Gründershow mit Carsten Maschmeyer Strumpfhosen für Frauenoberarme, Männerduftkerzen mit Speckgeruch

Taucht "Höhle der Löwen"-Investor Carsten Maschmeyer heimlich im Müllcontainer nach Produktideen? Einige Indizien aus seiner eigenen Gründershow "Start up!" sprechen stark dafür.

Sat1/ Claudius Pflug

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Was für eine ulkige Idee, Donald Trump zu covern. Sich in der exakt gleichen Dickhosenpose vor einen Hubschrauber zu stellen wie der Protzinator seinerzeit im Vorspann seiner Ex-Sendung "The Apprentice" und dieselben aus der froschigen Genitalperspektive gefilmten Reicher-Mann-steht-vor-hohem-Penisgebäude-Bilder zu liefern.

Einen kleinen, individualistischen Schlenker gönnt sich Casten Maschmeyer aber beim grauslichen Symbolbildschwall, mit dem das Sat.1-Format "Start up! Wer wird Deutschlands bester Gründer?" beginnt: Trumps "Apprentice" unterlegte diese Bilder mit "Money Money Money"-Gesang, bei Maschmeyer säuselt die Hintergrundmusik devot "Money Money Money Man". Trump als optisches Vorbild, das muss man erst einmal sacken lassen.

Dann gleich der nächste Dämpfer: Man wartet quälend lange und schließlich vergebens, dass endlich jemand aufgeschnitten wird oder zumindest ein ulkig verformtes Überbein vorzeigen muss.

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"Start up!" auf Sat.1: Trusten Sie diesem Gefühl!

Der runde Vorlesungsraum der Berliner Humboldt-Uni, in dem 35 Kandidaten ihre Produktideen vor Maschmeyer und seinen beiden Beratern (Lea Lange, Gründerin des Online-Postershops Junique, und Klaus Schieble, der sonst als Finanzmensch für Maschmeyer arbeitet) pitchen sollen, hat die Form eines Mini-Amphitheaters - ein klassisches anatomisches Theater, wie es sie seit dem späten 16. Jahrhundert gab und in dem man von allen Plätzen aus bequem verfolgen konnte, wie der Professor die Wunderlichkeit des Tages sezierte.

In "Start up!" übernehmen die Kandidaten ihre Zerlegung allerdings selbst, viele ihrer Ideen lassen bis ins tiefste Gründergedärm blicken - und zeigen spätestens jetzt, dass dieses Format wirklich nichts mit der "Höhle der Löwen" gemein hat, wo Maschmeyer ebenfalls über Start-ups richtet: Die meisten Produktideen sind schlicht Kokolores.

"Da unten, da ist Apple"

So abstrus die Pitches in der Löwenhöhle manchmal scheinen mögen, viele "Start up"-Ideen nehmen sich dagegen wie überdrehte Parodien aus. Ein aufnähbares Single-Symbol, mit dem sich Solo-Menschen öffentlich als Verpaarungspotenzial kennzeichnen sollen. Ein Mädchenbaumarkt, speziell für Frauen. Ein befüllbarer Bierfußball. Flipflops aus der Dose. Männerduftkerzen mit Speckgeruch. Und irgendwo entleibt sich ein Comedy-Autor, weil er einsehen muss, dass sein Drehbuch für die Start-up-Komödie, an der er jahrelang gearbeitet hat, da niemals mithalten kann.

In seinen schrecklichsten Momenten wirkt "Start up", als habe Maschmeyer in seiner Zeit als "Löwe" regelmäßig als unerschrockener Wühler die Abfallcontainer nach sofort verworfenen Gründereinreichungen abgeschnorchelt und seine Fundstücke für seine eigene Show gehamstert. Er selbst wirkt in seinem eigenen Format, gemessen an der Abstrusität der Gründerideen, zwar leicht stockfischig, aber zumindest nicht völlig bizarr.

Man darf sich freilich auf die Finalfolge freuen, in der er laut einem Vorschauschnipsel im Privatjet über das Silicon Valley fliegt und "Da unten, da ist Apple" sagt. Lustig ist auch sein Schreibtisch, der aussieht, als säßen dahinter sonst die drei Kandidaten einer Quizshow.

"Schwupp, alles eingesaugt!"

14 gründungswillige Menschen kommen nach langwierigen Präsentationen in die nächste Runde, in sieben weiteren Folgen werden sie nach dem klassischen Casting-Realityshow-Prinzip ausgedünnt, bis am Ende einer oder eine übrig bleibt, der oder die von Carsten Maschmeyer eine Million Euro Startkapital für die gemeinsame Gründung eines Unternehmens bekommt.

Es ist bestürzend, dass dies potenziell auch die Frau sein könnte, die ernsthaft eine stützende Strumpfhose für Frauenoberarme erfunden hat, die optisch straffen soll, wo sich das Bindegewebe gehen lässt: "Schwupp, alles eingesaugt!" Winkfleisch-Shaming - für Maschmeyer eine verfolgungswürdige Idee.

