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18. Februar 2013, 07:37 Uhr

Raabs "Absolute Mehrheit"-Talk

Er kann es

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Demokratie geht auch witzig: Mit der zweiten Ausgabe von "Absolute Mehrheit" hat Stefan Raab bewiesen, dass er auch beim Kanzlerduell mitmischen kann. Er selbst könnte dabei aber nur verlieren.

Nein, kein Wort über Pferdefleisch heute, er wolle sich ja nicht vergaloppieren, wer sich dafür interessiere, der könne sich ja die aktuelle "Wendy" zulegen. Stattdessen heute Ladies Night bei "Absolute Mehrheit", fünf Gäste, davon vier Frauen, aber zunächst schnell hinüber zu seinem journalistischen Beistand Peter Limbourg, der gibt den Damen später Drinks aus.

So kann man das also machen. Noch keine Minute vergangen, und schon hat Stefan Raab den aktuellen Lebensmittelskandal auf das zurechtgestutzt, was er tatsächlich ist (ein Witz nämlich), hat die von Brüderles Bar-Gebaren inspirierte Sexismus-Debatte aufgenommen und präsentiert daraufhin, gewissermaßen als deren Konsequenz, vier junge Frauen mit vier unterschiedlichen politischen Ansichten, die etwas zu sagen haben.

Es genügt, sich diese erste Minute in einer beliebigen anderen politischen Gesprächssendung vorzustellen, um zu wissen, warum Stefan Raab mehr junge Zuschauer erreicht als alle anderen Polit-Talker zusammen: Was dort mit heiligem Ernst anmoderiert und verhandelt würde von den immer selben alten Sprechmaschinen, kommt bei Raab locker daher, unverbraucht, mit frischen Gesichtern.

Doch, er kann es. Und nach dieser Sendung ist klar: Selbstverständlich hat Stefan Raab auch das Zeug dazu, mit am Tisch zu sitzen, wenn sich im Herbst Angela Merkel (CDU) und Peer Steinbrück (SPD) im Fernsehen um die Kanzlerschaft duellieren.

Dabei hatte noch die erste Ausgabe von "Absolute Mehrheit" nichts Gutes erhoffen lassen. Raab agierte da verkrampft auftrumpfend, als wolle er sich und der Welt seine politische Kompetenz beweisen, diskutierte dabei unter Niveau und leistete sich sogar einen wohl witzig gemeinten rassistischen Ausrutscher. Dazu nervten die maximal unterkomplexen Einspielfilmchen und die ständigen, gehetzt wirkenden Verweise auf ein Gewinnspiel.

Diesmal kam es anders. Vielleicht war Stefan Raab beflügelt von der Empfehlung des größten politischen Popstars dieser Tage, Edmund "On Drums" Stoiber, der ihn im SPIEGEL als Co-Moderator für das Kandidatenduell ins Gespräch gebracht hat. Wahrscheinlicher jedoch hat sich das neue Format mit der zweiten Folge schlicht zurechtgerüttelt: Die einleitenden Themeneinspieler zwar immer noch dämlich, aber diesmal so überhöht dämlich, dass sie als anstachelnder Einstieg in die Debatte funktionierten. Der Moderator für seine Verhältnisse erstaunlich zurückhaltend, aber doch nachhakend an den richtigen Stellen - und das erkennbar gut vorbereitet auf seine gutgelaunten Gäste.

Raab will "heiß auf Politik" machen

Mit den jungen Abgeordneten Dorothee Bär (CSU), Linda Teuteberg (FDP), Katja Dörner (Grüne), Yvonne Ploetz (Linke) und dem Musiker Olli Schulz diskutierte Raab über die Frauenquote, über die ethischen Maßstäbe, an denen heute Politiker gemessen werden, und über die explodierenden Mietpreise in den deutschen Großstädten. Inhaltlich war die Debatte wenig überraschend - da Sie gerade eine Nachrichtenseite lesen, kennen Sie die ausgetauschten Argumente sowieso. "Absolute Mehrheit" jedoch richtet sich an ein Publikum, das sich wenig für Politik interessiert - und das einschaltet, weil Stefan Raab moderiert (witzig!), weil es um 200.000 Euro geht (Kohle!), weil man anrufen und vielleicht ein Auto gewinnen kann (ein Auto!). Oder weil das Fernsehgerät sowieso gerade auf ProSieben eingestellt ist.

Diese Menschen will Raab "heiß auf Politik" machen. Mehrmals rief er die Zuschauer dazu auf, sich eigene Gedanken zu machen und daheim oder am nächsten Tag auf der Arbeit weiter zu diskutieren. Dieser demokratiefördernde Ansatz ist bemerkenswert. Noch bemerkenswerter jedoch ist seine Zusage für das Kanzlerduell.

Denn eigentlich müsste Raab das nicht mehr tun. Er hat schon jetzt maximale politische Wirkung entfaltet - und das ganz ohne eigenes Zutun. Die Nachricht von seiner möglichen Teilnahme war völlig ausreichend. Peer Steinbrücks Reaktion darauf, zunächst seine Ablehnung, seine dann folgende Umkehr mit eingebauter Ergebenheitsadresse an die Kanzlerin ("Wenn Angela Merkel (...) einverstanden ist, wird es so geschehen"), war aufschlussreicher als jede Frage, die Raab in der tatsächlichen Sendung stellen könnte.

Dazu kommt, dass Stefan Raab auch aus purem Eigennutz nicht beim Kanzlerduell auftreten sollte. Denn die Personen, die im Herbst die Fragen an Merkel und Steinbrück stellen, sind zweitrangig - geht es doch dann allein um die Performance der Kandidaten. Lässt sich die Rampensau Raab in ein von Parteiberatern und Fernsehchefs ausgehandeltes Korsett zwängen, kann er seine Stärken als Unterhalter nicht ausspielen. Er kann im Duell kaum Witze machen, er kann kein Auto verschenken und auch keinen Koffer voll Geld ausspielen. Er wird sein Stammpublikum zwangsläufig enttäuschen.

Stefan Raab kann beim Kanzlerduell also nur verlieren. Und trotzdem will er mitmachen - offenbar, weil er weiß, dass wegen ihm sehr viele junge Menschen einschalten werden, die das sonst nicht tun würden. Menschen, die so vielleicht angeregt werden, sich für die Demokratie zu interessieren, die nicht mehr denken sollen, das alles ginge sie nichts an, die zur Wahl gehen, sich einmischen und teilhaben sollen. Wenn Raab also mitmacht, dann nicht für sich, sondern für sein Land.

Egal wer die Wahl gewinnt: Die nächste Bundesregierung kann ihm nur dankbar sein.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels wurde behauptet, die weiblichen Gäste der Talkshow seien alle Bundestagsabgeordnete. Linda Teuteberg ist allerdings nicht Mitglied des Bundestags, sondern gehört der FDP-Fraktion des brandenburgischen Landtags an. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

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