Abschied von Stefan Raab "Ich hoffe, Sie hatten ein bisschen Spaß"

Das war's, aber wirklich: Stefan Raab hat mit der letzten Ausgabe von "Schlag den Raab" seine TV-Karriere beendet. Was von dem Abend bleibt? Ein überforderter Gewinner, eine Rentier-Party und der wohl unsympathischste Kandidat in der Geschichte der Spielshow.

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Stefan Raab stöhnt und grunzt, er schießt Harpunen ab und stapelt Klötzchen vor sich auf. Für den Zuschauer hätte sich die 55. Ausgabe von "Schlag den Raab" anfühlen können wie ein ganz normaler Samstagabend mit TV-Unterhaltung aus dem Raab-Kosmos.

Doch natürlich ist alles anders: Die Bilder des Entertainers, der sein Late-Night-Format "TV total" nach 16 Jahren unter Tränen an der Seite seines Sidekicks Elton abmoderierte, sind erst wenige Tage alt. Die Spiele läuten nun den nächsten Abschied ein, diesmal ist es der endgültige.

Fast sechs Stunden lang kämpft sich Raab durch die letzte Folge seiner ProSieben-Show, als wollten alle Beteiligten das Unabwendbare wenigstens noch irgendwie hinauszögern. Dazu hatten sie das komplette Konzept der Sendung verändert: Statt einen Kandidaten gegen den Endgegner Raab antreten zu lassen, wurde für jedes der 15 Spiele jeweils ein Freiwilliger aus dem Publikum auserkoren, der im Fall eines Sieges mindestens 100.000 Euro mit nach Hause nehmen konnte. Die Gewinner spielten am Ende noch um weitere 900.000 Euro.

Kandidatin Victoria musste dafür versuchen, mit einem Kescher kleine Papier-Engelchen einzufangen, Kandidat Johannes sollte im Duell gegen Raab von einem drehenden Podest herunter Bälle in Trichter werfen ("Jetzt ist die Frage, wer zuerst kotzt!"), und Sebastian jagte dem 49-Jährigen auf einer Eisfläche hinterher. Raab entschied neun der 15 Spiele für sich. "Ich könnte auch sagen, ich lasse alle gewinnen", sagt er gleich zu Beginn der Sendung. "Aber dann können wir den Abend hier abbrechen."

Als gehe es um Leben und Tod

Sein berüchtigter Ehrgeiz war von Beginn an das, was die Show ausmachte, die fast zehn Jahre lang lief. Stundenlang rang er mit seinen Gegnern, als gehe es nicht um Unterhaltungsfernsehen, sondern um Leben und Tod. Er schenkte anderen nichts, genauso wenig wie sich selbst. So spielte er nach einem Mountainbike-Unfall während der Sendung auch mit einer Gehirnerschütterung weiter. Dass er nun, am Ende, die Kandidaten weniger hart angehen würde, war nicht zu erwarten.

Dabei nimmt er die Rolle des Unsympathen ein, was ihn nicht weiter stören dürfte - im Gegenteil, es ist die Logik, auf der die Show aufbaut. An diesem Samstagabend musste er sich den Part allerdings teilen: mit dem Kandidaten Jörn, gegen den er im Dosenschießen antrat. Jörn - Undercut, hochgekrempelte Hose, ernster Gesichtsausdruck - machte erst einen ungeraden Aufbau der Dosenpyramide aus und fühlte sich nach einem Treffer von den am Boden liegenden Dosen optisch gestört, wie er sagte. Schließlich trat er die Blechbehälter selbst genervt aus dem Blickfeld.

Den ungleich schöneren Moment der letzten "Schlag den Raab"-Ausgabe lieferte Kandidat Hendrik, der am Ende insgesamt eine Million Euro gewann. Seine letzte Aufgabe war es, mit einem Klackerbecher eine Plastikkugel in die Luft zu schießen und wieder aufzufangen - was ihm beim ersten Versuch gelang. Sichtlich geschockt von dem Gewinn sank er zu Boden, wischte sich kurz durch das Gesicht und brachte, als die Kamera schon wieder von ihm abschwenkte, noch ein ungläubiges "mit Klackern!" heraus.

Generationenwechsel im deutschen TV

Warum es mit alldem nun zu Ende sein soll, hat Raab bis heute nicht wirklich begründet. Viel ist seit der Abschiedsankündigung geschrieben worden über seine Rolle in der deutschen TV-Landschaft, und tatsächlich läutet sein Abgang einen Generationenwechsel ein. Der Kölner galt mit seinen zahlreichen Formaten - "Stockcar Crash Challenge", "Bundesvision Song Contest", "Absolute Mehrheit" - als Innovator des deutschen Fernsehens. Den Job hat jetzt ein anderer inne: Jan Böhmermann. Der sorgt mit seinem "Neo Magazin Royale" weniger im linearen TV-Programm, dafür umso mehr im Netz für Aufsehen. Eine Entwicklung, die Raab nicht mitgegangen war.

Und da ist es fast schon symptomatisch, dass das Ende der Raabschen TV-Ära ein Testbild einschließt, ein Relikt aus längst vergessenen Technikzeiten. Es erscheint, nachdem der mehrmalige ESC-Anwärter ganz am Ende zu einer etwas schmalzigen Version von Whitney Houstons "One Moment in Time" angesetzt hatte. Mittendrin vergisst er angeblich den Text, die Übertragung bricht ab. "Bitte haben Sie noch etwas Geduld, Stefan Raab ist gleich wieder für Sie da. Im Moment sind alle Fernseher besetzt", ist aus dem Off zu hören.

