Statt "Germany's Next Topmodel" Gucken Sie lieber Dragqueens!

Königinnen statt Mädchen: Während Heidi Klum im 13. Jahr junge Frauen autoritär auf optische Optimierung trimmt, gibt es bei Netflix eine Casting-Show-Revolution: Schauen Sie "RuPaul's Drag Race"!

RuPauls Drag Race

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"Ich habe leider kein Foto für dich!" lautet die Phrase, die für immer mit "Germany's Next Topmodel" im Gedächtnis bleiben wird. Am Donnerstagabend lief die mittlerweile 13. Runde von Heidi Klums Show. Auch wenn die Sendung ständig vorgibt, sich zu modernisieren (seit einiger Zeit hat besonders Juror Michael Michalsky das Thema "Diversity" für sich entdeckt, aber nicht verstanden), tritt sie doch immer auf der Stelle: Junge Frauen werden von Chef-Jurorin Klum so autoritär auf Optimierung getrimmt, dass das Zusehen mit jedem Jahr mehr schmerzt.

Dass Unterhaltung und Drill nicht zwingend Hand in Hand gehen müssen und in einer Casting-Show sogar radikal-politisches Potenzial steckt, könnte Klum von der US-Sendung "RuPaul's Drag Race" lernen. "Drag Race" funktioniert erst mal so simpel wie jede andere Reality-Casting-Show: Mehrere Kandidatinnen konkurrieren miteinander, am Ende jeder Sendung entscheidet die Drag-Ikone RuPaul, wer weiterkommt. Trotzdem wird die Sendung nicht zur objektifizierenden Beschau.

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RuPaul's Drag Race: Shantay, you stay

Natürlich müssen auch die Dragqueens bei RuPaul "Challenges" absolvieren und sind nicht völlig aus dem System der Bewertung befreit: Sie müssen Stars imitieren, in kleinen Film- und Serienparodien mitspielen, Talentshows veranstalten. Jede Folge endet mit einer Mini-Fashionshow in einer bestimmten Kategorie ("Princess Fantasy", "Glitter Ball"). Und die zwei Queens, die am wenigsten überzeugen konnten, müssen zu einem Lied "um ihr Leben" lippensynchron performen. Eine Queen bleibt ("Shantay, you stay"), eine geht ("Sashay away").

Allerdings entsteht nie der Eindruck, Starmoderator RuPaul, der seit Jahrzehnten als Dragqueen arbeitet, mit Elton John im Duett sang, eigene Hits veröffentlichte ("Supermodel (You better work"), in den Neunzigern eine eigene Talkshow hatte, beute seine Queens aus.

Denn während Klum Modellkarrieren verspricht, bietet RuPaul seinen Kandidatinnen tatsächlich eine Plattform - den arty New Yorker Hipster-Queens genauso wie denen aus dem Süden, die nebenbei im Diner arbeiten müssen, um über die Runden zu kommen. Sie alle performen weltweit vor Publikum, einige haben Film- und Serienauftritte, andere ihre eigenen Comedyshows. Manche der Queens, die sich früher durchringen mussten ("The struggle is real"), können nun mit ihrer Arbeit Geld verdienen, werden gefördert.

Auch werden die Nöte der Queens nie instrumentalisiert, um platt emotionale Nähe herzustellen; es geht vielmehr immer darum, dem Publikum Drag-Erfahrung nahezubringen: In den regelmäßigen Schminkszenen tauschen sich die Queens über ihre Erfahrungen aus; dabei geht es immer wieder um Akzeptanz, aber auch um Drogenmissbrauch, den Terrorakt gegen Homosexuelle in einem Club in Orlando, Polizeigewalt, HIV/Aids, Obdachlosigkeit, Homophobie, Trans*-Frauen in Drag, Tod von Familien und Freunden, die zerspaltenen USA. "Es ist unserer Erfahrung inhärent. Wir müssen nicht viel machen, um ein Bewusstsein in unserer Show zu bringen. Es ist ein Teil unserer Geschichte und wir gehen den Weg damit", antwortet RuPaul in der "New York Times"auf die Frage, ob er bewusst diese politischen Momente in seiner Show einbauen würde.

Wie eine Geschichtsstunde mit Glitter

Die kollektive queere Geschichte, die die Queens vereint, ist in jeder Szene der Show spürbar und verleiht ihr eine politische Haltung: Eine der obligatorischen Aufgaben ist das Reading; eine fortgeschrittene Form der Beleidigung in der Kultur des Drags, in der die Queens witzig und prägnant Schwächen der anderen aufzeigen, in der es aber auch immer darum geht, wer über sich selbst lachen kann. Dabei gibt es fast keine Grenzen, von Schönheits-OP, Fettröllchen über echte Familientragödien, alles geht, so lange der Witz funktioniert. Auch wenn die Kandidatinnen streiten, lästern, neiden, manche sich gegenseitig nicht ausstehen können - am Ende bilden sie immer eine Solidargemeinschaft.

Sie alle sind geprägt von Erfahrungen, die sie als homosexuelle und/oder trans* Dragqueens gemacht haben - und ihre Geschichten erzählen sie auch, damit andere wissen: Da draußen gibt es eine andere Kultur, eine Kultur, die nicht weiß, männlich, heterosexuell geprägt ist. Sondern queer, mit eigener Sprache, die eigenen Regeln folgt und Gender ständig herausfordert. "Wir glauben niemals, dass es das ist, was wir sind. Das ist auch der Grund, warum Drag eine Revolution ist, wir spotten über Identitäten, wir spotten über alles", sagt RuPaul im Interview mit der "New York Times".

Durch die Sendung wurde die Kunstform Drag aus der queeren Underground-Kultur in den Mainstream gebracht. RuPaul bekommt dafür auch Kritik: Er würde das radikale Potenzial einer queeren Kultur vermarkten und dadurch ihr subversives Potenzial vernichten. RuPaul hat in seinen neun Staffeln von "Drag Race", drei Allstars-Staffeln plus einer jährlich in New York und Los Angeles stattfindenden Messe ein Imperium geschaffen. Stars schmücken sich damit, bei ihm aufzutreten: Lady Gaga, Debbie Reynolds, Ariana Grande, Pamela Anderson, Debbie Harry und LaToya Jackson waren alle schon Gastjuroren. In Deutschland ist es noch weitgehend unbekannt - auch das dürfte sich in Zeiten globalisierten Medienkonsums aber bald ändern, die letzten drei Staffeln sind gerade bei Netflix zu sehen.

Natürlich haben die Kritiken ihre Berechtigung, aber gleichzeitig ist eine Casting-Show, die ihren Unterhaltungswert aus dem Herausfordern von Identitäten zieht, eine Revolution: "We all are born naked, and the rest is drag" sagt RuPaul ständig, sinngemäß: Wir alle werden nackt geboren, der Rest ist Show. Ein Satz, der so viel sagt, wie die Philosophin Judith Butler auf 300 Seiten (Und ja, das ist ein Read!).

Zum Finale jeder Sendung erscheint stets RuPaul selbst als erstes auf dem Laufsteg - 1,93 Meter groß, in Gala-Robe und einem Gang, so raumgreifend und selbstbewusst zugleich, dass völlig klar ist, wer hier am Ende das Sagen hat. Aber zugleich befolgt auch RuPaul die allererste und wichtigste Drag-Regel: Sie nimmt sich selbst nie zu ernst.


"RuPaul`s Drag Race", Staffeln 7-9 bei Netflix

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