Stefan Raab Einen Zweiten wird's nicht geben

Stefan Raab geht, das Fernsehen wird nicht mehr sein wie zuvor. Als ProSieben-Schreck erschuf sich der Moderator einen Kosmos nach eigenen Regeln. Doch die Ära der TV-Titanen ist vorbei.

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Jürgen Domian geht, Günther Jauch geht, jetzt geht auch Stefan Raab. Ein Telefontalker, ein Alleswegtalker, ein Rabiattalker, auf den ersten Blick könnten die drei nicht unterschiedlicher im Auftreten sein, und doch muss man ihre mit viel Furor und viel Vorlauf angekündigten Abschiede von ihren angestammten Sendeplätzen zusammen lesen. Sie erzählen vom Ende eines Fernsehens, wo auf langer Strecke, also über Jahrzehnte, einzelne Gesichter ganze Unterhaltungssegmente prägten, ja sogar einzelne Unterhaltungssegmente erst erfanden.

Dieses Fernsehen wird es in Zukunft nicht mehr geben, nicht werbefinanziert, nicht gebührenfinanziert.

Nein, so einen wunderbaren Spielkindkosmos, wie ihn sich Stefan Raab in seinen 22 Jahren Fernsehen, erst für Viva, dann für ProSieben, aufgebaut hat, wird kein zweites Mal mehr errichtet werden. 2180 Folgen "TV Total", dazu etliche Ausgaben von "Wok WM" und "Stock Car Crash Challenges", von Poker- und Turmspringnächten. Mit seinen Samstagsspektakeln hielt Raab die Zuschauer oft bis weit nach Mitternacht vor dem Bildschirm. Oft brauchte er dafür nicht mehr als einen sportiven Gegenspieler, so wie in "Schlag den Raab", wo er sich fünfstündige Zweikämpfe mit einzelnen Publikumsgästen lieferte.

Raab soll die ARD retten

Sein ProSieben-Reich funktionierte so gut, dass die öffentlich-rechtliche Konkurrenz mit ihrem über die letzten Jahre stetig wachsenden Unterhaltungsdefizit ihn erst argwöhnisch beäugte, dann hilflos zu kopieren versuchte und schließlich bedingungslos hofierte.

2010 richtete Stefan Raab für die ARD (und in bis dahin nie dagewesener Weise in Kooperation mit ProSieben) den heruntergekommen Eurovision Song Contest neu aus, 2013 probierte er sich im Bundestagswahlkampf als Polittalker, der die jungen Leute ans Thema führen sollte.

So erarbeitete sich Raab einen unverwüstlichen Ruf als Heilsbringer des deutschen Fernsehens. Wann immer in den letzten Jahren über die Zukunft des Mediums nachgedacht wurde, brachte man die gleichen Personen ins Spiel, um ihnen dann in fast schon fahrlässiger Weise Ikonenstatus zu attestieren: Jauch und Raab.

Doch während Jauch in den letzten Jahren pflichtschuldigst den Allwetter-Zampano für die ARD und RTL gab, schien Raab selbst nicht mehr so recht an das Anything-goes-Fernsehen der Nullerjahre zu glauben, das er doch selbst maßgeblich geprägt hatte. Er zog sich auf seine angestammten ProSieben-Formate zurück wie ein Rentner nach Mallorca - alles Idioten, die anderen! - und bespielte sie über die letzten Monate mit rigoroser Gleichgültigkeit. Jetzt hat er, nur konsequent, seinen endgültigen Rückzug verkündet.

Ein respekteinflößender Akt, der in Timing und Tonfall unterstrich, was für ein kluger, sportiver und, jawohl: authentischer Unterhaltungskünstler Stefan Raab ist.

Mit diesem Akt wird aber auch die Misere für das deutsche Fernsehen manifest und die Katastrophe für ProSieben perfekt. Einen zweiten Raab wird es nicht geben, nicht bei den Öffentlich-Rechtlichen, nicht bei den Privaten. ProSieben hatte Raab in seiner Rentnerhaftigkeit ja gewähren lassen, weil gewohnheitsmäßig noch immer relativ viele Leute sein "TV Total" einschalteten, jedenfalls mehr als bei den meisten Comedy-Wiederholungen in der Nacht; Nachwuchs ist nicht in Sicht.

Und was ist mit Joko und Klaas, die in ihrem "Circus HalliGalli" patent das Anarcho-Entertainment weiterführen, wie es Raab einst ins hiesige Fernsehen brachte? Och nee, die mussten ja schon immer wieder herhalten, als es nach dem Abgang von Thomas Gottschalk um mögliche Nachfolger ging. Die Zeit der großen generationen- und geschmäckerverbindenden Entertainer ist im immer segmentierteren Fernsehen vorbei. Das "TV" wird nie wieder "Total" sein.

Raab im TV-Duell: "King of Kotelett" (2013)

Getty Images
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Saima Altunkaya
Christian Buß ist Kulturredakteur bei SPIEGEL ONLINE mit dem Schwerpunkt Medien und Gesellschaft.

E-Mail: Christian_Buss@spiegel.de

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insgesamt 164 Beiträge
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Seite 1
franksterling 18.06.2015
1. -
ein glück. meiner Meinung nach hat stefan Raab genervt ohne ende. 90% der witze sind auf kosten anderer (zumindest vor 10 Jahren als ich mir das letzte mal etwas von ihm angesehen habe) und diese omnipräsenz finde ich einfach schlimm. hoch leben die dritten...
MatthiasPetersbach 18.06.2015
2.
Mit dem Talent hätte er was Besseres machen können. Am Anfang hat er nur arme Leute platt gemacht. War vielleicht nötig, um seinen "Kosmos zu schaffen" - aber jetzt könnte er da mal was zurückzahlen.
raubkopie 18.06.2015
3. Was für ein Glück!
Endlich geht er, war längst fällig!
Skalla-Grímr 18.06.2015
4. Raab
Nun wird wieder vielfach hervorgehoben, dass Raab sich öfters über kleine Leute lustig gemacht hat. Das mag sein, aber man sollte auch daran denken, dass er sich oft selbst bewusst in lächerlichen Situationen gezeigt hat, Dinge ausprobiert, die er nicht kann, sich in alberne Kostüme gezwängt usw. Sprich er hat sich selbst auch nicht geschont, was das Veralbern angeht. Auch dass er ein Musikprofi und Multiinstrumentalist ist, sollte man bei seiner Person nicht vergessen. Wer kann schon aus ein paar versehentlich aufgenommenen Dialogfetzen ("Hol mir mal ne Flasche Bier") einen kompletten Song basteln?
sliever 18.06.2015
5. Proll-Ikone
Bierflasche, Coutch, Dummschätzerei, unreifes Bübchen, statt Mann - das verkörperte Raab - und machte es im TV salonfähig. Beliebig und austauschbar... Das ist Zeitgeist, aber dem ist keine Träne nachzuweinen.
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