit geben soll. Wer weiß? Es gibt zwei Möglichkeiten, wie die Romanze ausgeht:
Kate entscheidet sich für Jack: Die klassische Hollywoodvariante. Jack ist der Held und die Hauptperson der Serie. "Lost" beginnt am Strand nach dem Absturz auf der Insel mit ihm, vieles spricht also dafür, dass er auch am Ende der sechsten Staffel derjenige sein wird, der moralisch die Oberhand behält, alles zum Guten wendet und zur Belohnung die Frau bekommt. Vergessen wir nicht: Jack ist Arzt, also eine archetypisch gute Figur. Trotz dunkler Abgründe in seiner Seele (Leiden unter dem übermächtigen Vater, Drogensucht, er verwehrt dem jungen Benjamin Linus die lebensrettende Operation) ist er stets der "good guy" der Serie geblieben, der wegen seines verbohrten, nicht immer altruistischen Gutmenschentums zuweilen auch enervierende Apostel des Richtigmachens.
Jack Shepard ist, wie sein Name schon sagt, "der gute Hirte" der Überlebenden auf der Insel. Folgerichtig versucht er im Jahre 1977, am Ende der fünften Staffel, den Energieausbruch unterhalb der "Swan"-Station zu verhindern, um dadurch möglicherweise auch den Absturz von Oceanic Flug 815 aus der Zukunft zu tilgen. Für Kate, die gesuchte Verbrecherin, wäre eine dauerhafte Liaison mit Jack wie eine Katharsis, die Reinwaschung von all ihren Sünden und der Aufbruch in ein neues, unschuldiges Leben. Das ist schön, aber auch ein bisschen langweilig.
Kate entscheidet sich für Sawyer: Im Gegensatz zum moralisch integren Langweiler Jack umweht Sawyer der Ruch des Amoralischen, des Abenteurers. Nicht umsonst stand wohl Tom Sawyer, Mark Twains berühmter Poser und Draufgänger, Pate für seine Namensgebung. Mit ihm kann sich der gefallene Engel Kate naturgemäß besser identifizieren als mit Jack, zu dessen hoher Moral sie aufschauen muss. Mit Sawyer wähnt sie sich auf Augenhöhe, er hat Verständnis für ihre charakterlichen Schwächen, es sind auch seine eigenen.
Zwischen Jack und Sawyer zu entscheiden, heißt für Kate, zwischen Engel oder Teufel zu wählen, und was, vom Standpunkt der Wollust und Reizhaftigkeit gesehen, ist attraktiver als das Böse? Doch Sawyer ist kein durch und durch verdorbener Bösewicht, sondern ein mit sich und der Welt unversöhnter Gauner, der bereit ist, sein Schicksal zu wenden.
In der fünften Staffel bietet sich für ihn die Chance für einen Neuanfang, die er willig ergreift: 1977 erneut auf der Insel gestrandet, nimmt er bei der Dharma Initiative die Rolle eines Vorarbeiters ein, verliebt sich in Juliet und führt mit ihr eine Art Ehe. Bis Jack und die anderen, darunter Kate, auftauchen und alles wieder von vorne losgeht: Bei Kate werden beide Männer, Jack wie Sawyer, immer wieder schwach und werfen ihre guten Vorsätze über den Haufen. Manchmal widerwillig, wie in der fünften Staffel zu sehen, ist, nachdem sich Sawyer und Juliet in das U-Boot der Dharma Initiative gerettet haben und 1977 in Los Angeles neu anfangen wollen.
Doch dann kommt in letzter Sekunde Kate dazu - und Sawyers gequälter Gesichtsausdruck spricht Bände. Während Jack in Kate das gefallene Mädchen sieht, das seinen Helferinstinkt weckt, betrachtet Sawyer sie vorrangig als Objekt der Begierde, das ihn immer und immer wieder in Schwierigkeiten bringt.
Zu lösen ist dieses Love Triangle möglicherweise nur durch schmerzhafte Maßnahmen. Sprich: Einer der beiden Männer muss sterben. Kommt Jack in der sechsten Staffel auf seiner Mission, Insel und Überlebende zu retten, um, gibt es für Sawyer und Kate die Möglichkeit, ihre moralischen Unzulänglichkeiten gemeinsam auszugleichen, vielleicht sogar als Reverenz an Jack, der als Erlöserfigur der Serie auch nach seinem Tod metaphysischer Bestandteil dieser Liaison bliebe. Stirbt Sawyer, wird es wahrscheinlich in einem heroischen Akt der romantischen Selbstaufopferung geschehen, beispielsweise um Kate vor dem Tod zu retten. Da Sawyer aber innerhalb der Serie der sympathischere, da tragische Held ist, kann er seine Sünden damit tilgen, bekommt aber nicht die Frau.
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