Sterbe-Doku in der ARD Optimismus bis zum letzten Atemzug 

Schwimmen, feiern, Abschied nehmen: Die Dokumentation "Letzte Saison" findet die richtigen Worte und die angemessenen Bilder zum ganz normalen Sterben in den Armen der modernen Medizin - ein bewegendes Werk.

Von Nikolaus von Festenberg

SWR

Frau Zeller, die Buchhändlerin aus Freiburg, hatte noch so viel vorgehabt. Schwimmen im Freibad, mit dem Mann um die Welt reisen, lesen, ordnen, den Enkel aufwachsen sehen, den Gatten mit ihrer Hyperaktivität nicht zur Ruhe kommen lassen. Dann, im August, elf Tage nach der Pensionierung, kam die niederschmetternde Diagnose im Freiburger St. Josefskrankenhaus: Bauchspeicheldrüsenkrebs mit Lebermetastasen, ein Synonym für Hoffnungslosigkeit und den sicheren Tod.

Begreifen kann das kein Mensch. Am wenigsten Frau Zeller. Aber umgehen müssen die Kranke, ihr Ehemann, die Tochter und Dr. Matthias Rilling, 59, der behandelnde Oberarzt, mit dem Unbegreifbaren trotzdem. Und das Fernsehen auch - es ist mit Frau Zellers Zustimmung auf ihrem letzten Weg dabei.

Die Dokumentarfilmerin Sigrid Faltin mit ihrem Kameramann Ingo Behring sind die Sterbebegleiter der Krebskranken. Die besten, die sich denken lassen, wie ihr Dokumentarfilm "Letzte Saison - Wenn es Zeit ist zu sterben" beweist. Die Vereinbarung zwischen der Sterbenden und den filmischen Beobachtern haben eine einsichtige ethische Grundlage: Die Krebskranke möchte ihrem Enkel, den sie nicht aufwachsen sehen wird, eine Erinnerung hinterlassen. Auch ein Bilderverbot wurde festgelegt: Bei der letzten Ölung und beim letzten Besuch des Arztes darf die Kamera nicht dabei sein.

Schwimmbad im Nebel

Faltins bewegender Film belegt die manchmal zur Floskel erstarrte Wahrheit, dass der Tod zum Leben gehört. Wir lernen Frau Zeller als Kämpferin kennen, die sich wehrt. Ihre Waffe ist ein unerbittlich verdrängerischer Optimismus. Sie lässt, wenn irgend es möglich ist, die Verzweiflung nicht an sich heran. Sie schwimmt eisern, solange es geht. Sie vernichtet die Urlaubsfotos, weil sie weiß, dass die Nachwelt damit nichts wird anfangen können. Ihrem Mann schwimmt alle Vertrautheit davon. Er muss den Optimismus seiner Frau in deren Gegenwart unterstützen, seine Trauer und Angst spricht er in die Kamera, wenn die Ehefrau nicht da ist. Er hat Umzugspläne für den Fall ihres Todes.

Auch der Mediziner, der die todkranke Patientin begleitet und weise auf Bestrahlung und Chemo verzichtet, spielt Frau Zellers Optimismustheater, soweit es eben geht, mit. Und was macht die Filmemacherin?

Sie tut das Beste, was ein Beobachter tun kann. Sie bleibt nüchtern. Sie gönnt sich kaum Fluchten ins nebulös Symbolische. Nur ein paar Impressionen vom Schwimmbad, das nach Ende der Sommersaison geschlossen wird und sich in herbstliche Nebel hüllt, könnte man als Metaphern für die grausame Vergänglichkeit ansehen, die hier in ihrer Untröstlichkeit die Fernsehbühne betritt. Nein, es gibt in diesem Film keine zweite Ebene, kein wie auch immer geartetes Wissen, das größer ist als das der Betroffenen.

"Letzte Saison" ist ein weiteres Beispiel für die vorbildliche Doku-Tradition der produzierenden ARD-Anstalt SWR, die überwiegend im Verborgenen jenseits der Quote blüht. Bei dem Sender liefen zuletzt hinreißend genaue und handwerklich überzeugende Beispiele für die Lust am Zeigen der Gegenwart. Etwa "Waschen und Leben" von Jenke Norhalm und Michael Baumann - Impressionen aus einem altenfreundlichen Friseursalon - oder Marcus Welschs "Landschaftgeschichten" über die geheimen Verbindungen von Geschichte und Natur.

