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Steinmeier in der "Wahlarena": Wut, Schweiß und Gähnen

Von Reinhard Mohr

Bombardiert von den Fragen ungnädiger Bürger, wollte Frank-Walter Steinmeier in der ARD-"Wahlarena" mit Gründlichkeit punkten - und geriet doch nur in die Rolle des schwitzenden Opfers. Vielleicht hätte er den Spieß einfach umdrehen und das Wagnis unbequemer Wahrheiten eingehen sollen.

Wortabkrobatik ist ihm fremd: Frank-Walter Steinmeier in der "Wahlarena" Zur Großansicht
AP / WDR

Wortabkrobatik ist ihm fremd: Frank-Walter Steinmeier in der "Wahlarena"

Elke Büdenbender wird mitgelitten haben. Die ersten Schweißperlen auf der Stirn ihres Ehemannes bildeten sich schon nach wenigen Minuten in der "Wahlarena" der ARD, die ihre vorübergehende Heimstatt im Kölner "E-Werk" gefunden hat. Nach Angela Merkel am Montag war nun, am Dienstagabend, Frank-Walter Steinmeier, der Kanzlerkandidat der SPD, an der Reihe, sich den Fragen ausgewählter Bürger zu stellen.

Die erwiesen sich im Schnitt als spürbar hartnäckiger, ja durchaus ungnädiger als jene, die am Abend zuvor Angela Merkel gegenübersaßen. Es mag Zufall gewesen sein oder nicht. Womöglich lag es auch daran, dass Steinmeier, trotz lächelnder Strahlemann-Dynamik zu Beginn, rasch wieder in seinen Habitus verfiel, die Dinge allzu ausführlich darzulegen. Anders als Angela Merkel hat er nicht den Mut zur frechen Verknappung, zur burschikosen Abbreviatur - nein, er will es auch dann gründlich machen, wenn er gar nicht so viel zu sagen weiß.

Und das ist häufiger der Fall, vor allem dann, wenn ein Bürger seine ganz persönliche Lebens- und Arbeitssituation schildert, die der Kandidat weder kennt und angemessen beurteilen noch gar verändern kann. Hier liegt auch das Unfaire der ganzen Veranstaltung: Ein Bombardement verschiedenster Fragen, die kein Mensch in dieser Kürze ehrlich und wahrhaftig beantworten kann - von Unterhaltungskünstlern wie Gregor Gysi vielleicht abgesehen, die daraus eine wortakrobatische Show machen würden.

Ohne Wagnis

So aber war es besonders quälend, Frank-Walter Steinmeier dabei zusehen zu müssen, wie er noch einmal die Rente mit 67 begründet, dem Hertie-Mitarbeiter die Motive seiner Opel-Rettungsversuche erklärt und die Eckpunkte seines "Deutschlandplans" darlegt. Begrüßenswert immerhin, dass er einem Mitarbeiter von Conti, der praktisch die Aufhebung des internationalen Wettbewerbs forderte, noch einmal kurz die Regeln der sozialen Marktwirtschaft erklärte: "Wir haben keine Planwirtschaft." Überhaupt würde man sich viel häufiger wünschen, dass die Kandidaten in der politischen Stier-Arena den Spieß einmal umdrehten und aus ihrer medial inszenierten Opferrolle herausträten. Dazu müssten sie freilich das Wagnis eingehen, sich beim Wahlvolk offen unbeliebt zu machen - zum Beispiel mit einigen jener sprichwörtlich "unbequemen Wahrheiten", die am Ende keiner hören will.

Als etwa eine junge Frau mit Kopftuch ziemlich diffus das "Ausgeschlossensein" von Menschen mit "Migrationshintergrund" ansprach, verbot es natürlich der Reflex der "political correctness", auch nur ein bisschen nachzufragen und ins Detail zu gehen: Wo wie was genau? Bloß nicht in die (un-)heilige Multikulti-Falle tappen, bloß nichts über die Rolle des Islam, türkischen Jungmänner-Chauvinismus, arabische Schulabbrecher und mangelnde Deutschkenntnisse sagen müssen. Schon gar nichts über türkisch-arabische Gangs, die, wie unlängst mitten in Berlin, acht Polizisten durch die Straßen jagten, die in Zivil waren und längst Feierabend hatten. Lieber sagt man: "Chancengleichheit für alle!" Da macht man nichts falsch.

Sozialdemokratischer Wahlkampfsprech

Doch auch so schon, beim rhetorischen Normalbetrieb des sozialdemokratischen Wahlkampfsprech, blieb der Beifall für Steinmeiers Ausführungen meist schütter (anders als bei Angela Merkel). Vor allem beim Thema Arbeitsplätze, Leiharbeit und Mindestlohn setzten die Frager mehrfach nach und zeigten sich unzufrieden mit den Antworten. Tatsächlich hatte der SPD-Kanzlerkandidat allzu oft nur allgemeine Formulierungen zu bieten wie "Die Weichen in der Bildungspolitik müssen neu gestellt werden" oder "Wir haben das Problem Ihrer Kinder genau im Auge" (zur Frage des zukünftigen Schuldenabbaus).

