Start von "Promi Big Brother" Alles Psychochonder, überall!

Teints irgendwo zwischen Fischstäbchen und Elmo: Zwölf teils grellhäutige Promis haben den "Big Brother"-Container bezogen. Unterirdisch ist dabei nicht nur die Wohnstatt des Armenbereichs.

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Ein untrügliches Zeichen, dass "Promi Big Brother" wieder angefangen hat: Man dreht zu Beginn der Sendung hektisch an der Farbeinstellungskurbel des Fernsehers, um nach ein paar Minuten zu erkennen, dass die Leute da drin wirklich so bunt sind.

Als nämlich der verhältnismäßig normalfleischfarbige Ben Tewaag in die WG einzieht und so eine Art Rosabeige-Abgleich ermöglicht, stellt man verblüfft fest, dass Natascha Ochsenknechts Hautfarbe tatsächlich denselben Ton wie Fischstäbchenpanade hat, während Kaufprinz Marcus von Anhalts Kopf in speckigem Elmo-Karmesin erstrahlt (und erinnert sich an die kompromisslos Ernie-farbige Ex-Fußballergattin Claudia Effenberg aus der vorherigen Staffel). Sachen gibt's!

"Noch nie mussten sie so viel leisten, um der Gosse zu entfliehen", dröhnt dann die altbekannte "Big Brother"-Stimme, aber wer kennt es schließlich nicht, das alte Prekär-Promi-Sprichwort: "Erst biste Prasser, dann zu Big Brassa!" Köstlich, wie man also radebrechend (und wie in allen Staffeln zuvor) mit dem Fernsehtröten-Thesaurus für "Ich bin ziemlich pleite" raschelte: "Für mich ist das ein Experiment, ich freue mich auf das Abenteuer, ich war auf der Suche nach einer neuen Herausforderung, ist für mich eine Entschlackungskur mit therapeutischem Ansatz". Nur die handfeste Christine Zierl, früher mal Dolly Dollar, sagt patent: "Weil's a Geld gibt dafür."

Ihr muss man neben dieser Offenheit auch dafür danken, dass endlich mal wieder jemand mit der fast schon ausgestorbenen Bezeichnung "Busenwunder" bedacht wurde - im allgemeinen Sprachgebrauch ja leider ebenso selten geworden wie Abort, Gabelfrühstück und Kranzgeld.

Und Basler so: "Ey, Ochsenknüppel!"

Sprachliche Feinsinnigkeiten sind beim Ensemble von "Promi Big Brother" allerdings eher nicht zu erwarten: "Schähnaja, ich komm bald zurück!", wählt etwa Prinz Marcus von Anhalt, Graf von Schmökelhausen, Herzog zu Schaumschlag-Hippe, als letzte Worte vor dem Einzug. Er landet vorerst im Reichenbereich, wo nach einigen weiteren Einzügen alsbald schon dumpfe Gespräche darüber geführt werden, wer schon tot ist (Günther Pfitzmann) und wer noch lebt (die eine hotte da aus "Praxis Bülowbogen", die der Anhalter früher so gut fand).

Das ist noch ziemlich langweilig, wobei vor allem Joachim Witt, nach eigener Aussage "schwer am Borderline", schon einiges an Potenzial andeutet. Eventuell auch Isa Jank, die etwa 40 Jahre lang in "Verbotene Liebe" die "Gräfin von Anstetten" gab und den Reichenbereich mit der autoritären Grandezza eines Schlupfhosen-Präsentationsmodels beim Shopping-Kanal betrat.

Zumindest stimmmäßig erinnert wenigstens Mario Basler, Ex-Fußballer und Ex-Let's-Dancer, an die unvergessene Dschungelnöle. "Ey, Ochsenknüppel!" (Oder: Ochsennippel?), begrüßt er seine ehemalige Nachbarin Natascha. Herrlich rustikal.

Spannend wird es erst in der Kanalisation

Während dann "oben" noch geplänkelt wird, zeigt man sich "unten" schon die Weichteile. In einer gynäkologischen Laienbeschau inspiziert Jessica (im Rollbraten-Schnür-Einteiler) die unteren Gegebenheiten der geschlechtsumgewandelten Edona James. Bereitwillig reckt die Rückenlagige den Bürzel. "Zeig mal vorne", kommandiert Genital-Interessentin Jessica. So öffnet sich die Büchse der Edona, man kennt sie aus der griechischen Mythologie, und es gibt kein Halten mehr. Jessica lüftet ihrerseits: "Meine ist so klein." - "Zeig mal!"

Zu betrachten gibt es dann noch so mancherlei, denn auch die "Bachelor"-Remittende hat schon einiges an körpereigener Schwabbelage kreativ umverteilen lassen: Der Schlonz vom Ranzen wurde in den Hintern gepumpt beziehungsweise: "Mein Bauch ist jetzt im Arsch." Brazilian Butt ist nämlich anders als Heil- und Steinbutt kein Plattfisch, sondern eine Schönheits-OP, die so tut, als sei der Mensch ein beliebig modellierbares Fimo-Männchen.