In all diesen Filmen gibt es keine intellektuelle Spekulation, sondern einen Geist der Weltzugewandtheit - der nun ausgerechnet im Angesicht des Sterbens in "Letzte Saison" eine ganz besonders starke Wirkung erzielt.

"Letzte Saison - Wenn es Zeit ist zu sterben", Dienstag 22.45 Uhr, ARD



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insgesamt 38 Beiträge
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khid 12.07.2011
1. Vom Optimismus
Die Doku läuft erst in etwa drei Stunden - ich werde sie wohl aufnehmen... Grundsätzlich erlaube ich mir dennoch vorab eine Meinung. Es ist wichtig - gesellschaftlich, ethisch, persönlich, das es solche mutigen Menschen gibt, die offen und ungeschönt das wirkliche Leben zeigen - eben auch den Tod. Der Tod ist für viele Menschen über lange Perioden des eigenen Lebens etwas, das man nicht wahrnimmt, nicht wahrnehmen will. Er begegnet uns dennoch täglich: In den Nachrichten, Zeitungen und Magazinen. Manchmal kommt er näher an uns heran - dann, wenn jemand aus unserem engeren Umgang stirbt. Dann sind wir betroffen. Dann empfinden wir dieses Gefühl des "Unwiderbringlichen" und "Unfassbaren". Sterben und Tod, das ist aber auch eine gesellschaftliche und religiöse Frage. Die Frage, wie damit umgegangen wird. Ist der Tod generell ein Verlust oder doch ein Übergang, eine Erlösung, gar ein "Verdienst"? Es gibt hier zu Lande das geflügelte Sprichwort "Die Besten gehen (sterben) immer zu erst!" Nur ein Trostspender? Oder auch eine von vielen Wahrheiten? Himmel, Hölle, Hades, Paradies, Nirvana... Was kommt "danach" - nach dem Leben? Manche glauben, da kommt das Nichts. Andere glauben an Himmel, Hölle, Paradies. Unabhängig von Seelenwanderung bleibt aber immer eins erhalten: Die Erinnerung der nachfolgenden Generationen an ihre Ahnen. Kulturübergreifen, Religionen übergreifend. So gesehen hat Frau Zeller ihrem Leben einen weiteren Sinn gegeben: Ihr Vermächtnis an das Sein und das Leben wird die Erinnerung sein an diese mutige Frau, die ihren Optimus behält. Die nachfolgenden Generationen ihrer Familie werden sie sicher nicht vergessen - und im Idealfall viel für ihr eigenes Leben lernen: Lebe jeden Tag als wäre es Dein letzter!
Lutz W. 12.07.2011
2. Das ist auch meine Devise
Zitat von khidDie Doku läuft erst in etwa drei Stunden - ich werde sie wohl aufnehmen... Grundsätzlich erlaube ich mir dennoch vorab eine Meinung. Es ist wichtig - gesellschaftlich, ethisch, persönlich, das es solche mutigen Menschen gibt, die offen und ungeschönt das wirkliche Leben zeigen - eben auch den Tod. Der Tod ist für viele Menschen über lange Perioden des eigenen Lebens etwas, das man nicht wahrnimmt, nicht wahrnehmen will. Er begegnet uns dennoch täglich: In den Nachrichten, Zeitungen und Magazinen. Manchmal kommt er näher an uns heran - dann, wenn jemand aus unserem engeren Umgang stirbt. Dann sind wir betroffen. Dann empfinden wir dieses Gefühl des "Unwiderbringlichen" und "Unfassbaren". Sterben und Tod, das ist aber auch eine gesellschaftliche und religiöse Frage. Die Frage, wie damit umgegangen wird. Ist der Tod generell ein Verlust oder doch ein Übergang, eine Erlösung, gar ein "Verdienst"? Es gibt hier zu Lande das geflügelte Sprichwort "Die Besten gehen (sterben) immer zu erst!" Nur ein Trostspender? Oder auch eine von vielen Wahrheiten? Himmel, Hölle, Hades, Paradies, Nirvana... Was kommt "danach" - nach dem Leben? Manche glauben, da kommt das Nichts. Andere glauben an Himmel, Hölle, Paradies. Unabhängig von Seelenwanderung bleibt aber immer eins erhalten: Die Erinnerung der nachfolgenden Generationen an ihre Ahnen. Kulturübergreifen, Religionen übergreifend. So gesehen hat Frau Zeller ihrem Leben einen weiteren Sinn gegeben: Ihr Vermächtnis an das Sein und das Leben wird die Erinnerung sein an diese mutige Frau, die ihren Optimus behält. Die nachfolgenden Generationen ihrer Familie werden sie sicher nicht vergessen - und im Idealfall viel für ihr eigenes Leben lernen: Lebe jeden Tag als wäre es Dein letzter!