Steinmeier schwitzte derweil immer mehr, und ältere Zeitgenossen mögen sich an Richard Nixon erinnert haben, der im Fernsehduell mit John F. Kennedy vor bald 50 Jahren auch sichtbar Schweißperlen im Gesicht hatte und (angeblich) nicht zuletzt deshalb die Präsidentschaftswahlen verlor.

"Träumen Sie manchmal von Murat Kurnaz?"

"Sie sind jetzt knapp vier Jahre Außenminister, also nicht einmal so lange, wie Murat Kurnaz in Guantanamo war: Träumen Sie manchmal von Murat Kurnaz?" Diese ungeschminkte Frage eines jungen Mannes mag Frank-Walter Steinmeier noch weiter ins Schwitzen gebracht haben, aber dieses Mal antwortete er vergleichsweise kurz und klar: "Es gab keine Möglichkeit, Kurnaz herauszuholen." Ob es die Wahrheit ist, wofür nicht allzu viel spricht, muss er am Ende mit sich selbst ausmachen.

Ähnlich unangenehm war schließlich eine Frage, die noch einmal wie im Brennspiegel das brave deutsche Gemüt vorführte. Ein offensichtlich gut situierter gesunder Mann in den besten Jahren, seit rund dreißig Jahren fest angestellt, gut verdienend und stolzer Hausbesitzer fragt nach Hartz IV, genauer, nach der Eventualität, also dem Fall des Falles, er verlöre dereinst seinen Job und fände auch nach mehr als einem Jahr keinen neuen: Ob dann der Wert seines Hauses angerechnet würde?

Selbst Steinmeier musste sich da erst einmal sammeln und fragte dann nach: Sie haben aber den Job noch? Dann sprach er über das "Schonvermögen" und allfällige Verbesserungen nach der Bundestagswahl - so, wie auch FDP-Chef Guido Westerwelle. Was hätte er auch sonst tun sollen? Nach 75 Minuten war das Leiden endlich zu Ende. Sprachlos ging man in die Nacht.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 153 Beiträge
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1. Unfair!
samiroquai 09.09.2009
Steinmeier und Merkel sind beide Palaverer, da nehmen die sich nicht viel. Interessant ist nur, dass das Publikum scheinbar deutlich härter mit Frankensteinmeier ins Gericht ging als mit Uns Angie. Auch Nachhaken war bei Angie nicht so möglich wie beim Fränkie, zumindest sah es so für mich aus. Ihren Wahlkampfarena-Auftritt kann man eher mit dem Townhall-Meeting Steinmeiers vergleichen: soft, und scheinbar geschützt von einer unsichtbaren Hand, die allzu hakliges Nachbohren verhindert. Ob das Absicht ist? Ich bin selbst nicht für die SPD (und auch nicht für CDU/CSU), aber ich finde, beide Kandidaten wurden hier unterschiedlich behandelt, schon vom "Aufmacher" her, und das zum Nachteil Steinmeiers. Dass das der Inhaltsleere von Steinmeiers Antworten nichts positives hinzufügt, versteht sich von selbst. Nur ist eben Angie da auch nicht besser!!
2. Kontur / Meinung ?
Sabi 09.09.2009
Wie nennt man einen Mann, der alle und alles versteht und für alle und alles Verständnis hat ? Konturlos, Opportunist, Weltversteher ohne eigene Meinung ?.... So kam mir der Kandidat vor ! Sich bei allem Liebkind machen ist und bleibt .......!
3. Steinmeier ist wie Merkel nicht der Richtige für dieses Amt.
Ammun, 09.09.2009
Was dieses Land braucht sind doch Leute, die anpacken können, nicht die um den heißen Brei herumreden, ohne was (wirkliches) zu tun!
4. Immer draufhaun
strategin 09.09.2009
Als etwa eine junge Frau mit Kopftuch ziemlich diffus das "Ausgeschlossensein" von Menschen mit "Migrationshintergrund" ansprach, verbot es natürlich der Reflex der "political correctness", auch nur ein bisschen nachzufragen und ins Detail zu gehen: Wo wie was genau? Bloß nicht in die (un-)heilige Multikulti-Falle tappen, bloß nichts über die Rolle des Islam, türkischen Jungmänner-Chauvinismus, arabische Schulabbrecher und mangelnde Deutschkenntnisse sagen müssen. Schon gar nichts über türkisch-arabische Gangs, die, wie unlängst mitten in Berlin, acht Polizisten durch die Straßen jagten, die in Zivil waren und längst Feierabend hatten. Lieber sagt man: "Chancengleichheit für alle!" Da macht man nichts falsch. Ihre latent rassistischen Gemeinplätze sind auch nicht viel besser. Bürger mit Migrationshintergrund haben es in diesem Land tatsächlich viel schwerer oder haben Sie nicht vor kurzem über die Benachteiligung türkischstämmiger Politiker bei den Bundesagswahlen berichtet?
5. witzig
duffybarracuda, 09.09.2009
+++ sehr guter Artikel, hätte man dazu im Spiegel am wenigsten erwartet +++
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