Auch die rätselhaften Hirne hinter dem Flip-Pen (einer Mischung aus Fidget Spinner und Kuli), einem Männerstraps (der das Oberhemd auch dann in der Hose fixiert, wenn der Träger bei der Afterworkparty im Feierabendwahn zu exaltiert die Peitschbewegung von "Gangnam Style" vollführt) und des "Komators" (ein Bett auf Schaukelhufen, das einen so tief schlafen lassen soll, als sei man quasi schon tot) kommen weiter.

Wer nervt, darf bleiben

Stets wird betont, es ginge hier nicht um die Produkte, sondern um die Menschen dahinter, und die sollen dann auch gleich in einer ersten Challenge Passanten von ihrer Erfindung überzeugen. Beobachtet werden die Kandidaten dabei von Motivationscoach Matthew Mockridge, der womöglich ein noch begabterer Komiker ist als sein Bruder Luke und goldene Sätze sagt wie: "Ich würde diesem Gefühl trusten, das du gerade hast." Oder: "Der Speed des Bosses überträgt sich auf den Speed des Teams."

Viel zu lange dauert das alles, und dann gibt es hinterher noch eine Gruppen-Challenge, in der die Kandidaten in zwei Teams eine Sightseeing-Bustour durch Berlin organisieren müssen. Team eins dilettiert mit desolater Gruppenarbeit und hochnotpeinlicher Durchführung, das smartere Team zwei macht aus seiner Tour ein überraschend unpeinliches Pitchevent für Berliner Start-ups - und fast sechsmal so viel Gewinn wie die Konkurrenz.

Das hat freilich keinerlei Relevanz, als nach über drei Stunden Sendezeit schließlich die ersten beiden Kandidaten gehen müssen. Bei Trumps "Apprentice" musste stets der Mensch aus dem Verliererteam die Show verlassen, der mutmaßlich für die Niederlage verantwortlich war. Maschmeyer aber behält die überforderte, zum Petzen neigende Teamleiterin und den dümmlich-dominanten Quertreiber, der jeden nervt - weil die beiden dramaturgisch natürlich noch gebraucht werden.

Gehen müssen ein Mann, der klare Eiswürfel herstellen kann, und die Erfinderin von Socken, die aus Algen und PET-Flaschen produziert werden (tatsächlich eine der besseren Ideen), und zwar aus durchaus fadenscheinigen Gründen. Maschmeyers Rauswurfspruch "Mit Ihnen werde ich kein Unternehmen gründen" ist zwar menschlicher als Trumps "You're fired" - ihm gelingt trotzdem die erstaunliche Leistung, noch erratischer zu handeln als der amtierende US-Präsident.



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Seite 1
dasfred 22.03.2018
1. Wieder mal ein TV Event verpasst
Wenn doch all der Trash wenigstens halb so lustig wäre, wie Frau Rützel es beschrieben hat, würde ich es mir ja ansehen. Zum Glück habe ich Maschmeier aber schon im Frühstücks Fernsehn erleben dürfen und war bereits ausreichend abgeschreckt. Wenn ich allerdings bedenke, was das Privatfernsehen für einen Aufwand treiben muss, damit Anja Rützel ausreichend Futter für ihre herrlichen Kritiken bekommt, frage ich mich, ob es da auf der Welt nicht besseres gibt, dass die Fernsehmacher kopieren können.
depetchok 22.03.2018
2. Frühlingsgefühle
Ich bin schon ein wenig in die Texte von AR verliebt – rein platonisch natürlich. Famous, ganz famous. :D
henrich.wilckens 22.03.2018
3. At her best
Als ergriffenes Mitglied des Anja Rützel Fan Club stelle ich begeistert fest: AR kann nicht nur Trash Formate (Dschungelcamp), sondern auch Maschmeyer! Herrlich! Danke für die wundervolle Wort- und Satzakrobatik!
PremiumB 22.03.2018
4. Also, würde ich ein Start up haben,
wäre mir die Meinung von Maschmeyer völlig egal. Ja, der ist reich. Aber das ist ja kein Wert an sich. Man muss sehen womit er reich geworden ist. Und den Älteren dürfte sein AWD noch böse in Erinnerung sein. Mitarbeiter und Kunden über den Tisch ziehen und ausquetschen halte ich nicht für sehr innovativ.
niroclean 22.03.2018
5. ...Herr Maschmeier..
...wirkt leider immer total hölzern und macht den Eindruck als wenn er zum Lachen in den Keller geht. Wenn er lustig wirken will macht das einen total aufgesetzten Eindruck. Bezüglich des Formates; es its wie immer im Fernsehen, wenn bemerkt wird das ein Format läuft wird es kopiert (Shark tank, Höhle der Löwen) etwas abgeändert und man glaubt dann es wird auch erfolgreich. Diese Show-Gründer gehen doch an der Lebensrealität vieler echter Gründer, die ganz klein anfangen, vorbei. Wie schwer es ist in Deutschland in die Selbständigkeit zu gehen weiß nur derjenige, der ohne großen medialen Rückenwind und Unterstützung diesen Schritt gewagt hat - das fängt schon beim wahnwitzigen Krankenkassenbeitrag der gesetzlichen KV an - denn heute verdient man (Gewinn) als Selbständiger in den ersten Jahren oft weniger als ein Hart IV-Empfänger zum Leben hat.
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