Religionen kommen und gehen, da sind wohl eher Jahrtausende der Rahmen, aber wir leben jetzt. Es kann so viel passieren. Ich hatte einst einen schweren Unfall, Wirbelsäule gebrochen, 3 Wirbel gebrochen, Trümmerbruch im Sprunggelenk, 6 Rippen gebrochen, Schleudertrauma und so weiter. Der Arzt meinte "ein Wunder das Sie nicht gelähmt sind, normalerweise rutscht das so weg, AOK-Chopper". Seitdem beschäftige ich mit den verschiedenen Religionen und mir ist klar geworden, daß sich alle Religionen nur der Angst um das Sterben drehen. Es ist nun einmal so, Ende und Aus. Deshalb ist auch meine Devise: Lebe jetzt, Du hast nur ein Leben!
karinkapturak 12.07.2011
3. JS Bach
Es gibt eine Bach-Kantate mit dem Titel: "Ich freue mich auf meinen Tod, ach hätt er sich schon eingestellt." Der Tod ist zwar ein schlimmer Abschied von den Seinen aber auch der grundsätzlichste größte entscheidendste Schritt, den wir tun, warum soll das so etwas schreckliches sein. Ist es nicht eher das Spannendste, was es gibt.
daujoons, 12.07.2011
4. Ich widerspreche Ihnen
Zitat von karinkapturakEs gibt eine Bach-Kantate mit dem Titel: "Ich freue mich auf meinen Tod, ach hätt er sich schon eingestellt." Der Tod ist zwar ein schlimmer Abschied von den Seinen aber auch der grundsätzlichste größte entscheidendste Schritt, den wir tun, warum soll das so etwas schreckliches sein. Ist es nicht eher das Spannendste, was es gibt.
denn der Tod ist wohl das Langweiligste, was ich mir vorstellen kann! Was das Sterben angeht, bin ich Ihnen schon näher. Spannend, im Sinne von "aufregend" ist wohl aber auch das nicht. Als Krebspatient ist mein prognostizierter verfrühter Tod einfach nur ein ganz großer Mist! Da kann ich nichts Tolles oder Spannendes entdecken, etwas "Natürliches" und letztendlich zu "Akzeptierendes" schon eher, aber, nun ja, was bleibt mir anderes über?
brandyandy 13.07.2011
5. Tja,
Zitat von karinkapturakEs gibt eine Bach-Kantate mit dem Titel: "Ich freue mich auf meinen Tod, ach hätt er sich schon eingestellt." Der Tod ist zwar ein schlimmer Abschied von den Seinen aber auch der grundsätzlichste größte entscheidendste Schritt, den wir tun, warum soll das so etwas schreckliches sein. Ist es nicht eher das Spannendste, was es gibt.
leider stimmt das wohl so nicht. Der entscheidendste Schritt ist bloß pures Verschwinden, der Schritt in die Nichtexistenz, bloße Banalität und nichts, auf das man sich freuen sollte. Übertroffen wird diese Banalität nur noch durch die Arten des Sterbens: der Krebstod hat da schon was melodramatisches, andere Leute schneiden sich in den Finger und sterben an einer Sepsis. Noch banaler ist es, mit hunderttausenden anderer zu verrecken, nur weil es zwei Jahre hintereinander nicht geregnet hat und das dem Rest der Welt egal ist. Letzteres bringt mich zu der Vermutung, das der Tod so banal ist, weil es das Leben - vor allem das intelligente - , zu dem er ja gehört, eben auch ist. Unser Bewußtsein ist eine Illusion zur Optimierung unserer biologischen Funktionalität. Über einen wirklich freien Willen verfügen wir genau so wenig wie eine Fruchtfliege am Weinglas. Würde denn ein wirklich reflektierendes, emphatisches Wesen so etwas zulassen wie die kommende Hungersnot in Ostafrika?
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