Und dann taucht er tatsächlich noch einmal auf. Mit Rentier-Geweih, Fellmantel und Pilotenbrille steht Raab mit seiner Showband, den Heavytones, wieder auf der Bühne und singt Chuck Berrys "Run Rudolph Run", dazu regnet goldglitzerndes Konfetti von der Decke. Das Publikum und die Mitarbeiter versammeln sich um ihn, viele werden noch in den Arm genommen oder abgeklatscht. "Ich hoffe, Sie hatten ein bisschen Spaß", sagt Raab, dann verschwindet er hinter der Showkulisse. Das war's dann wirklich.

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pumpernickl1811 20.12.2015
1.
C-Promis vom 10-Meter-Turm aufklatschen lassen - das waren schon gute Ideen. Aber er hat das ganze so durch Werbeeinblendungen in die Länge gezogen, dass ich schon beim ersten mal abgehängt wurde und später beim zappen höchstens mal kurz innegehalten habe. Wundert mich, dass er damit so viel Stammpublikum erreichen konnte.
Kanzleramt 20.12.2015
2.
Wurden eigentlich bei der letzten Show irgendwann mal die Redakteure und Mitarbeiter gewürdigt, die sich die ganzen Spiele ausgedacht haben? Das waren für mich die heimlichen Stars der Sendung!
voiceecho 20.12.2015
3. Trashtv
Bei allem Respekt, Raab hat mir Ausnahme von Vivasion und ESC nur Trash-TV geliefert! Es sind keine Meilensteine in der TV Unterhaltung, sondern nur kleine nicht immer unterhaltsame Momente! Ihn mit Jan Bömmermann zu vergleichen, ist eher verwunderlich und abwegig, da der Jan eher ein Vergleich mit Harald Schmidt verdient hätte, da seine Sendungen vom Niveau her, eher dort passen! Ich wage auch die Prognose, dass man den Raab schnell vergessen wird, da sein Erbe bis auf den ESC leider nichts wert ist. Er hatte nie die Klasse von Hape, Gottschalk oder eben Harald! Sorry und alles Gute Stefan, wir werden Dich sehr schnell vergessen...
Pagode 20.12.2015
4. Wie bitte?!
Jan Böhmermann hat jetzt als Folgegeneration mehr oder weniger die Nachfolge von Raab angetreten? Hallo? Gestern war das Ende der großen Samstag-Abend-Shows. Wirreden nicht von TVtotal. Mit seiner popeligen 30-Minuten-Show ist Jan B. ist ein ganz, ganz kleines Licht dagegen. Zugegeben, das hat mehr Qualität, aber für mehr als unendlich viele Einspieler und Überbrückungshilfen einer Band reicht es bei ihm auch nicht. 2,5 Stunden Böhmermann am Samstagabend, da kackt der kleine Mann dan ganz schnell mal ab und ich bin vor lauter Schnellgesabbel vermutlich schon nach 60 Minuten ohnmächtig geworden. Es gibt seit gestern keinen 20.15-Uhr-live-Act mehr in diesem Land. Es gab jahrelang immer 2 Stefan Raabs: Den gelangweilten aus der nervigen Wochensendung und den vollgasgebenden aus den Challenge-Sendungen. Ersten haben die meisten gehasst (ich auch), der Andere hat uns aber überzeugt. Der erste ist zum Glück weg, der zweite aber leider auch. Ich hätte mir gewünscht, dass er TVtotal viel früher an den Nagel gehängt hätte und sich nur noch aufs Samstag-Format konzentriert. Tja, Pech gehabt. Ich wünsche ihm einen angenehmen Ruhestand und meine Glaskugel verrät mir, dass er eh noch einen letzten ganz großen Auftritt wird: nämlich dann, wenn seine Memoiren erscheinen. So in 5 Jahren vielleicht. Goldene Marie, ick seh’ Dir winken.
uksubs 20.12.2015
5. ich wäre so gern
mal gegen ihn angetreten. ich bin ihm gegenüber ein alter sack, raucher. und hatte mich durchaus auch beworben. doch nun das, das ende, es ist mir nicht mehr vergönnt. raab war für mich ein unding, fremdschambehaftet, ein tv- no go, letztlich der antrieb für mich, ihn - eben zu schlagen. tv total konnte ich nie länger als 2 minuten ertragen, was für mich in dem ansehen der highlights aus allen sendungen endete. um zu sehen, dass es doch einige gab, die nicht ganz so blöd waren. doch zuvor hieß es nur - schlag den raab. ich hatte mir zwei, drei dieser shows angesehen und bekam zusätzliche motivation durch sein gebaren, oft sehr nahe der unsportlichkeit. ja, das wäre es gewesen - diesem raab vor millionenpublikum eine empfindliche niederlage beizubringen! ihn als altem sack seine grenzen aufzuzeigen, einen spiegel vorzuhalten, die fratze hervorzukratzen - dazu, es so machen zu wollen, dazu hat er mich gebracht. nun ist er weg! ich frage mich nicht, was wohl jetzt kommt, denn, nun, wo er weg ist, kommt da lange nichts. ein jan böhmermann ersetzt nur den teil, deren lücke tv total hinterläßt, doch darauf kann man ihn nicht reduzieren. und wäre ich ein tv- nerd, ich würde ihn nun wohl vermissen!
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