Edona scheint ein durchweg lohnender Charakter, eventuell hat sie gar die Büffeluniversität von Professor Ortega besucht. Schon die Bekanntmachung mit Mitbewohner Frank Stäbler, dem zuletzt von Verletzungspech gebeutelten Olympioniken, trägt die Handschrift des großen Dschungel-Denkers. Denn wie nennt man wohl einen Teilnehmer der Olympischen Spiele? Richtig: "Ach, du bist ein olympischer Spieler? Ringer? Du wirfst Ringe?"

Heulkrampf mit Pressstimme und Armfuchtelei

Auch das schönste Wort der Einzugssendung stammt von Edona: Jessica sei ein "Psychochonder", diagnostiziert sie, später während eines Overacting-Heulkrampfes mit Pressstimme und Armfuchteleien, als tanze sie einen Sitzflamenco, noch zu "Pschühonda" verfeinert. Was das ist? "Wenn Leute immer etwas haben." Alles Psychochonder, überall! Und direkt hat man einen Ohrwurm von dem Lied, was der junge Mann mit den Halsschmerzen da immer singt: "Es tut mir leid, Psychochonda / ich hoffe, du weißt das."

Das könnte also noch lustig werden, eine Hoffnung, die man für die Zwischeneinlagen von Desirée Nick nicht mehr hat. Sie ersetzt Cindy aus Marzahn als Sidekick von Moderator Jochen Schropp. "Es gibt ein Leben jenseits des rosa Jogginganzugs", sprühte sie bei ihrer Begrüßung etwas Gift aus dem Ätz-Flakon, doch dann verpufften ihre Gangs ebenso lautlos in der unbarmherzigen Lachfrei-Atmo des Studios wie bei ihrer Vorgängerin. Brandete zwischendurch doch mal etwas Applaus auf, hörte man förmlich den Klatsch-Einpeitscher mit den Armen rudern. Zu Dolly etwa fiel ihr nur ein schlaffer Witz über deren altersadäquate Brüste ein: "Hoffen wir einfach mal auf Seilspringen ohne BH!" Es gibt halt auch rosa Jogginganzüge fürs Gehirn.

Unterboten wurde sie allerdings noch von Aaron Troschke, YouTuber und auch mal "Promi BB"-Gewinner, der als "Social-Media-Experte" nun Tweets zur Sendung vorlesen darf. "Auch Marcel Reif hat was geschrieben", freut er sich, und das ist ziemlich dämlich. Kleiner Tipp: Wenn jemand den Twitter-Namen "Fake Marcel Reif" trägt, ist es ziemlich wahrscheinlich nicht der echte.

Zur Autorin
  • Anja Rützel, Jahrgang 1973, taucht im Trash-TV-Sumpf nach kulturellem Katzengold. In ihrer Magisterarbeit erklärte sie, warum "Buffy the Vampire Slayer" eine sehr ausführliche Verfilmung der aristotelischen Argumentationstheorie ist. Sie glaubt: "Everything bad is good for you" - und dass auch "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!" tieferen Erkenntnisgewinn liefern kann. Seit April 2015 ist sie Autorin für SPIEGEL ONLINE.


insgesamt 44 Beiträge
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Seite 1
breisig 03.09.2016
1. mittlerweile
ist promi-bb prominenter besetzt als der dschungel. aber wer wird basler beim fantalk ersetzen? es könnten unterhaltsame 2 wochen werden.
gutelaunedrops 03.09.2016
2. Das Beste!
Ah, liebe Frau Rützel, da sind Sie ja wieder! Ich habe mich so sehr amüsiert während der letzten Staffeln, dass ich mich diesmal kurzerhand registrieren musste. Auch an die vielen humorvollen Foristen geht jetzt endlich mein Dank, Sie haben mich oft dazu gebracht, vor Lachen um Haaresbreite meinen Morgenkaffee zu verprusten. Herrlich. :)
foxtrottangohamburg 03.09.2016
3. Traurig, aber ja.
Ein Artikel, der mir wirklich zusagt. Feine Wortspielereien, Vergleiche und Spitzen, gepaart mit einer ordentlichen Prise Zynismus. Wenn's nicht so traurig wäre, dass die halbe Nation bei BB Zaungast spielte, könnte ich herzlich lachen. Aber solche Fernsehformate sind für mich ein untrügliches Zeichen dafür, dass unser so hoch gelobtes Bildungssystem und Ausbildungssystem auf ganzer Länge komplett versagt hat. Der Feingeist ist tot, es lebendas Mikroego - hauptsache laut, bunt und unübersehbar.
fiftysomething 03.09.2016
4. Einfach die
neuesten Wortschöpfungen ins Rützelpedia eintragen und weiter auf die Königsdisziplin,dass Dschungelcamp 2017 warten.
ge1234 03.09.2016
5. Perfekt...
... Frau Rützel, so kennt man Sie, so liebt man Sie! Wobei eine Frage noch zu klären bleibt: Die Fischstäbchenpanade vor der Pfanne oder nach der Pfanne?
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